{"id":17574,"date":"2014-07-24T01:14:46","date_gmt":"2014-07-24T01:14:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=17574"},"modified":"2022-07-06T12:12:38","modified_gmt":"2022-07-06T12:12:38","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-06-tagebuch-von-bernhardine-alma-24-und-25-juli-1914-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17574","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 06: Tagebuch von Bernhardine Alma, 24. und 25. Juli 1914, Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1914-07-241.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-18158 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 24. Juli 1914\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1914-07-241-150x150.jpg\" alt=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 24. Juli 1914\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Bernhardine Alma (geb. 1895) hatte nach der Volks- und B\u00fcrgerschule einen privaten \u201cM\u00e4dchen Fortbildungskurs\u201d des \u201cKatholischen Schulvereins f\u00fcr \u00d6sterreich\u201d in Wien 2 besucht. Einer Berufst\u00e4tigkeit war nicht vorgesehen, vielmehr war sie \u2013 wie ihre beiden \u00e4lteren Schwestern \u2013 in den Arbeitsablauf des b\u00fcrgerlichen Haushalts eingebunden. Erst 1912 hatte die sechsk\u00f6pfige Familie eine gro\u00dfz\u00fcgige Wohnung in einem repr\u00e4sentativen Neubau an der Wei\u00dfgerberl\u00e4nde in Wien 3 bezogen.<\/span><\/p>\n<p>24. Juli, abends. Freitag<br \/>\nMorgen um die Zeit wei\u00df ich es! N\u00e4mlich, ob Krieg wird. \u2013 Ach, keinen Krieg \u2013 es ist doch schade, so schade, wenn \u00d6sterreicher erschossen werden \u2013 mein liebes, s\u00fc\u00dfes \u00d6sterreich! \u2013 \u00d6sterreich hat n\u00e4mlich Serbien ein Ultimatum vorgelegt mit 10 Forderungen und hat Serbien sich morgen um 6 Uhr zu entscheiden. Nat\u00fcrlich ist Deutschland ganz und voll auf Seite \u00d6sterreichs. Dieses Ultimatum ist ja so pl\u00f6tzlich gekommen \u2013 so energisch \u2013 so sch\u00f6n! Jetzt werden die dummen Serben hoffentlich klein werden, ganz klein. \u2013 Obiges ist in der beiliegenden Presse genauer und sch\u00f6ner gesagt. \u2013 Hoffentlich entscheidet sich die serbische Regierung schon b\u00e4lder, und steht morgen Fr\u00fch in der Zeitung, da\u00df sie nachgegeben haben, klein geworden sind. Anderseits w\u00e4re es auch sch\u00f6n, wenn \u00d6sterreich Belgrad einnehmen m\u00f6chte, aber es sollen nicht so viele im Krieg sterben, am wenigstens die \u00d6sterreicher. Der Baron R. <span style=\"color: #000080;\">[ein Bekannter der Familie]<\/span> hat erz\u00e4hlt, da\u00df in den Kaffeeh\u00e4usern in Hietzing nur der Prinz Eugenmarsch gespielt worden ist. Es herrscht<!--more--> in \u00d6sterreich freudige Kriegsstimmung. Ich habe mein \u00d6sterreich ja so gerne! \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 Ich m\u00f6chte schon wissen, wie es sein wird! \u2013 \u2013 \u2013\u00a0 (&#8230;) Was wird morgen sein, was? \u2013Mama denkt bestimmt daran, da\u00df ich im Oktober wieder in die Urania zu meiner s\u00fc\u00dfen L. <span style=\"color: #000080;\">[Kunstlehrerin]<\/span> gehen werde. Ich werde ja sehen, wie es kommen wird. \u2013 Was die serbische Regierung wohl beschlossen hat? \u2013 \u2013<\/p>\n<p>25. Juli abends Samstag.<br \/>\nDen neusten Nachrichten zufolge soll Serbien die Forderungen der Monarchie annehmen. Selbst England ist teilweise f\u00fcr uns, Italien, Bulgarien und die T\u00fcrkei stehen auf unserer Seite, von Deutschland gar nicht zu reden. Der Augenblick der \u00dcberreichung des Ultimatums soll gro\u00dfartig gewesen sein. Graf Bechtthaler und einige andere Minister (ob der liebe Tisza auch, wei\u00df ich nicht) sind in Ischl. In \u00d6sterreich ist ja solche Kriegsbegeisterung \u2013 nicht nur in Wien, in ganz \u00d6sterreich und Deutschland! \u2013 \u2013 \u2013 Ich bin ja so stolz, eine \u00d6sterreicherin zu sein \u2013 und habe \u00d6sterreich u. Deutschland ja so gerne! \u2013 Ru\u00dfland wollte umsonst eine Fristverl\u00e4ngerung. Ob der Baron Giesl noch in Belgrad ist? \u2013 \u2013 Was die Minister jetzt beschlie\u00dfen? \u2013 Denn Serbiens Antwort mu\u00df um 6 Uhr erfolgt sein, ist sie jetzt schon in Wien. \u2013 Bei uns ist es ja so f\u00fcr den Krieg \u2013 hingegen sie in Serbien so gedr\u00fcckt sein sollen. \u2013 Ich m\u00f6chte so gerne schon wissen, wie es ist. \u2013 Es ist ja so etwas Herrliches um \u2013 ich kann mich nicht so recht ausdr\u00fccken, wie ich es meine, das ist ja auch gleich. Wie&#8217;s der Berghold meint, der Graf Tisza und die ist viel wichtiger. Der serbische Kronprinz soll angenommen haben \u2013 der K\u00f6nig ist krank. Schade, Schade, da\u00df Erzherzog Franz Ferdinand das nicht erlebt hat. Die Energie \u00d6sterreichs ist so gro\u00dfartig. \u2013 Was wird in 8 Tagen um die Zeit sein? \u2013 \u2013 \u2013 Nun anderes: Heute war ich in der Rochuskirche beichten und zwei bei einem direkt reizenden Geistlichen der hatte solch<\/p>\n<p>sp\u00e4ter<br \/>\nIch konnte vorhin nicht weiter schreiben, denn ich mu\u00dfte mit Marius <span style=\"color: #000080;\">[dem kleinen Bruder, geb. 1902]<\/span> um Nachricht gehen \u2013 na also: Schon in der Radetzkystra\u00dfe rief ein Vor\u00fcbereilender: Krieg! Ich mu\u00dfte leicht aufschreien, als ich&#8217;s h\u00f6rte. Und am Ring war ein Offizier mit einer Extraausgabe. Ich redete ihn an \u2013 \u201eDie Kriegserkl\u00e4rung! \u2013 Gott sei Dank!\u201c war seine Antwort, mit der er mir das Zettel zeigte \u2013 u.s.w. \u2013 Vor dem Kriegsministerium war eine etwas 1000 Menschen fassende Menge. \u2013 Hochrufe durchzitterten die Luft, die H\u00fcte wurden geschwungen \u2013 dann sangen sie die &#8222;Wacht am Rhein\u201c \u2013 &#8222;Lieb\u2018 Vaterland! Magst ruhig sein\u201c Und dazwischen immer wieder die Hochrufe, dabei so ein sch\u00f6ner, ruhiger Abends \u2013 ein Begeisterungstaumel schien fast die Menge ergriffen zu haben, und das ri\u00df hin und ergriff. \u2013 Ich werde den Augenblick schwerlich vergessen, wie ich da unter der kriegsbegeisterten Menge stand \u2013 vor dem Kriegsministerium und es unter Hochrufen erklang: \u201eLieb Vaterland, magst ruhig sein!\u201c Also, \u2013 wirklich Krieg! \u2013 \u201eIn deine H\u00e4nde, Vater Sei Anfang und Ende Sei alles gelegt!\u201c \u2013 \u2013 \u2013 Cora <span style=\"color: #000080;\">[die \u00e4ltere Schwester, geb. 1890]<\/span> tut mir ja so leid, weil sie um ihren Sergius <span style=\"color: #000080;\">[dem Verlobten]<\/span> Angst hat, aber Papa behauptet, da\u00df er nicht einberufen werde. \u2013 Ich hoffe es auch nicht. Cora soll sich erst \u00e4ngstigen, bis es n\u00f6tig ist. \u2013 Nun aber noch von fr\u00fcher. \u2013 Der Geistliche hatte \u2013 Ich werde morgen in Ruhe weiter schreiben! \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17580\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 26. Juli 2014<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma<a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17523\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> am 5. Juli 2014<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000080;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, \u201c\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!\u201d Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 06, Tagebuch von Bernhardine Alma, 24. und 25. Juli 1914, SFN NL 09, unter: https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17574<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernhardine Alma (geb. 1895) hatte nach der Volks- und B\u00fcrgerschule einen privaten \u201cM\u00e4dchen Fortbildungskurs\u201d des \u201cKatholischen Schulvereins f\u00fcr \u00d6sterreich\u201d in Wien 2 besucht. Einer Berufst\u00e4tigkeit war nicht vorgesehen, vielmehr war sie \u2013 wie ihre beiden \u00e4lteren Schwestern \u2013 in den Arbeitsablauf des b\u00fcrgerlichen Haushalts eingebunden. Erst 1912 hatte die sechsk\u00f6pfige Familie eine gro\u00dfz\u00fcgige Wohnung in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-17574","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-edition-wk1-in-selbstzeugnissen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17574","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17574"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17574\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64424,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17574\/revisions\/64424"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}