CfP: Doing Modernism um 1900. Zwischen Metropole und Provinz (12/2026, Hagen); bis: 26.02.2026

Lehrstuhl Geschichte der Europäischen Moderne, FernUniv. in Hagen; Institut für sozialen Bewegungen in Bochum; Osthaus Museum Hagen (Web)

Zeit: 10.-11.12.2026
Ort: Hagen
Einreichfrist: 26.02.2026

Welche Vorstellungen um 1900 als Ausdruck von Modernität galten – so die grundlegende These –, war Gegenstand kontrovers ausgetragener gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Gerade den daran beteiligten Akteur:innen und den prägenden Orten gilt das besondere Interesse der geplanten Tagung. Dass im frühen 20. Jhd. das Wirtschafts- und Bildungsbürgertum zu den wichtigsten Trägergruppen und die Öffentlichkeit der Museen zu den maßgeblichen Debattenorten gehörte, verdeutlicht das Wirken des aus einer Hagener Industriellenfamilie stammende Kunstmäzens Karl Ernst Osthaus (1874-1921) in exemplarischer Weise – vor allem auch durch die weithin beachtete Gründung des auf moderne Malerei und Skulptur ausgerichteten Folkwang-Museums im Jahr 1902. Welche Kunstwerke aus welchen Gründen für Osthaus – und für andere Galeristen, Museumsdirektoren, Kunstkritiker und Sammler – als modern zu gelten hatten, war Gegenstand zahlreicher Auseinandersetzungen. Dabei dienten die Gemälde, Skulpturen und Architekturentwürfe immer auch als Medium der Weltinterpretation, mittels derer sich die Beteiligten über ihr moralisch-politisches Verhältnis zu einer sich mit großer Geschwindigkeit verändernden Wirklichkeit verständigten – von den rasant wachsenden Industriestädten über die kolonial überformte Globalisierung und den sich radikalisierenden Nationalismus bis hin zu den aufbrechenden Geschlechterverhältnissen. Dieses Doing Modernism bildet einen der Ausgangspunkte der geplanten Tagung. Gleichzeitig strebt sie an, weitere von anderen Akteursgruppen getragene und an anderen Orten ausgehandelte Modernitätsvorstellungen des frühen 20. Jhds. in den Blick zu nehmen.
Dass sich die Hinwendung zur Moderne in einer Vielzahl regionaler Kristallisationspunkte vollzog – und dass die Hauptstadt Berlin keineswegs eine dominierende Rolle spielte –, bildet einen ergänzenden Zugang. Gerade der Schwerpunkt auf die in der „Provinz“ geführten Debatten – so die zweite grundlegende These – ermöglicht eine vielschichtige kultur- und sozialgeschichtliche Verortung der damaligen Modernitätsvorstellungen. Entscheidende ästhetische Debatten des frühen 20. Jhds. entzündeten sich an Museen und Ausstellung in so unterschiedlichen Städten wie Darmstadt, Hagen, Weimar, Bremen und Köln. Dass zurückbleibende Residenzstädte, rasant wachsende Industriezentren, grenznahe Regionen und weltweit vernetzte Hafenstädte mit ihren verschiedenen historischen Kontexten die jeweilige Zeitgenossenschaft in charakteristischer Weise prägten, gerät mit dieser Perspektiverweiterung in das Blickfeld. Damit treten – neben der für Berlin maßgeblichen Auseinandersetzung zwischen rückwärtsgewandter Monarchie und aufstrebendem Bürgertum – zahlreiche weitere gesellschaftliche Konfliktfelder hervor.

Mögliche Fragen, die auf der Konferenz diskutiert werden sollen, sind folgende:
Wie beeinflusste der Aufstieg des Industriekapitalismus – und mit ihm die enorme soziale Ungleichheit – die Vorstellungswelt des Wirtschafts- und Bildungsbürgertums im frühen 20. Jhd.? Welche Neuordnungen von Arbeitswelt und Stadtraum galten in dieser Zeit als Inbegriff von Modernität? Wie lässt sich die avantgardistische Hinwendung zur Moderne im Zeitalter des sich radikalisierenden Nationalismus verorten? In welchem Spannungsverhältnis standen künstlerische Verflechtung und politische Verfeindung, gerade auch im Hinblick auf Deutschland und Frankreich? Welche Bedeutung hatten antisemitische Deutungsmuster für die Modernitätsvorstellungen des frühen 20. Jhds.? Wie verortete sich hier das deutsch-jüdische Bürgertum? Wie wirkte die mit dem imperialen Globalisierungsschub sprunghaft zunehmende globale Zirkulation von Artefakten und Wissensbeständen auf die in Europa geführten Debatten zurück? In welcher Weise waren kolonialer Herrschaftsanspruch und moderne Zeitgenossenschaft miteinander verbunden? Welche Vorstellungen von Geschlecht, Körperlichkeit und Sexualität kamen in den ästhetischen Debatten des frühen 20. Jhds. zum Ausdruck? Lässt sich die Hinwendung zur Moderne als Bruch mit den bestehenden Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit fassen?

Zu folgenden thematischen Schwerpunkten sind eigene Panels geplant:
– Industrie und Großstadt
– Nationalismus und Antisemitismus
– Globalisierung und Kolonialismus
– Geschlecht, Körperlichkeit, Sexualität

Die Tagung wird am 10./11 Dezember 2026 in Hagen stattfinden und wird veranstaltet von dem Lehrstuhl Geschichte der Europäischen Moderne der Fernuniversität in Hagen, dem Institut für sozialen Bewegungen in Bochum und dem Osthaus Museum Hagen. Die Übernahme der Reisekosten sowie der Kosten für die Unterkunft wird angestrebt.

Die Veranstalter:innen bitten um ein kurzes Abstract und einen CV bis zum 26. Februar an arndt.neumann@fernuni-hagen.de.

Quelle: HSozKult