{"id":17569,"date":"2014-07-23T01:09:34","date_gmt":"2014-07-23T01:09:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=17569"},"modified":"2022-06-02T15:40:33","modified_gmt":"2022-06-02T15:40:33","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-01-tagebuch-von-maria-e-23-juli-1914-steiermark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17569","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 05: \u201aM\u00fcttertagebuch\u2018 von Maria E. f\u00fcr ihr ungeborenes Kind, 23. Juli bis 14. August 1914, Steiermark"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><em><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-174-Handschrift-Maria-E.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-17511 size-thumbnail\" title=\"Handschrift von Maria E. (1915) [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-174-Handschrift-Maria-E-150x150.jpg\" alt=\"NL 174 Handschrift Maria E\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a><\/em>Maria E. (geb. 1890) war in einem b\u00fcrgerlichen Umfeld in der Steiermark aufgewachsen. Sie war ausgebildete Lehrerin und Klavierlehrerin. 1910 hatte sie eine Ferienreise in die Schweiz, nach Frankreich sowie Spanien unternommen und w\u00e4hrend der Sommer 1911 und 1912 als Kinderfrau in V\u00edtkov-Klokocov (Gro\u00df-Glockersdorf) in M\u00e4hrisch Schlesien gearbeitet. Seit 1913 war sie mit einem aus Nordb\u00f6hmen stammenden Juristen verheiratet und Mutter eines kleinen Sohnes in einer steirischen Stadt. Im August 1914 stand die Geburt ihres zweiten Kindes unmittelbar bevor. Dessen Entwicklung hat Maria E. in einem Tagebuch festgehalten, das als Abschrift in der Sammlung Frauennachl\u00e4sse vorliegt. Die Eintr\u00e4ge beginnen bereits in der Schwangerschaft.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Juli: Aufregung herrscht in der Stadt. Mit Begeisterung liest jeder das Ultimatum \u201e\u00d6sterreichs an Serbien.\u201c Es liegt eine Schwere in der Luft, so eine bange Ahnung!<\/p>\n<p>27. Juli: Gro\u00dfe Plakate fordern zur Mobilisierung auf. Begeisterung und Unruhe, Vaterlandsliebe und Abschiedsweh durchzittern die Stadt.<\/p>\n<p>28. Juli: Die W\u00fcrfel sind gefallen \u201e\u00d6sterreich erkl\u00e4rt Serbien den Krieg\u201c.<\/p>\n<p>8. August: Die Nachrichten \u00fcberst\u00fcrzen sich. Volk erhebt sich wider Volk. Gl\u00fchende Kaisertreue, gepaart mit fieberhafter Erregung, hat allenthalben Platz gegriffen. Ich lebe alles mit ganzem Interesse und tiefer Bewegung mit, ohne dabei das Eine zu vergessen, was meiner Seele das sch\u00f6nste Lied bedeutet \u2026 in ihr am tiefsten singt \u2026<\/p>\n<p>13. August: Nun sind alle Vorbereitungen getroffen. Der Schlafwagen steht neben meinem Bette und voll Liebe neige ich mich \u00fcber die Wiege, drin nun ja schon so bald ein unschuldig Kindlein atmen soll. Nach des Tages M\u00fche mache ich mit Mutter und Bubi<span style=\"color: #000080;\"> [der 11 Monate alte Sohn der Schreiberin]<\/span> einen Spaziergang. Langsam sinnend gehe ich in den Sommerabend. Viel, viel Liebe und noch mehr Stille, die leises Bangen durchhaucht, ist in mir \u2026 M\u00fcde und versonnen w\u00fcnsche ich der teuren Mutter \u201eGute Nacht!\u201c \u2013 \u2013 Adolf ist nicht daheim und Katherl, die 13-j\u00e4hrige Schwester, \u00fcbernachtet bei mir. Bald schl\u00e4ft die Kleine. Ich aber mu\u00df sie leider um 10 Uhr abends wieder wecken &#8230; Rasch schreibe ich einige Zeilen, die durch ihre heitere Art die Besorgtesten beruhigen m\u00fcssen und Katherl verst\u00e4ndigt damit Mutter <span style=\"color: #000080;\">[die Eltern der Schreiberin wohtnen im selben Geb\u00e4ude bzw. in unmittelbarer Nachbarschaft]<\/span> &#8230; Auf eine mir noch unbekannte Art meldet sich mein Kindlein an &#8230; Es dauert nicht lange und meine teure Mutter ist mit ihrer F\u00fcrsorge bei mir. Sie hat bereits dem Adolf telefoniert, ist mehr erregt als ich, umgibt mich mit ihrer ganz m\u00fctterlichen F\u00fcrsorge und Liebe, schafft jede nur erdenkliche Erleichterung &#8230; Wenn Du noch eine Mutter hast! \u2013 \u2013 Wie gl\u00fccklich bin ich \u2013 \u2013 Um 11 Uhr f\u00e4hrt ein Wagen vor. Adolf bringt gleich Frau Christine B. <span style=\"color: #000080;\">[die Hebamme]<\/span> und die Kriegserkl\u00e4rung Englands an \u00d6sterreich mit \u2013 \u2013 und nach kaum drei Stunden, am Tage vor Maria Himmelfahrt, Freitag den 14. August, \u00bd Uhr fr\u00fch, liegt ein Kn\u00e4blein in der Wiege! \u2013 \u2013 \u2013<!--more--><br \/>\nWas bedeuten doch alle Schmerzen, alles Ungemach, gegen das reinste und sch\u00f6nste Gl\u00fcck der Mutterschaft? Wie k\u00f6nnten schwache Worte das tiefe Geheimnis, welches zwischen Mutter und Kind vom ersten Augenblick des Lebens besteht, das s\u00fc\u00dfe Walten und Weben der G\u00f6ttlichkeit ausdr\u00fccken? Um 6 Uhr fr\u00fch ist das Buberl schon recht sch\u00f6n hergerichtet. Es wiegt 3100 g, ist 50 cm lang und sieht braun und kr\u00e4ftig, gesund und munter aus. Die gute, etwas sch\u00fcchterne Frau B. kann uns ruhig verlassen.<br \/>\nDen ganzen Tag herrscht rege Gesch\u00e4ftigkeit. Katherl und die alte Marie, unsere langj\u00e4hrige Dienerin, quartieren sich ein. Meine Geschwister kommen und alle sind sich mit Adolf dar\u00fcber einig, da\u00df das Neugeborene ein Chineserl sei. Er habe geschlitzte Augen, eine gelbe Hautfarbe und hervorstehende Backenknochen! Nat\u00fcrlich sieht die Mutterliebe milder! (&#8230;)<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 174<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Nachlass von Maria E. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=18001\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 5. September 2015<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag aus dem Nachlass von Maria E. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17479\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 28. Juni 2014<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In diesem Fall sind auch die Ortsangaben anonymisiert. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert. Das M\u00fcttertagebuch von Maria E. liegt in der Sammlung Frauennachl\u00e4sse &#8211; in Ausz\u00fcgen &#8211; als Abschrift vor.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 05: Tagebuch von Maria E., 23. Juli bis 14. August 1914, SFN NL 174, unter: https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17569<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maria E. (geb. 1890) war in einem b\u00fcrgerlichen Umfeld in der Steiermark aufgewachsen. 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