Professur für Neueste Geschichte, Univ. Augsburg, Mathis Klockow (Web); Professur für Brandenburgisch-Preußische Geschichte, Univ. Potsdam, Leonie Aschmann (Web)
Zeit: 17.-18.06.2027
Ort: Augsburg
Einreichfrist: 30.09.2026
Dass Religion und Familie in den 1950er und frühen 1960er Jahren noch eng miteinander verflochten waren, ist schon seit längerer Zeit Konsens innerhalb der Forschung zur Sozial- und Kulturgeschichte der jungen Bundesrepublik. Dagegen erscheint das Verhältnis zwischen Religion, religiösen Praktiken und religiösen Bezugssystemen auf der einen Seite und Familie als Sozialformation auf der anderen in den 1970er und 1980er Jahren weniger eindeutig: Einerseits wurde mit Blick auf die Geschichte der Familienpolitik in der Bundesrepublik seit den 1970ern sowohl ein abnehmender Einfluss der Kirchen und kirchlicher Verbände als auch eine Persistenz des Leitbildes der christlich-bürgerlichen Familie betont. Andererseits wurde das gängige Narrativ, spätestens ab den 1960er Jahren seien familiäre religiöse Lebensstile und Praktiken erodiert, für diesen Zeitraum, abgesehen von wenigen Ausnahmen, keiner eingehenden Überprüfung unterzogen.
Es gibt indes gewichtige Gründe, sich aus historischer Perspektive auch für die 1970er und 1980er Jahre mit der Verflechtung von Religion und Familie zu beschäftigen. Trotz gesamtgesellschaftlicher Säkularisierungstendenzen und schwindender Kirchenbindung blieben religiöse Praktiken nach wie vor Teil des Alltags vieler Familien. Soziale und kulturelle Funktionen der „Basisinstitution Familie“ waren eng mit religiösen und konfessionell geprägten Vorstellungen und Sinnzuschreibungen verwoben, die etwa Rollenbilder prägten und Erwartungen an die verschiedenen Familienmitglieder beeinflussten. Darüber hinaus waren kirchliche Organisationen und Seelsorger:innen weiterhin nachgefragte Anlaufstellen in der Familienarbeit und Eheberatung. Diese Bedeutung von Religion und religiöser Institutionen im Alltag zeigte sich auch in migrantischen Familien nichtchristlicher Religionszugehörigkeit.
Zudem ist von einer fortwährenden Verflechtung von Religion und Politik auszugehen: So versuchten konfessionelle Akteure und Gruppen weiterhin Einfluss auf die Ausgestaltung der Familienpolitik zu nehmen, beispielsweise in den Debatten um das Ehe- und Familienrecht. Bis in die späten 1980er Jahre lassen sich enge personelle Verbindungen zwischen kirchlichen Verbänden und Gruppen auf der einen Seite und Bundes- und Landespolitik auf der anderen feststellen. Christliche Familienbilder sowie religiöse Bezüge in Form von Moralvorstellungen und Normvorgaben in öffentlichen Debatten anhaltend präsent.
Der Workshop diskutiert Forschungsergebnisse und Arbeitsthesen zu den Verflechtungen von Familie und Religion in den 1970er und 1980er Jahren in Politiken, Diskursen und Praktiken. Im Vordergrund stehen die evangelische und römisch-katholische Konfession, jedoch sind Beiträge zu anderen Konfessionen und Religionen sowie andere Formen der Religiosität und Spiritualität explizit willkommen.
Themenfelder des Workshops könnten somit u.a. sein:
– Rolle und Einfluss von kirchlichen Gruppen und konfessionellen Verbänden in familienpolitischen Debatten
– christliche Familienbilder (und ihre Veränderung) in Parteien, Verbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen
– Kirchliche Normvorgaben und Moralvorstellungen (bspw. zu Familienplanung und Verhütung) zwischen Konflikt, Anpassung und Persistenz
– katholische und evangelische Theologie und der Wandel der Familienstrukturen
– Religion in Familien: Geschlechterrollen, religiöse Rituale und Passagenriten
– Religiöse Praxis und Kindheit bzw. Jugend
– (religiöse bzw. kirchliche) Familien- und Beratungsarbeit
– Religion in christlichen wie nichtchristlichen migrantischen Familien
Vorschläge für Vorträge (20–25 Minuten + anschließende Diskussion) in Form eines Abstracts (max. 400 Wörter) sowie einen kurzen CV der/des Vortragenden erbitten wir bis zum 30.09.2026 an Mathis Klockow (mathis.klockow@uni-a.de) und Leonie Aschmann (leonie.aschmann@uni-potsdam.de)
Die Kosten für An- und Abreise sowie Unterkunft werden für Vortragende im üblichen Umfang übernommen. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant.
Der Workshop wird als Kooperation der Professur für Neueste Geschichte der Universität Augsburg und der Professur für Brandenburgisch-Preußische Geschichte der Universität Potsdam veranstaltet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell unterstützt.
Quelle: HSozKult (Web)
