{"id":10046,"date":"2012-07-20T03:45:20","date_gmt":"2012-07-20T03:45:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=10046"},"modified":"2022-05-19T16:13:22","modified_gmt":"2022-05-19T16:13:22","slug":"bericht-konferenz-undiszipliniert-methoden-theorien-und-positionen-der-frauen-und-geschlechtergeschichte-27-29-02-2012-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=10046","title":{"rendered":"Bericht: Konferenz: \u201eun\/diszipliniert? Methoden, Theorien und Positionen der Frauen- und Geschlechtergeschichte\u201c (27.-29.02.2012, Wien)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bericht f\u00fcr Salon 21 von Ruben Marc Hackler, Forschungsstelle f\u00fcr Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/strong><\/p>\n<p>Zum Selbstverst\u00e4ndnis der Frauen- und Geschlechtergeschichte geh\u00f6rt es, sich kritisch und gleichzeitig konstruktiv-partnerschaftlich \u00fcber die eigene Forschung auszutauschen. Gemessen daran, aber auch sonst, war die von <a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/fernetzt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201efernetzt e.V.\u201c<\/a> organisierte Konferenz <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=8004\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eun\/diszipliniert? Methoden, Theorien und Positionen der Frauen- und Geschlechtergeschichte\u201c<\/a>, die vom 27.-29. Februar dieses Jahres in den imposanten R\u00e4umlichkeiten der Universit\u00e4t Wien stattfand, ein gro\u00dfer Erfolg. Nach einer offenen Ausschreibung, auf die hin einundvierzig Bewerbungen eingegangen waren, kamen sechzehn Doktorierende aus acht europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zusammen, um ihre Qualifikationsarbeiten oder Teile daraus auf Deutsch oder Englisch vorzustellen. Unterst\u00fctzt wurden sie dabei von thematisch ausgewiesenen Kommentatorinnen und Kommentatoren, die den vielf\u00e4ltigen Themen und Forschungsans\u00e4tzen mit entschiedener Aufgeschlossenheit begegneten.<\/p>\n<p>Den Er\u00f6ffnungsvortrag hielt <strong>Barbara Duden<\/strong> (Hannover). Sie ging<!--more--> zum einen auf das Problem vieler Frauen in Deutschland ein, durch die Reformen des Sozialstaats seit den 1990er Jahren und die Ver\u00e4nderungen auf dem Arbeitsmarkt in den Niedriglohnsektor gedr\u00e4ngt zu werden. Diese Entwicklung sei mit einer \u201eIndienstnahme\u201c des Privaten verbunden, wie sie gegenw\u00e4rtig unter dem Stichwort Neoliberalismus diskutiert wird. Zum anderen schilderte sie ihre eigenen Anstrengungen in den 1970er Jahren, den pers\u00f6nlichen Missachtungserfahrungen, die pr\u00e4gend f\u00fcr eine ganze Generation von Frauen waren, einen kollektiv-politischen Ausdruck zu geben.<\/p>\n<p>Daran ankn\u00fcpfend fragte <strong>Karolina Sigmund<\/strong> (Wien), eine der Organisatorinnen, ob die Frauen- und Geschlechtergeschichte einer \u201eRepolitisierung\u201c bed\u00fcrfe. Sie beschrieb die widerspr\u00fcchliche Situation von Geschlechterforscherinnen (auch m\u00e4nnlichen Forschern?), ins wissenschaftliche Feld eingebunden zu sein, dort aber weiterhin um Anerkennung k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen, und bem\u00e4ngelte, der akademische Feminismus habe sich entradikalisiert. In der Diskussion stie\u00df diese Charakterisierung zwar nicht auf grundlegenden Widerspruch, doch wurde eine konkrete Handlungsorientierung f\u00fcr den universit\u00e4ren \u201eFrauenwiderstand\u201c (Duden) eingefordert.<br \/>\n<strong>Judith G\u00f6tz<\/strong> (Wien) referierte die nunmehr zwanzigj\u00e4hrige Geschichte der \u201egeschlechtersensiblen Rechtsextremismusforschung\u201c in \u00d6sterreich, der sie vor allem theoretische Defizite und Forschungsl\u00fccken attestierte. Sie nannte zwei vielversprechende Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze, warum rechtsextreme Milieus trotz ihrer frauenfeindlichen Tendenz attraktiv f\u00fcr Frauen sind: die soziologische Individualisierungsthese und die Dominanzkulturthese von Birgit Rommelspacher, derzufolge Frauen in rechtsextremen Bewegungen die M\u00f6glichkeit bek\u00e4men, Macht gegen gesellschaftlich ohnehin marginalisierte Gruppen auszu\u00fcben.<br \/>\n<strong>Elife Bi\u00e7er-Deveci <\/strong>und<strong> Edith Siegenthaler<\/strong> (beide Bern) stellten gemeinsam das Konzept der \u201eEntangled History\u201c als produktiven und, wie von der Kommentatorin Carola Sachse (Wien) hervorgehoben, bereits erprobten Ansatz vor, um internationale Frauenbewegungen zu untersuchen. In ihren Dissertationen geht es darum, die Interaktion lokaler und nationaler Frauenbewegungen (Bi\u00e7er-Deveci) beziehungsweise das komplexe politische Zusammenspiel bei der internationalen Verrechtlichung des Frauen- und Kinderhandels (Siegenthaler) in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen. Ihr Ziel ist, die in \u00e4lteren Forschungsarbeiten vorherrschende Konzentration auf (westliche) Metropolen zu \u00fcberwinden.<br \/>\nEin konzeptuell \u00e4hnliches, n\u00e4mlich auf \u201eVerflechtungen\u201c gerichtetes Dissertationsprojekt stellte <strong>Selin Cagatay<\/strong> (Budapest) vor, die sich ausgehend von intersektionalit\u00e4tstheoretischen Annahmen mit den Koppelungen von Geschlecht, Klasse, Nation und Ethnizit\u00e4t in der kemalistischen Frauenbewegung seit den 1990er Jahren besch\u00e4ftigt. Ihr Datenmaterial sind Interviews mit Aktivistinnen, die sich als Bewahrerinnen einer s\u00e4kularen, durch die Mittelklasse gepr\u00e4gten \u201enational culture\u201c verstehen, die sie gegen die islamistische Ideologie verteidigen wollen.<br \/>\nIntersektionale Forschungsans\u00e4tze standen auch in den Vortr\u00e4gen von <strong>Heike Mauer<\/strong> (Luxemburg) und <strong>Irene Messinger<\/strong> (Wien) im Mittelpunkt. Mauer, die den theoretischen Teil ihrer Dissertation zu Prostitutionsdiskursen in Luxemburg zwischen 1900 und 1939 pr\u00e4sentierte, verglich zuerst das Konzept der Intersektionalit\u00e4t mit dem des Geschlechts als \u201emehrfach relationale Kategorie\u201c (Andrea Griesebner) und schlug dann einen Bogen zu Michel Foucaults Theorie des Regierens. Die anschlie\u00dfende Diskussion entz\u00fcndete sich unter anderem an der Frage, ob Mauers Quellen nur Aussagen \u00fcber die Prostituierten oder auch \u00fcber die Freier erlauben.<br \/>\nMessinger berichtete aus ihrer bereits abgeschlossenen Dissertation, die den \u201ewei\u00dfen M\u00e4nnerb\u00fcnden\u201c in der \u00f6sterreichischen Migrationspolitik von den 1930er Jahren bis 2005 gewidmet ist. Sie konnte nachweisen, dass Eheschlie\u00dfungen von \u00d6sterreichern beziehungsweise \u00d6sterreicherinnen mit \u201eDrittstaatsangeh\u00f6rigen\u201c massiv erschwert werden. Der martialisch klingende Begriff des \u201eM\u00e4nnerbundes\u201c erh\u00e4lt sein volles Recht dadurch, dass die Gesetzgebung von einer m\u00e4nnlich und wei\u00df dominierten, rassistisch eingestellten Verwaltungselite bewerkstelligt wurde, die ihre Weltsicht ungehindert in Paragraphen einflie\u00dfen lassen konnte.<br \/>\nVon M\u00e4nnlichkeit\/en wiederum handelten die beiden Vortr\u00e4ge von <strong>Ruben Hackler<\/strong> (Z\u00fcrich) und <strong>Dominik Schuh<\/strong> (Mainz). Hackler stellte das Konzept der \u201eimmanenten Ideologiekritik\u201c vor, um damit den wissenschaftlichen Anspruch einer sich \u201ekritisch\u201c verstehenden Frauen- und Geschlechtergeschichte zu untermauern. Als empirisches Beispiel diente ihm der juristische Diskurs im Kaiserreich, in dem aus ideologischen Gr\u00fcnden die Meinung vertreten wurde, f\u00fcr das Richteramt seien nur M\u00e4nner aus dem B\u00fcrgertum bef\u00e4higt. In der Diskussion wurde eingewandt, dass sich der Ma\u00dfstab ideologiekritischer Argumente nicht eindeutig bestimmen lasse, wenn konkurrierende Wahrheitsvorstellungen ins Spiel k\u00e4men, und das ist bekanntlich h\u00e4ufig der Fall.<br \/>\nSchuh referierte die Theorie der \u201enarrativen Geschlechtsidentit\u00e4t\u201c, die seine Analyse sp\u00e4tmittelalterlicher M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen anleiten soll. Er st\u00fctzte sich auf Selbstzeugnisse, die durch biographische Schl\u00fcsselmomente, sogenannte \u201eMeilensteine\u201c, strukturiert werden. Sein Fokus lag auf zwei typischen Meilensteinen im Leben adliger Ritter: die Beziehung zum Pferd, das viel h\u00e4ufiger erw\u00e4hnt wurde als die Ehefrau, und die Bew\u00e4hrung im Kampf. Es blieb allerdings offen, wie sich dieses M\u00e4nnlichkeitsideal zu anderen Lebensweisen verhielt, etwa der von M\u00f6nchen.<br \/>\n<strong>Meritxell Simon-Martin<\/strong> (Winchester) zeigte anhand der Korrespondenz von Barbara Leigh Smith Bodichon, einer englischen K\u00fcnstlerin und Feministin aus dem 19. Jahrhundert, wie die Praxis des Briefeschreibens zur performativen \u201eSelbst-Bildung\u201c beitr\u00e4gt. Ihre Dissertation zielt darauf, die verschiedenen, im Austausch mit den Briefpartnerinnen und -partnern entstandenen Selbstentw\u00fcrfe zu erfassen. Hierbei w\u00e4re es sinnvoll, nicht nur Bodichons geschlechtliche \u201eIdentit\u00e4t\/en\u201c in den Blick zu nehmen, sondern auch ihre soziale Herkunft, schlie\u00dflich war das Medium Brief lange Gegenstand bildungsb\u00fcrgerlicher Vereinnahmungsversuche.<br \/>\n<strong>Maria Gross<\/strong> (Hamburg) setzte sich ebenfalls mit den Selbstzeugnissen einer K\u00fcnstlerin auseinander. Elena Luksch-Makowskaja stellte als eine der ersten Frauen in der Wiener Secession aus, doch konnte sie nach der Trennung von ihrem Ehemann 1921 nicht an ihre bisherigen Erfolge ankn\u00fcpfen und hatte finanzielle Schwierigkeiten, sich und ihre drei S\u00f6hne durchzubringen. In den f\u00fcnfziger Jahren arbeitete sie an einer Autobiographie, in der ihr Leben trotz aller Widrigkeiten zu einem \u201eGesamtkunstwerk\u201c stilisiert wird. Gewinnbringend d\u00fcrfte es sein, ihre Art der Selbststilisierung mit der von m\u00e4nnlichen K\u00fcnstlern zu vergleichen.<br \/>\n<strong>Irene Som\u00e0s<\/strong> (Bologna) Forschungsprojekt, das Leben antiker Frauen anhand von Inschriften zu erschlie\u00dfen, erwies sich angesichts der diffusen Quellenlage als besonders anspruchsvoll. Wie Kommentator Fritz Mitthof (Wien) erkl\u00e4rte, steht hier die Forschung noch ganz am Anfang. Gesichert sind mehrere F\u00e4lle, in denen Frauen Inschriften zusammen mit dem Bau von Denkm\u00e4lern in Auftrag gaben, um ihre aktive Rolle im \u00f6ffentlichen Leben zu unterstreichen, ihren gesellschaftlichen Aufstieg zu dokumentieren oder um die Karriere ihrer S\u00f6hne zu f\u00f6rdern.<br \/>\nF\u00fcr <strong>Jitka Gelnarov\u00e1<\/strong> (Prag) und <strong>Michaela Maria Hintermayr<\/strong> (Wien) waren diskursanalytische Zug\u00e4nge entscheidend. Gelnarov\u00e1s m\u00f6chte in ihrer Dissertation den Wahlrechtsdiskurs der tschechoslowakischen Frauenbewegung zwischen den 1890er Jahren und 1920 analysieren. Sie arbeitet mit Zeitschriften der Frauenbewegung, aber auch anderen gedruckten Quellen, die Auskunft geben \u00fcber die verschiedenen, teilweise widersprechenden Positionen zu Themen wie Fortschritt, Nation, Klasse oder Freiheit. Fraglich war, ob ihre ausgefeilte Diskurstheorie tats\u00e4chlich zu neuen Einsichten in ein klassisches Forschungsgebiet f\u00fchrt.<br \/>\nHintermayr untersucht am Beispiel \u00d6sterreichs die \u201egeschlechtsspezifische Suizidforschung\u201c. Sie m\u00f6chte die Zeit von 1870 bis heute erfassen, auch wenn das zu lang erscheint, da sie sich auf amtliches Schriftgut (insbesondere Statistiken), soziologische Klassiker, medizinische und psychologische Literatur sowie popul\u00e4re Printmedien st\u00fctzt und dabei sowohl Texte als auch Bildquellen analysiert. Unklar war, wie ihre Kritik stereotyper Selbstmordrepr\u00e4sentationen mit der ebenfalls geplanten Analyse von Lebens- und Todesmetaphern zusammenh\u00e4ngt, die in eine andere, linguistisch geartete Fragestellung m\u00fcnden d\u00fcrfte.<br \/>\nEine erst noch zu schreibende Geschichte stellte <strong>Alina Bothe<\/strong> (Berlin) in Aussicht: die der digitalen Medien von einer feministischen Warte aus. Bothe skizzierte zwei m\u00f6gliche Themen f\u00fcr eine solche Erz\u00e4hlung: die Rolle von Frauen bei der Entwicklung des Internets, das weiterhin als M\u00e4nnerdom\u00e4ne begriffen werde, und die noch kaum ausgesch\u00f6pften Potentiale, die das \u201eweb in progress\u201c f\u00fcr eine \u201einterdisziplin\u00e4re Geschlechtergeschichte\u201c bereithalte.<br \/>\nIn ihrem Abschlussvortrag warb <strong>Alexia Bumbaris<\/strong> (Wien), die auch zu den Organisatorinnen geh\u00f6rte, daf\u00fcr, die konkreten Schwierigkeiten im Verlauf der Qualifikationsphase und die praktischen Hindernisse interdisziplin\u00e4rer Arbeit transparent zu machen, anstatt einfach die Vorstellung eines souver\u00e4nen Forschersubjekts zu \u00fcbernehmen. Au\u00dferdem trat sie f\u00fcr einen selbstbewussten Umgang mit Theorien und Methoden ein und erinnerte damit an ein wesentliches Merkmal der Frauen- und Geschlechtergeschichte. In der Abschlussdiskussion wurde die keineswegs unberechtigte Frage aufgeworfen, aber nicht ausdiskutiert, ob die Frauen- und Geschlechtergeschichte denn zwingend \u201efeministisch\u201c sein m\u00fcsse, wie etwa Duden und Sigmund meinten, oder ob nicht auch eher unpolitische Spielarten legitim seien.<\/p>\n<p>Den f\u00fcnf Organisatorinnen des <a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/fernetzt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201efernetzt e.V.\u201c<\/a> ist es als besondere Leistung anzurechnen, ein derart breites Spektrum von Positionen, Themen und Forschungsans\u00e4tzen unter einen Hut gebracht zu haben. Das verdankte sich ihrer aufmerksamen Koordination im Vorfeld und der ebenso entspannten wie kompetent-neugierigen Leitung durch die Tagung selbst. Eine Fl\u00fcster\u00fcbersetzerin sorgte mit f\u00fcr das gute Gelingen der Veranstaltung. Ein weiterer Faktor war die ausgezeichnete Verpflegung, die wohl so manche inhaltliche Differenz auf ein vertr\u00e4gliches Ma\u00df reduzierte. Es bleibt zu hoffen, dass diesem Anlass \u00e4hnliche folgen werden.<\/p>\n<p>Ruben Marc Hackler<br \/>\nForschungsstelle f\u00fcr Sozial- und Wirtschaftsgeschichte<br \/>\nUniversit\u00e4t Z\u00fcrich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht f\u00fcr Salon 21 von Ruben Marc Hackler, Forschungsstelle f\u00fcr Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universit\u00e4t Z\u00fcrich Zum Selbstverst\u00e4ndnis der Frauen- und Geschlechtergeschichte geh\u00f6rt es, sich kritisch und gleichzeitig konstruktiv-partnerschaftlich \u00fcber die eigene Forschung auszutauschen. Gemessen daran, aber auch sonst, war die von \u201efernetzt e.V.\u201c organisierte Konferenz \u201eun\/diszipliniert? 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