{"id":18081,"date":"2014-10-10T02:16:01","date_gmt":"2014-10-10T02:16:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=18081"},"modified":"2022-06-02T15:50:45","modified_gmt":"2022-06-02T15:50:45","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-19-tagebuch-von-augusta-s-oktober-1914-altlengbach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=18081","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 18: Tagebuch von Augusta S., Oktober 1914, Altlengbach"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-97-Schanda-1914-10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-18105\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-97-Schanda-1914-10-150x150.jpg\" alt=\"NL 97 Schanda 1914 10\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a>Augusta Carolina S. (geb. 1877) war Mutter von drei Kindern. Im Herbst 1914 erwartete die 37j\u00e4hrige Frau ihr viertes Kind und f\u00fchrte in Abwesenheit ihres zum Kriegsdienst eingezogenen Mannes Franz S. (\u201ePapi\u201c) alleine ein kleines Warenhaus in Altlengbach. Im Oktober 1914 beschrieb sie in ihrem Tagebuch den Erhalt einer Schreckensnachricht und damit indirekt die Kommunikationswege und \u2013schwierigkeiten zwischen der Front und zu Hause.<\/span><\/p>\n<p>Im Octob. 1914.<br \/>\nEs ist nicht so! \u2013 ich stand gerade im Garten drau\u00dfen zu sehen, was an Herbstarbeiten noch zu machen sei, da kam ein Mann mit der telegf. Nachricht da\u00df Papi soeben durch Neulengbach gefahren sei <span style=\"color: #000080;\">[von der nahe gelegenen Kaserne in St. P\u00f6lten zum Fronteinsatz]<\/span>, er habe den Restaurateur am Bahnhof gebeten mich davon zu verst\u00e4ndigen. \u2013 Es legt sich wie Blei auf meine Glieder \u2026.. Wie ein m\u00fchsames Dahintasten. Wir sind nun ganz alleine! \u2013 ich durchgehe den ganzen Garten bis r\u00fcckw\u00e4rts \u00fcber das Birkenbr\u00fcckerl zum gro\u00dfen m\u00e4chtigen Fichtenbaum dessen Zweige tief herabhingen, als wir nach<span style=\"color: #000080;\"> [Altlengbach]<\/span> kamen, den Franz ausgeschnitten hatte weil \u00fcberall so viel Moos im Gras stand. \u2013 alles erinnert \u2013 alles schmerzt! Die Kinder sind ganz stumm geworden! &#8230;&#8230;<br \/>\nEs ist Mitte October, \u2013 es schneit schon! \u2013 Tante Mizzi <span style=\"color: #000080;\">[Schwester der Schreiberin]<\/span> ist gekommen. Wir haben mitsammen die Rosen zugedeckt und die Begonienknollen geborgen, sie bl\u00fchten noch vor kurzer Zeit so sch\u00f6n \u2013 ich sch\u00fctzte sie damit sich Papi noch freuen soll \u2013 er sieht sie nicht mehr! Es ist Nachricht gekommen da\u00df sie in Budapest (Kispest) einquartiert sind.<\/p>\n<p>Ende Octob. 1914<br \/>\n\u2013 es geht gegen Norden am russ. Kriegsschauplatz!<br \/>\nJosef der Bursche kommt heute mit Briefen u. anderem von der Post u. sagt: Hr. Postadministrator lasse sich empfehlen u. sagen Frau S. m\u00f6ge nicht erschrecken \u2013 es kann auch ein Irrtum sein. \u2013 Was meint er damit? \u2013 es ist eine Karte vom \u201eHerrn\u201c dabei! \u2026. es sind die Karte von meinem Mann geschrieben: \u201eIm Fall ich \u201afallen\u2018 sollte wird der Finder gebeten diese Karte meiner Frau zu \u00fcbersenden.\u201c \u2013 wir sind starr! \u2013 was tun? \u2013 so j\u00e4h! es ist entsetzlich! ist zu hoffen da\u00df es ein Irrtum ist? alles presst sich in mir zusammen \u2026 die Kinder, die Kinder. Ich telegrafiere Onkel Ferdinand <span style=\"color: #000080;\">[Bruder des Ehemanns]<\/span> \u2013 er verspricht abends einzutreffen; er ist gut, geht uns \u00fcberall ratend, helfend an die Hand. Morgen mu\u00df er wieder fort. Im Ort hatte sich die Nachricht schnell verbreitet, die Leute nahmen ehrlich teil \u2013 ich werde das den Altlengbachern immer danken!<br \/>\nNach 2 Tagen kommt wieder Post \u2013 eine 2te Karte von <!--more-->meinem Mann \u2013 richtigen Inhalt\u2018s. Der Irrtum od. vielmehr das Verh\u00e4ngnis kl\u00e4rt sich folgender Aussage meines Mannes mit seinem Ba.on, auf. Er erz\u00e4hlte: Wir sind von Budapest \u00fcber Munkaz hinaufbef\u00f6rdert worden, kaum aus dem Zug ausgestiegen, beschossen uns die Russen \u2013 Pferde lagen \u00fcberall herum. Mein Offizier war gleich verwundet und mu\u00dfte ich deshalb mit ihm wieder zur\u00fcck; die Anderen, darunter auch Herr S. haben \u00fcber Nacht in einer alten Ruine Deckung gefunden. \u2013 (Unser Oberleut. ist beim Einmarsch in ein Dorf am 1. Tag durch einen Granatschu\u00df get\u00f6tet worden.) Die erste Karte hatte Franz wahrscheinlich f\u00fcr den Schreckensfall vorgeschrieben und sie unversehens mit der 2ten zusammen aufgegeben \u2013 das Verh\u00e4ngnis wollte es, da\u00df sie alt auch als \u201eErste\u201c eintraf. Wir danken Gott! \u2013 die Sorge weicht aber nicht mehr. Die Kinder sind nach u. nach wieder fr\u00f6hlicher \u2013 ein Vergessen wenn sie sich spielen u. lachen \u2013 ich mag sie nicht hemmen nicht wehren \u2013 oft aber denk\u2018 ich wer wei\u00df was eben \u201edrau\u00dfen\u201c vorgeht. \u2013 Wir sind wieder allein; nur Briefe wechseln. Die Feldpost kommt recht unregelm\u00e4\u00dfig \u2013 Papi ist noch immer in gleicher Stellung \u2013 ich merk\u2018s an seinen Kartenzeichen; sie sind in den \/Karpathen\/. Vater<span style=\"color: #000080;\"> [Vater der Schreiberin]<\/span> schickt hie u. da Trost durch Mizzi <span style=\"color: #000080;\">[Schwester der Schreiberin]<\/span> \u2013 Onkel Ferd. kommt fast alle Sonntag uns im Gesch\u00e4ft zu helfen. Przemisl ist gefallen! &#8230; Josef der Bursche u. Resi unser M\u00e4dl sind brav. Willi u. Rudi <span style=\"color: #000080;\">[die kleinen S\u00f6hne der Schreiberin]<\/span> hatten wieder L\u00e4rm gemacht; ich wei\u00df nicht wie das \/zugieng\/ ich war gerade im Gesch\u00e4fte \u2013 Rudi ist auf den hei\u00dfen Ofen gefallen und dann von dort auf eine nebenstehende Kiste und hat sich einen Nagelkopf in die Wange gedr\u00fcckt. \u2013 Guggi <span style=\"color: #000080;\">[die kleine Tochter]<\/span> sieht da immer still entsetzt zu. \u2013 Abends erst kann ich Zeitung durchsehen \u2013 Post u. Gesch\u00e4ftsbriefe fertig machen f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag; um 10 halb 11 sperr\u2018 ich die Haust\u00fcr \u2013 es knarrt der Schl\u00fcssel so wie er immer knarrte \u2013 die Kinder liegen schuldlos, tr\u00e4umend, ich geh\u2018 auch zu Bett \u2013 Franz liegt vielleicht auf kalter Erde, ohne allen Schutz.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 97<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Nachlass von Augusta Carolina S. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=18094\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 28. November 2014<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag aus dem Nachlass von Augusta Carolina S. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=17594\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 4. August 2014<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 18, Tagebuch Augusta S., Oktober 1914, SFN NL 97, unter: https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=18081<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Augusta Carolina S. (geb. 1877) war Mutter von drei Kindern. Im Herbst 1914 erwartete die 37j\u00e4hrige Frau ihr viertes Kind und f\u00fchrte in Abwesenheit ihres zum Kriegsdienst eingezogenen Mannes Franz S. (\u201ePapi\u201c) alleine ein kleines Warenhaus in Altlengbach. Im Oktober 1914 beschrieb sie in ihrem Tagebuch den Erhalt einer Schreckensnachricht und damit indirekt die Kommunikationswege [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-18081","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-edition-wk1-in-selbstzeugnissen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18081","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18081"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18081\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63894,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18081\/revisions\/63894"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}