{"id":17596,"date":"2014-08-07T01:32:58","date_gmt":"2014-08-07T01:32:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=17596"},"modified":"2022-06-02T15:42:01","modified_gmt":"2022-06-02T15:42:01","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-10-brief-von-lili-stephani-an-den-ehemann-10-august-1914-chemnitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17596","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 10: Briefe von Lili Stephani an ihren Ehemann, 7. und 9. August 1914, Chemnitz"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-177-Stephani-Handschrift-von-Lili-Stephani.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-17587 size-thumbnail\" title=\"Handschrift von Lili Stephani, 1914\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-177-Stephani-Handschrift-von-Lili-Stephani-150x150.jpg\" alt=\"NL 177 Stephani Handschrift von Lili Stephani\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a>Lili Stephanis (geb. 1869) Umfeld war durch die Berufst\u00e4tigkeit der m\u00e4nnlichen Familienangeh\u00f6rigen milit\u00e4risch gepr\u00e4gt. Ihr Vater war kgl. Hauptmann und 1870 im Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg gestorben. Ihr Ehemann Hermann Stephani (geb. 1864) war Oberst, ihr Sohn Kurt (geb. 1896) zu Beginn des Ersten Weltkriegs Kadett. Beide waren Anfang August 1914 als Soldaten eingezogen worden. Die Internatsschulen, die die T\u00f6chter Elisabeth (geb. 1895) und Christine (geb. 1898) besuchten, hatten gerade Sommerferien.<\/span><\/p>\n<p>7. August 1914<br \/>\nMein geliebter Hermann!<br \/>\nNun bist Du fort, mein guter, geliebter Schatz, aber mein Herz kann es doch nicht fassen, da\u00df wir einen so ernsten Abschied genommen haben! Mir ist es immer, als m\u00fc\u00dftest Du pl\u00f6tzlich wieder unter uns sein, m\u00fc\u00dftest mit Deinem fr\u00f6hlichen Gru\u00df zur T\u00fcr hereintreten! Dagegen m\u00fcssen Dich meine Gedanken in der Ferne suchen, auf dieser endlosen Eisenbahnfahrt. Unsere Gebete und unsere Gedanken begleiten dich immer, mein lieber, lieber Hermann. \u2013 Diese Nacht, die erste, wo Du nicht neben mir warst \u2013 sah ich Dich auf dieser langen Fahrt. Nun ist der Freitag bald vor\u00fcber und noch seid Ihr nicht am Ziel. Und doch kommst Du mir jetzt noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sicher und geborgen vor. Aber dann!<br \/>\nIch habe diese Nacht \u2013 ich sch\u00e4me mich fast (um Deine eigenen Worte zu gebrauchen) so fest geschlafen! \u2013 \u2013 \u2013 Eben werde ich ans Telephon gerufen von Herrn B. Er teilt mir mit, da\u00df in der Stadt soeben das Extrablatt ausgegeben ist, da\u00df unsere Truppen L\u00fcttich im Sturm genommen haben mit allen Forts! Es herrscht eine gro\u00dfe, freudige Aufregung, Gott sei gedankt! Du wirst ja diese Nachricht wohl doch hoffentlich eher erfahren als durch diesen Brief, aber schreiben mu\u00dfte ich es Dir gleich! Welche Truppen dort freilich mitgek\u00e4mpft haben, das wissen wir noch nicht, vielleicht schon Sachsen!<!--more--><br \/>\nHier schicke ich Dir den Zeitungsausschnitt, in dem Du Deinen Jungen <span style=\"color: #000080;\">[Kurt, geb. 1896]<\/span> zum ersten Mal gedruckt liest. Er wird Dich interessieren, auch der anderen Kadetten wegen. Kurt schrieb heute wieder <span style=\"color: #000080;\">[eine]<\/span> Karte von der Abschiedsfeier im Ratskeller, vielleicht k\u00f6nne er noch einmal kommen, da der Ersatz vielleicht noch drei Wochen in der Garnison bliebe. Vorhin besuchte uns auch sein Freund, der F\u00e4hnrich K., der hier bei den Ulanen eintritt, und brachte uns Gr\u00fc\u00dfe von Kurt. \u2013<br \/>\nSoll ich Dir nun von unserem Leben, von dem heutigen Tage erz\u00e4hlen? Es kommt mir so kleinlich vor gegen\u00fcber all den gro\u00dfen Ereignissen, aber Du, mein Geliebter, denkst in einer stillen Stunde vielleicht doch hierher, dann machst Du Dir ein Bild von unserem Leben und Tun. Es ist abends acht Uhr, \u2013 Gr\u00f6\u00dfchen <span style=\"color: #000080;\">[Mutter der Schreiberin]<\/span> ist zur Kirche gegangen, es ist f\u00fcr heute ein allgemeiner Bu\u00df- und Bettag angeordnet, auch ich wollte mitgehen, aber da kam gerade K. und dann wurde es zu sp\u00e4t. \u2013 Ich werde auch so aus tiefstem Herzen f\u00fcr Dich und alle beten! Jetzt sitze ich am Schreibtisch, \u2013 Elisabeth und Christine <span style=\"color: #000080;\">[die zwei 1895 und 1898 geborenen T\u00f6chter]<\/span> sind in ihren Zimmern, schreiben Kriegstagebuch und ordnen die Zeitungsausschnitte. \u2013 Am Nachmittag war ich in der Stadt und holte das Feuerzeug, was Dir hoffentlich der Major K. \u00fcbergibt, ist es nun auch das richtige? Ich hatte es mir noch etwas anders gedacht. In der Stadt traf ich P. und freute mich, da\u00df ich Herrn von P. noch Lebewohl sagen konnte. Ich wei\u00df nicht, wann er weg geht. \u2013 Vormittags hatten wir viel zu Haus zu tun, der betriebsame Rost <span style=\"color: #000080;\">[vermutlich ein Hausangestellter, der den Hausherren offenbar als &#8222;Bursche&#8220; im Kriegsdienst begleitet hat]<\/span> fehlt, aber es ist uns allen gut, wenn wir zu arbeiten haben. Hoffentlich ist Rost auch weiter betriebsam und findig und sorgt gut f\u00fcr Dich, mein Lieb!<br \/>\nHeute habe ich unz\u00e4hlige Male versucht mit der Kaserne, resp. Regimentsgesch\u00e4ftszimmer telephonisch Verbindung zu bekommen, Deines Mantels wegen, endlich um sieben abends gelang es. Ich bekam Bescheid, da\u00df der Mantel doch noch mit bei Deinem Gep\u00e4ck sei, er sei bestimmt noch mit eingepackt worden, er hinge nicht mehr dort. Ja, wo mag er wohl sein, hoffentlich wirklich bei Deinen Sachen! Ein Helm von Dir sei noch im Regimentsgesch\u00e4ftszimmer, der soll morgen herausgeschickt werden, \u2013 gleichzeitig habe ich auch das Fernglas von Dir beim Regiment angeboten, es wird sehr gern genommen.<br \/>\nMit Elisabeth habe ich vorhin einen Brief an den Rektor M. verfa\u00dft, hoffentlich bekommen wir g\u00fcnstigen Bescheid wegen des Maturus <span style=\"color: #000080;\">[es war geplant, dass die \u00e4ltere Tochter die vorgezogene \u201eNotmatura\u201c ablegen sollte].<\/span> Aus Gnadau <span style=\"color: #000080;\">[wo die j\u00fcngere Tochter zur Schule ging]<\/span> traf heute eine Nachricht des Directors ein, da\u00df die Ferien bis zum 18. verl\u00e4ngert w\u00e4ren, der Truppentransporte wegen, etc. \u2013 Christine ist dar\u00fcber nicht b\u00f6se, sie war heute wieder den ganzen Nachmittag bei Dr. W. und hat dort gespielt und getobt!<br \/>\nGott segne und beh\u00fcte Dich, mein lieber, teurer Hermann. Er nehme Dich in seinen gn\u00e4digen Schutz!<br \/>\nIn innigster Liebe gr\u00fc\u00dfe und k\u00fcsse ich Dich<br \/>\nDeine treue Lili.<\/p>\n<p>9. August 1914<br \/>\nMein lieber, lieber Hermann,<br \/>\nIst es m\u00f6glich, da\u00df Du erst zwei Tage von uns fort bist! Und wo sollen Dich meine Gedanken suchen? Wie mag es dir ergehen? Heute ist Sonntag, ein strahlend sch\u00f6ner Tag voll Sonnenschein, hier in unserer friedlichen Stra\u00dfe ahnt man nichts von den furchtbaren Ereignissen, die drau\u00dfen die Welt bewegen.<br \/>\nMein Herzenshermann, ich f\u00fchle erst jetzt, wo ich um Dich sorgen und bangen mu\u00df, wie lieb ich Dich habe und was Du mir bist, da\u00df Gott Dich beh\u00fcten m\u00f6ge, das ist mein t\u00e4gliches, st\u00fcndliches Gebet! \u2013 An Dich und an unseren Jungen<span style=\"color: #000080;\"> [Kurt, geb. 1896]<\/span> denke ich unabl\u00e4ssig, \u2013 dieser ist ja Gottlob jetzt noch in verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sicheren Hafen. Er schreibt mir sehr brav t\u00e4glich. Heute die erste Karte aus Leipzig, er sei von f\u00fcnf Uhr nachmittags bis abends 11 dahin unterwegs gewesen. Die erste Nacht hat er im H\u00f4tel gewohnt; in der Kaserne habe er bis jetzt noch keine Wohnung, ein Leutnant habe sich einstweilen seiner angenommen. Er sei feldgrau eingekleidet, sonst wisse er aber noch gar nichts, sei ganz besch\u00e4ftigungslos. Vielleicht r\u00fcckten sie in drei Wochen aus, vielleicht auch eher. Er will seinen Koffer zu S. geschickt haben, das finde ich ganz vern\u00fcnftig, die treuen Freunde werden sich sicher seiner annehmen so viel sie k\u00f6nnen. Ich schicke alles heute ab, obgleich Kurt selbst schreibt, es sei fraglich, ob F\u00e4hnriche mit Koffer ausr\u00fccken d\u00fcrften, aber vielleicht w\u00fcrde er bis dahin Offiziersstellvertreter. \u2013 Uns geht es so weit gut, \u2013 ich esse und schlafe wie in friedlichen Zeiten, nur arbeiten kann ich nicht so; zum Stillsitzen und N\u00e4hen, was ich doch sonst so gerne tat, fehlt mir die innerliche Ruhe! (\u2026)<br \/>\nGestern (\u2026) ging ich mit ihnen und Christine <span style=\"color: #000080;\">[1898 geborene Tochter]<\/span> in die Stadt um vielleicht neuere Nachrichten zu h\u00f6ren, es gab aber keine. \u2013 Wie wir \u00fcber die Zeitungen herfallen, (\u2026) jeder will auch was sammeln. Christine macht Ausschnitte f\u00fcr ihr Tagebuch, Elisabeth hebt alles Wichtige auf und Gr\u00f6\u00dfchen <span style=\"color: #000080;\">[Mutter der Schreiberin]<\/span> m\u00f6chte auch noch was davon haben. (\u2026) Elisabeth <span style=\"color: #000080;\">[1995 geborene Tochter]<\/span> wird wohl wieder nach Plauen <span style=\"color: #000080;\">[in die Schule, um die vorgezogene Matura abzulegen]<\/span> m\u00fcssen. Man liest immer wieder, da\u00df das Notexamen nur die, die mit ausziehen machen d\u00fcrfen. Da werden wir uns hereinfinden m\u00fcssen.<br \/>\nVom Kadettenkorps kam heute ein schreiben, da\u00df f\u00fcr Kurt keine Einkleidungshilfe gew\u00e4hrt werden k\u00f6nne, die geringen Mittel reichten nicht aus. Der Schlu\u00dfsatz des l\u00e4ngeren Schreibens lautet \u201e F\u00fcr die w\u00e4hrend des mobilen Verh\u00e4ltnisses zu Offizieren bef\u00f6rderten ehemaligen Kadetten reichen diesseitigen [&#8230;] Mittel nicht aus und ist in diesem Falle neben dem Mobilmachungsgeld die Einkleidungsbeihilfe nach \u00a7 34,2 b. Kr. Bes. V. zust\u00e4ndig\u201c.<br \/>\nWas nun diese letzteren dunkelen [&#8230;] Abk\u00fcrzungen bedeuten, ist mir nat\u00fcrlich r\u00e4tselhaft. Ich wei\u00df auch nicht recht, an wen ich mich um Auskunft dar\u00fcber wenden soll. Soll ich vielleicht mich an Oberst H. um Auskunft wenden, es klang doch so, als k\u00f6nne man irgendwo anders ein Gesuch anbringen.<br \/>\nDa fehlst Du mir schon mit Deinem Rat, mein Guter, Lieber. Ich wei\u00df nicht, wird was vers\u00e4umt, wenn ich warte, bis Du mir dar\u00fcber Auskunft geben kannst. Freue heute, Sonntagnachmittag, hat Frau E. Elisabeth und mich eingeladen. Sie telephonierte, sie m\u00f6chte, da sie bald wegginge, noch mal die Damen bei sich haben. So recht in Stimmung bin ich ja eigentlich nicht; es kommt mir wie ein Unrecht vor, wenn wir Damen so friedlich zusammen sitzen, w\u00e4hrend Ihr drau\u00dfen in Not und Gefahr seid! N\u00e4chste Woche will ich noch ein paar Besuche bei unseren Regimentsdamen machen. \u2013<br \/>\nJetzt, Gott befohlen f\u00fcr heute \u2013 es ist besser, der Brief geht gleich fort. Ob Du ihn \u00fcberhaupt bekommst, ob Euch schon Briefe nachgeschickt werden?<br \/>\nLebwohl mein liebster, mein guter Hermann, Gott besch\u00fctze Dich! Viele tausend Gr\u00fc\u00dfe von Deiner Lili<br \/>\nInnige Gr\u00fc\u00dfe von Gr\u00f6\u00dfchen und den Kindern<\/p>\n<p><strong>Notate im selben Brief der Tochter Christine, 16 Jahre:<\/strong><br \/>\nMein lieber Kriegsmann!<br \/>\nBei uns ist\u2019s nun sehr einsam und es wird sportm\u00e4\u00dfig gespart (nicht so tragisch). Meine Ferien sind bis zum 18. Verl\u00e4ngert, was sehr fein ist. Gr\u00fc\u00dfe 134 und 181 vielmals von mir. Gestern sahen wir am Bahnhof die Verladung 104. Pferde.<br \/>\nHabt Ihr schon Feinde gesehen?<br \/>\n1000 Gr\u00fc\u00dfe von Deiner Tochter Christine<\/p>\n<p><strong>Notate im selben Brief der Tochter Elisabeth, 19 Jahre:<\/strong><br \/>\nMein lieber Vater,<br \/>\nauch von uns recht herzliche Gr\u00fc\u00dfe! Bei uns gibt es, wie gesagt, nicht viel Neues. Es herrschte gro\u00dfe Freude \u00fcber die Erwerbung von L\u00fcttich. In den Stra\u00dfen sieht man mehr Soldaten denn je, fast alles Landwehrleute von 104. \u2013 B. haben auch Einquartierung von zwei Mann. \u2013 Gr\u00fc\u00dfe bitte alle Bekannten recht vielmals. Dir einen Ku\u00df aus der Ferne von Deiner Elisabeth<br \/>\nWas macht Rost? <span style=\"color: #000080;\">[ein Hausangestellter, der den Oberst an die Front begleitet hat]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 177<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Nachlass von Familie Stephani am <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17643\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">11. August 2014<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag aus dem Nachlass der Familie Stephani am <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17586\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">29. Juli 2014<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 10, Briefe von Lili Stephani an ihren Ehemann, 7. und 9. August 1914, SFN NL 177, unter: https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17596<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lili Stephanis (geb. 1869) Umfeld war durch die Berufst\u00e4tigkeit der m\u00e4nnlichen Familienangeh\u00f6rigen milit\u00e4risch gepr\u00e4gt. Ihr Vater war kgl. Hauptmann und 1870 im Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg gestorben. 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