{"id":19370,"date":"2014-12-28T01:45:38","date_gmt":"2014-12-28T01:45:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=19370"},"modified":"2022-07-06T13:07:34","modified_gmt":"2022-07-06T13:07:34","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-27-brief-der-wienerin-christl-antonizek-an-leopold-wolf-28-dezember-1914-nach-krakaukrakow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=19370","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 27: Briefe der Wienerin Christl Lang und seines Vaters Johannes Wolf an Leopold Wolf, 28. Dezember 1914 und 9. J\u00e4nner 1915, nach Krakau\/Krak\u00f3w"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL14_28_12_2014.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-19375 size-thumbnail\" title=\"Christl Lang an Leopold &quot;Olly&quot; Wolf, 28. Dezember 1914\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL14_28_12_2014-150x150.jpg\" alt=\"NL14_28_12_2014\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Die Modistin Christine (\u201eChristl\u201c) Lang (geb. 1891) war in gut situierten b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen in Wien aufgewachsen. Zu Neujahr 1914 hatte sie hier den Architekten Leopold (\u201eOlly\u201c) Wolf (geb. 1891) kennen gelernt. Er war als sogenannter Einj\u00e4hrig-Freiwilliger mit Ausbruch des Kriegs zu einer M\u00f6rser-Division des 7. Schweren k.u.k-Artillerie-Regiments eingezogen worden und dabei zuerst in Belgien und Frankreich, Ende 1914 dann in Polen stationiert. Neben den 189 erhaltenen Schreiben der Verlobten liegen auch zahlreiche Schreiben aus der Korrespondenz von Leopold Wolf und seinen Eltern vor. Daraus geht u.a. hervor, dass Feldpostriefe oft auch von anderen Personen wie den Eltern oder Geschwistern oder gelesen worden sind &#8211; ggf. auch die eines jungen Paares.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Wien, 28. Dez. 1914.<br \/>\nLieber Olly!<br \/>\nHab Dank f\u00fcr Deine lieben Zeilen, die ich heute fr\u00fch erhielt. Da\u00df Dir der Abschied schwer geworden ist von der Heimat und allen anderen glaube ich Dir gern, stelle Dir nur vor wie erst mir zu Mute war, als ich Dir l\u00e4chelnd die letzten Abschiedsgr\u00fc\u00dfe zuwinkte. Ich h\u00e4tte Dir soviel sagen wollen aber es ging nicht. In dem Moment, wo ich gesprochen h\u00e4tte w\u00e4rs aus gewesen mit der Fassung und so hab ich mich halt zusammen genommen.<br \/>\nAls die letzten Wagen im Nebel verschwunden waren <!--more-->kehrten wir um und der Alltag trat wieder in seine Rechte. Willy <span style=\"color: #000080;\">[der Bruder von Leopold Wolf, geb. 1893]<\/span> lud uns ein, mit ihm nach Hause zu fahren, es war aber eine recht einsilbige Gesellschaft, denn jeder war mit seinen Gedanken Gott wei\u00df wo, wenigstens das Gef\u00fchl hatte ich.<br \/>\nEs kommt mir jetzt von Stund zu Stunde deutlicher zum Bewu\u00dftsein wie unendlich schwer es ist sich von dem Liebsten was man auf Erden hat zu trennen und es so vielen Gefahren ausgesetzt zu wissen. Gott sei Dank vorl\u00e4ufig bist Du noch geborgen in Krakau, von wo Du mir hoffentlich bald eine Nachricht zukommen lassen wirst. Da\u00df Du gleich w\u00e4hrend der Fahrt geschrieben hast, wei\u00df ich zu w\u00fcrdigen, und es war mir der liebste Morgengru\u00df. Ich w\u00fcnschte nur Du t\u00e4test das \u00f6fters so.<br \/>\nBei uns ist es jetzt so traurig, es geht so ruhig zu, es fehlt halt jemand. So oft die T\u00fcrglocke l\u00e4utet will ich hinausspringen um aufzumachen, in der Meinung Du bist\u2018s, ich komm aber gleich wieder zur Besinnung und sag mir, nein, Du bist ja fort, so weit. Vorgestern war Deine Mutter und Willy da. Wir haben jeder das M\u00f6glichste getan um die Stimmung ober Wasser zu halten, denn Klagen u. Tr\u00fcbsal blasen macht die Sache ja auch nicht besser. Mutter wollte das Bild sehen, doch Mama richtete sich nach Deinem Wunsche. Es war mir aber sehr unangenehm, denn Deine gute Mutter scheint etwas \u2013 indigniert dar\u00fcber gewesen zu sein, was mir unendlich leid tat. Ich ging gleich heute fr\u00fch das Bild bestellen und werde es Donnerstag selbst hinaustragen. Hoffentlich hat sich Deine Mutter nicht beleidigt. Das w\u00e4re mir schrecklich.<br \/>\nGestern abend waren wir bei Tante Irma (Mama vom W. Viki) zum Nachtmahl eingeladen, so auch die M\u00fcllers <span style=\"color: #000080;\">[Cousine und Cousin von Leopold Wolf, <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=21283\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">siehe dazu auch hier<\/a>]<\/span>. Auch Du h\u00e4ttest erscheinen m\u00fcssen, wenn Du da gewesen w\u00e4rst. Ich habe Dich entschuldigt. Es haben alle auf Dein Wohl getrunken und Dich herzlichst gr\u00fc\u00dfen lassen. Mein Gesicht, das ich an diesem Abend aufsteckte kannst Du Dir vielleicht in Gedanken ausmalen, d.h. tu\u2018s lieber nicht sonst \u00e4rgerst Du Dich nur.<br \/>\nEben als die Mutter bei uns war, brachte der Korporal, der auch am Mittwoch hier war {dem sein Schwager in Deutschland gef. ist} wieder einige Dankschreiben, darunter 2 italien. von Giovanni F. <span style=\"color: #000080;\">[?]<\/span> und Giovanni M. <span style=\"color: #000080;\">[?]<\/span>.<br \/>\nLieber Olly schreibe mir recht bald ob Du gut angekommen bist in K. ob Du vielbesch\u00e4ftigt bist, ein gutes Quartier, vielleicht auch gar den Hanns <span style=\"color: #000080;\">[dem zweiten Bruder von Leopold Wolf, geb. 1890] <\/span>gefunden hast?<br \/>\nIch freu mich schon so und erwarte mit Ungeduld Dein n\u00e4chstes Schreiben.<br \/>\nEs umarmt und k\u00fcsst Dich viele viele male Deine<br \/>\nChristl.<\/p>\n<p>Von meinen Eltern, Tanten und Onkel auch die herzlichsten Gr\u00fc\u00dfe! N.B. Als ich vorgestern fr\u00fch am Bahnhof ging, fragte die kleine Elsie wohin ich gehe, ich sagte ihr am Bahnhof da Du fort m\u00fcssest, worauf sie erwiederte: \u201eArme Christel, der Soldat muss in den Krieg.\u201c Sie schickt Dir auch ein Busserl.<br \/>\nN.B. Soeben habe ich Deinen Brief vom 28. ds. erhalten. Eine Karte od. Brief, wo Du mir Mitteilung von dem Leutnant aus Metz machst, scheint in Verlust geraten zu sein. Morgen folgt Antwort auf Deinen letzten Brief.<br \/>\n1000 K\u00fcsse Christl.<\/p>\n<p><strong>Brief vom Vater Johannes Wolf (Bauzeichner, geb. 1864) an die beiden S\u00f6hne Leopold Wolf (geb. 1891) und Hanns Wolf (geb. 1890)<\/strong><\/p>\n<p>Wien 9.1.1915<br \/>\nLieber Pollo! Lieber Hanns!<br \/>\nSoviel ich durch ganz genaue Beobachtung festzustellen in der Lage war, geht das Briefschreiben \u2013 oder wenigstens Kartenschreiben \u2013 an uns sehr zach. Ausgenommen hievon ist unsere liebe Christl die mehr Briefe bekommt als wir. Es erweckt dies eine Art Neid insbesondere bei unserer Mutter und schliesslich auch bei mir.<br \/>\nSchreibt also wenigstens eine Karte wie es Euch geht. Briefe an die Christl gerichtet haben wir alle gelesen und uns dar\u00fcber gefreut. Uns geht es sonst gut weil wir gesund sind alles Andere geht gar nicht.<br \/>\nSeit 2. d. M. bin ich unter die Kleinfuhrwerksbesitzer gegangen den diesbez\u00fcglichen Gewerbeschein werde ich die n\u00e4chsten Tage bekommen. Die im Waldviertel gekauften Pferde stehen seit Neujahr in meinem Stall es sind sehr sch\u00f6ne und gesunde Tiere. Leider ist eines davon an Husten erkrankt hoffentlich nur vor\u00fcbergehend. Auch von dem zweiten Gespann welches ich in Wien gekauft habe ist ein Pferd krank es hat Kollik und d\u00fcrfte in einigen Tagen wieder hergestellt sein. F\u00fcr Pferdefuhrwerk ist jetzt sehr viel zu tun es wird nahezu jeder Preis gezahlt.<br \/>\nWilli <span style=\"color: #000080;\">[der dritte Bruder von Leopold und Hanns Wolf, geb. 1893]<\/span> d\u00fcrfte Euch schon geschrieben haben dass am 6. d. M. vom Eisenbahn-Gesangsverein im Konzerthaus die satzungsm\u00e4ssige Liedertafel stattgefunden hat. <span style=\"color: #000080;\">(&#8230;)<\/span> Zum Schluss haben wir sich dann Alle in einem Wirtshaus getroffen wo ausser gutem Essen auch noch vorz\u00fcgliches Pils zu haben war.<br \/>\nF\u00fcr Pollo:<br \/>\nDu schreibst im Brief an Christl dass Du den Mantel immer noch nicht erhalten hast. Dies ist allerdings richtig. Willi hat sich die F\u00fcsse k\u00fcrzer gelaufen immer im Bestreben doch eine Form zu finden Dir den Mantel schicken zu k\u00f6nnen, alles umsonst. Auf der Post werden keine wie immer gearteten Pakette angenommen weil die Nordbahn f\u00fcr derlei Sachen gesperrt ist. Im Arsenal hat man von einer Absendung des Mantels an Dich nichts wissen wollen. Auch beim Ministerium wo der Willi vorgesprochen hat war es unm\u00f6glich in der Angelegenheit etwas zu tun. Es blieb daher nur ein Ausweg: Ueber mein bitten hat gestern das Kommando des Dragonerregiments No. 3 in Breitensee an das Kommando der selbst\u00e4ndigen 30\u00bd cm. M\u00f6rserdivision No. 2 in Krakau ein Pakett abgehen lassen in welchem sich Dein Mantel befindet.<br \/>\n(&#8230;).<br \/>\nSeid beide recht herzlich gegr\u00fc\u00dft und schreibt bald<br \/>\nJohann Wolf <span style=\"color: #000080;\">[Signatur]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 14 I<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> N\u00e4chster Eintrag aus der Korrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=20638\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">am 21. M\u00e4rz 2015<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000080;\">Zur Feldpostkorrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf siehe auch: Christa H\u00e4mmerle: Schau, da\u00df Du fort kommst! Feldpostbriefe eines Ehepaares. In: Christa H\u00e4mmerle: Heimat\/Front. Geschlechtergeschichte\/n des Ersten Weltkriegs in \u00d6sterreich-Ungarn, Wien\/K\u00f6ln\/Weimar 2013, S 55-83. <\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000080;\">Zum Kriegsfotoalbum von Leopold Wolf siehe <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/kriegsfotoalbum-aus-der-hinterlassenschaft-von-leopold-wolf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Leopold Wolf war nahe verwandt mit der <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=21283\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Familie von Louise und Adolf M\u00fcller, NL 14 III<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 27, Brief von Christine Lang an Leopold Wolf, 28. Dezember 1914\/Brief von Johannes Wolf an Leopold Wolf, 9. J\u00e4nner 1915, SFN NL 14 I, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Modistin Christine (\u201eChristl\u201c) Lang (geb. 1891) war in gut situierten b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen in Wien aufgewachsen. Zu Neujahr 1914 hatte sie hier den Architekten Leopold (\u201eOlly\u201c) Wolf (geb. 1891) kennen gelernt. Er war als sogenannter Einj\u00e4hrig-Freiwilliger mit Ausbruch des Kriegs zu einer M\u00f6rser-Division des 7. Schweren k.u.k-Artillerie-Regiments eingezogen worden und dabei zuerst in Belgien und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-19370","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-edition-wk1-in-selbstzeugnissen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19370"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19370\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64492,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19370\/revisions\/64492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}