{"id":17580,"date":"2014-07-26T01:34:51","date_gmt":"2014-07-26T01:34:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=17580"},"modified":"2023-10-18T14:00:07","modified_gmt":"2023-10-18T14:00:07","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-07-tagebuch-von-bernhardine-alma-26-bis-31-juli-1914-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17580","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 07: Tagebuch von Bernhardine Alma, 26. bis 31. Juli 1914, Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1914-07-261.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-18160 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 26. Juli 1914\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1914-07-261-150x150.jpg\" alt=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 26. Juli 1914\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a>Bernhardine Alma (geb. 1895) arbeitete nach Schulaustritt im Haushalt der Eltern. Sie versuchte, schriftstellerisch ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen und hegte den Wunschtraum, als Schauspielerin engagiert zu werden. Unmittelbar nach der Kriegs-Erkl\u00e4rung im Sommer 1914 formuliert sie in ihrem Tagebuch die Idee, sich als Rot-Kreuz-Schwester anwerben zu lassen.<\/span><\/p>\n<p>26. Juli 1914. abends.<br \/>\nKrieg und Kriegstaumel \u2013 Frohe, herrliche Kriegsstimmung bei uns und in Deutschland! \u2013 \u2013 Ich wollte gerne die heutige \u201eTagblattextrausgabe\u201c herein geben, aber sonst wird das liebe Tagebuch zu dick \u2013 ergo mu\u00df ich sie mit gleich vielen anderen so aufheben. \u2013 \u2013 Wir hatten den serbischen Generalissmus Bontnik gefangen \u2013 und wieder frei gelassen. In Berlin und anderen deutsche St\u00e4dten waren Demonstrationsz\u00fcge \u00e4hnlich wie bei uns \u2013 wo sie die ganze Nacht w\u00e4hrten. Es ist eine riesige Kriegsbegeisterung bei uns. Italien h\u00e4lt auch die B\u00fcndnistreue. Der eigentliche Krieg hat noch nicht begonnen. Auch heute standen ungeheure Menschenmassen vor dem Kriegsministerium, den Offizieren, den Soldatenz\u00fcgen Ovationen bereitend. Es herrschte so eine frohe Stimmung. \u2013 \u2013 \u2013 Einen Demonstrationszug mit der Fahne sahen wir, die die Volkshymne sangen, den Dreibund hochleben lie\u00dfen und \u201ePfui Serbien\u201c riefen. Das waren meistens junge Burschen niederen Standes, hingegen die \u00fcbrige Menge gr\u00f6\u00dftenteils aus feinem Publikum bestand. \u2013 Und einen Trupp Soldaten sahen wir in eine Elektrische steigen, zur Kaserne und von da aus zum Krieg fahren. Im Gegensatz zu den \u00fcbrigen waren diese, ebenso der dazugeh\u00f6rige Offizier ziemlich ernst. Der eine war noch sehr jung (ein ganz gew\u00f6hnlicher Soldat) und hatte so ein liebes, blasses Gesichterl. \u201eJetzt wird\u2019s ernst!\u201c sagte er mir. Und ich habe ganz ruhig mit ihm gesprochen und es freute mich, als er dabei heitrer wurde. Er sagte, da\u00df ich mitfahren solle, gleich und ich solle zum roten Kreuz gehen. \u2013 Ich sagte auch, da\u00df ichs\u2018 wollte. \u2013 Und ich will es so gerne! \u2013 Ich habe mir schon ausgedacht, da\u00df die leichter Verletzten nach Wien kommen; da ist dann in der Kolnitzschule eine Station vom Roten Kreuz, wo ich 3 x w\u00f6chentlich von 3\u20136 hingehe. Aber ich ginge auch \u2013 von mir aus \u2013 mit Freuden hinunter an die Grenze. \u2013 Es liegt so ein Band der Zusammengeh\u00f6rigkeit um die ganze Monarchie und Deutschland auch. \u2013 Unser Thronfolger (Franz Ferdinand) hat ja Heer und Flotte auf diese H\u00f6he gebracht \u2013 und ist jetzt tot. Schade um ihn! \u2013 Diese Kriegsfreude bei uns hat etwas Herrliches an sich! \u2013 Die Soldaten und Offiziere ziehen ja da fort, f\u00fcr uns zu k\u00e4mpfen. O, ich m\u00f6chte ihnen recht viel Gutes tun. \u2013 Oder ich m\u00f6chte gleich ganz mit. \u2013 Ich m\u00f6chte schon wissen, was heute in 8 Tagen los ist! \u2013 \u2013 \u2013<!--more--><\/p>\n<p>[&#8230;] \u2013 Die Donau hat es gut. Die flie\u00dft jetzt nach Belgrad u. sieht, was dort los ist. \u00dcbrigens haben die Serben auch D.D.S.G. Schifferl beschossen <span style=\"color: #000080;\">[der Vater der Schreiberin war Angestellter der D.D.S.G.]<\/span> und nichts getroffen! \u2013<\/p>\n<p>27. Juli 1914.abends.<br \/>\nEs sollen schon die ersten Sch\u00fcsse gefallen sein. \u00dcber Wien ist der Ausnahmezustand verh\u00e4ngt. Wir haben also wirklich Krieg! \u2013 Krieg! \u2013 Aber nun wollte ich, da\u00df es schon um w\u00e4re! Und ich m\u00f6chte als Krankenschwester gehen! \u2013 (Nicht Nonne!) \u2013 Auch heute standen die Leute vor dem Kriegsministerium. Rum\u00e4nien h\u00e4lt auch zu uns. In der Nacht \u2013 oder abends \u2013 war ein Festzug zu Ehren des Krieges, den sah ich aber nicht. \u2013 \u2013 \u2013 Der alte F\u00fcrst Windisch-Gr\u00e4tz ist mitgezogen, ebenso der alte F\u00fcrst Auersperg, zugleich mit seinem Sohn. Den Letzteren m\u00f6chte ich heiraten. \u2013 Der Hof u.s.w. hat Belgrad verlassen. \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 In Deutschland, \u00d6sterreich-Ungarn ist eine begeisterte Kriegsstimmung. [&#8230;] Wann wir Belgrad eingenommen haben werden? \u2013 Wann wird der Krieg aus sein? \u2013 Es ist etwas Gro\u00dfes \u00fcber uns gekommen. Unsre Monarchie ist einig nichts von den sonstigen Streitigkeiten. Nun stehen sie alle zusammen, alle kriegsbegeistert, siegesfroh. \u2013 Aber ich will doch zur B\u00fchne! \u2013<\/p>\n<p>28. Juli 1914. abends. Dienstag.<br \/>\nHeute vor einem Monat ist der Thronfolger ermordet worden \u2013 was wird in einem Monat sein? \u2013 Oben ist die Kriegserkl\u00e4rung. \u2013 Im Ungar. Abgeordnetenhaus oder wo haben sie reizend gesprochen. \u2013 Frankreich will keinen Krieg. Die Stimmung in Belgrad ist gedr\u00fcckt. Bei uns und Deutschland h\u00e4lt die Kriegsbegeisterung an. \u2013 \u2013 Ich m\u00f6chte aber doch, da\u00df der Krieg schon wieder aus ist. \u2013 Was wird in 1 Monat sein? \u2013 Schade, da\u00df Erzherzog Franz Ferdinand nicht mittun kann. Die Teuerung hat angefangen, aber <span style=\"color: #000080;\">[soll]<\/span> nur anhalten, bis die Truppentransporte vorbei sind. \u2013 Unsren lieben alten Kaiser haben sie so gerne, des geh\u00f6rt sich. \u2013 \u2013 \u2013 Ich hab der Mama den Rat gegeben, ihre Kriegserlebnisse aufzuzeichnen, was sie auch machen <span style=\"color: #000080;\">[wird]<\/span>. Sie ist mitunter sehr lieb zu mir, Papa auch. Papa interessiert der Krieg auch mehr wie seine Operette <span style=\"color: #000080;\">[die er gerade komponiert hat].<\/span> [&#8230;]. \u2013 Den Erzherzog Friedrich mag ich ganz gerne, aber der tote Thronfolgerw\u00e4re mir lieber. Nur kommt es drauf nicht an.<\/p>\n<p>29. Juli 1914. Mittwoch, abends.<br \/>\nWir haben 2 serbische Schiffe gefangen und zogen sich die Serben nach kurzem Gefecht zur\u00fcck. Der Kaiser kommt morgen nach Wien. Die Kriegsbegeisterung dauert fort. \u2013 \u2013 An den Stra\u00dfenecken, an den Mauern, H\u00e4usern ist das Manifest des Kaisers angeschlagen, welches direkt reizend ist. Wirklich sch\u00f6n! Und dabei solch ein lieber, alter Mann! \u2013 Ferner ist der Aufruf des B\u00fcrgermeisters gegen die Teuerung angeschlagen. Br\u00fccken werden milit\u00e4risch bewacht. Papa <span style=\"color: #000080;\">[Maximilian Alma\/Altmann, geb. 1864]<\/span> hat gestern so lieb gesagt, wie er in den Krieg ginge, nur nehmen sie ihn nicht, d\u00fcrfe (glaube ich) er nicht. Das ist doch r\u00fchrend! Die Teuerung ist auch nicht so arg. Das Manifest ist wirklich s\u00fc\u00df! Ich h\u00e4tte es ganz herein gegeben, kann es aber im Interesse des Tagebuchs nicht tun. \u2013 Hoffentlich ist aber doch mit Ru\u00dfland kein Krieg und bald wieder Schlu\u00df! \u2013 Sigrid <span style=\"color: #000080;\">[die \u00e4ltere Schwester]<\/span> und ich meldeten uns heute in der Frauen-Organisation (einen Aufruf folgend) f\u00fcr freiwillige Dienstleistungen wegen des Krieges; ich f\u00fcr Nachmittags 3\u20136 h. Nat\u00fcrlich unbezahlt. Wenigstens habe ich mir genug getan und etwas f\u00fcrn Krieg beigetragen. Es mu\u00df ja herrlich sein, so f\u00fcr etwas Sch\u00f6nes k\u00e4mpfen zu d\u00fcrfen und einerseits sind die fast zu beneiden. \u2013 Aber wie schrecklich ist es dann f\u00fcr die \u00dcberlebenden, denen einer gestorben. \u2013 Wie schrecklich der Gedanke, da\u00df da Menschen sich gegen\u00fcber stehen, sich zu morden, wie es vor 1000 Jahren getan. \u2013 \u201eDu bleibst dich immer, was du bist!\u201c Trotz der Kultur brach wieder der Mensch durch, ja er ben\u00fctzt die Kultur, seinen Untrieben zu folgen. Wie schrecklich so ein Krieg einerseits \u2013 und wie sch\u00f6n, erhebend anderseits! \u2013 \u2013 \u2013<br \/>\nBei uns wurden die Freiwilligen, die noch Knaben oder schon alte M\u00e4nner sind, nat\u00fcrlich abgewiesen. In Serbien mu\u00dften sie dazu. In Serbien mu\u00df es schrecklich sein? \u2013 Ach, und der Gedanke! \u2013 W\u00e4hrend ich hier so sitze und schreibe, k\u00e4mpfen sie da unten an der Grenze \u2013 k\u00e4mpfen und sterben \u2013 oder werden verletzt. Wenn ich nur etwas f\u00fcr sie tun k\u00f6nnte! Pflegerin l\u00e4\u00dft mich Papa wieder einmal nicht werden! \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p>Freitag, abends. 31. Juli 1914.<br \/>\nEs ist wie ein s\u00fc\u00dfer Trost \u2013 wie etwas Aufrichtendes, ein Erhebendes, da\u00df ein Gott ist, ein Gott, der die Geschicke der V\u00f6lker lenkt und die Einzelnen. Und vertrauend sehe ich zu Ihm empor und wie Er es schickt, ist es gut; mu\u00df es gut sein, sonst w\u00e4re es ja anders! \u2013 Heute Nachmittag habe ich die sp\u00e4ter folgenden Kriegsfragen herein geschrieben \u2013 denn ich habe genug vom Krieg und ganz genug! \u2013 Mag sein, da\u00df der Krieg eine politische Notwendigkeit war, da\u00df es n\u00f6tig war, da\u00df wieder mal das menschlich Leidenschaftliche \u00fcber die Kultur triumphiere, zeigend, da\u00df die Menschen doch Menschen geblieben sind. Aber ich finde einen Krieg schrecklich und schrecklich, da\u00df da so viele sterben m\u00fcssen \u2013 so viele ungl\u00fccklich werden! \u2013 Und doch mag es ein herrliches Gef\u00fchl sein, f\u00fcrs Vaterland zu k\u00e4mpfen \u2013 aber schrecklich f\u00fcr die, die nicht mit k\u00f6nnen. Wie viele Frauen, M\u00fctter, Br\u00e4ute, Schwestern jetzt wohl in \u00d6sterreich weinen! \u2013 \u2013 Ich m\u00f6chte so, so, so gerne mit \u2013 als Pflegerin; so gerne! Wieder einmal lassen mich die Eltern nicht. Das ist so schrecklich. \u2013 Der Onkel Bruno ist einberufen. \u2013 Der Kaiser ist in Wien. \u2013 Wir haben Siege davon getragen. Ich m\u00f6chte so gerne wissen, was mit Ru\u00dfland sein wird! In der Kolonitzschule sind Soldaten einlogiert. Der Krieg liegt auf mir, mit einer Schwere, einem Druck \u2013 von dem ich mich nicht befreien kann. \u2013 Drau\u00dfen klingt Pferdegetrappel \u2013 Kriegspferde.<br \/>\nImmer wieder der Krieg! \u2013 Ich wollte er w\u00e4re aus oder h\u00e4tte nie angefangen. \u2013 Wenn da die Zahl der Verwundeten steht, wie viele \u00c4ngste und Schmerzen liegen in diesen Zahlen, die keinen Namen nennen. Bisher sind unsere Verluste unbedeutend. Aber noch so wenig ist schon zu viel. \u2013 Schlie\u00dflich tun mir die einzelnen Serben auch sehr, sehr leid. [&#8230;] Heute vor 8 Tagen wu\u00dften wir noch nicht, da\u00df es zu einem Krieg kommt. Gott mu\u00df es wissen, wozu es gut ist \u2013 und die Zeit wird es lehren! \u2013 Hoffentlich stehen morgen angenehme Nachrichten in der Zeitung! \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=18012\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 13. September 2014<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17574\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 24. Juli 2014<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000080;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, \u201c\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!\u201d Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 07, Tagebuch von Bernhardine Alma, 26. bis 31. Juli 1914, SFN NL 09, unter: https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17580<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernhardine Alma (geb. 1895) arbeitete nach Schulaustritt im Haushalt der Eltern. Sie versuchte, schriftstellerisch ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen und hegte den Wunschtraum, als Schauspielerin engagiert zu werden. Unmittelbar nach der Kriegs-Erkl\u00e4rung im Sommer 1914 formuliert sie in ihrem Tagebuch die Idee, sich als Rot-Kreuz-Schwester anwerben zu lassen. 26. Juli 1914. abends. 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