{"id":19922,"date":"2015-02-26T02:08:04","date_gmt":"2015-02-26T02:08:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=19922"},"modified":"2022-07-06T12:16:07","modified_gmt":"2022-07-06T12:16:07","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-31-tagebuch-von-bernhardine-alma-26-februar-1915-bis-10-maerz-1915-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=19922","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 31: Tagebuch von Bernhardine Alma, 26. Februar 1915 bis 10. M\u00e4rz 1915, Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1915-02-26.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-19934 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 26. Februar 1915\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1915-02-26-150x150.jpg\" alt=\"NL 09 Alma Bernhardine 1915 02 26\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Nachdem sie sich mehrere Monate um eine Position im freiwilligen Kriegshilfsdienst bem\u00fcht hatte, erhielt die 20j\u00e4hrige Wiener B\u00fcrgerstochter Bernhardine Alma (geb. 1895) im Februar 1915 ihre erste Stelle. Ihre \u2013 unentgeltliche \u2013 Aufgabe war es, Listen mit Namen von gefangenen Soldaten abzuschreiben, wozu sie an f\u00fcnf Nachmittagen in der Woche eingeteilt war.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>26. II. 1915. Freitag, abends.<br \/>\nMir ist nicht gut. <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span> Heute bekam ich eine Karte von der Anmeldestelle des R.K., weshalb ich Nachmittags in die Tuchlauben 7 ging, mit Fritz u. Marius<span style=\"color: #333399;\"> [dem kleinen Bruder, geb. 1902]<\/span>, die aber unten warteten. Der eine Herr, der mir schon damals dort auffiel u. G. oder S. hei\u00dft, war wieder da und ziemlich nett. Dann kam die Frl. v. B., die sehr liebensw\u00fcrdig war. Sie ist nicht mehr jung, war aber mit mir sehr lieb. Sie f\u00fchrte mich in ihr Appartement, wobei sie mir den Vortritt lie\u00df. Und gab mir eine Karte an den Sektionschef von H. als ich zusagte, bei der Gefangen-Korrespondenz helfen zu wollen. Sie lie\u00df telefonieren, ob der Sektionschef zu sprechen sei, und ersuchte mich dann um diesbez\u00fcgliche Nachricht. Ich ging also ins Rote Kreuz in der Landskrongasse 1, III Stock. Zwei Beamte sagten nat\u00fcrlich \u201eK\u00fc\u00dfdiehand\u201c (ich glaube, alle beide) waren aber sonst sehr dummsinnig. Dann wurde ich zum Sektionschef gef\u00fchrt; dieser war \u00fcberaus liebensw\u00fcrdig, au\u00dfer Mittwoch u. Sonntag gehe ich alle Nachmittage von 3\u20136 vorl\u00e4ufig hin; morgen fange ich an, er schien schon heute zu wollen; aber das ging noch nicht von mir aus. \u2013 Jetzt bin ich doch erst wieder zu dieser Gefangenen-Korrespondenz gekommen, aber <!--more-->ohne Cora <span style=\"color: #333399;\">[die \u00e4lteste Schwester, geb. 1890]<\/span>. \u2013 Morgen fange ich an. Wie es sein wird?<br \/>\nIch bin sehr froh, da\u00df ich nun doch bei dem Krieg helfen kann. Das ist mir dabei die Hauptsache. Sonst lege ich darauf weniger Wert, ich bin nur froh, da\u00df es ohne Cora ist. \u2013 Damals stand schon, da\u00df es \u00fcberkomplett ist, scheinbar braucht man also auch dazu Protektion, ist auch das f\u00fcr Damen vom Roten Kreuz reserviert. \u2013 Wenigstens kann ich irgendwie helfen. \u2013 Heute war ich bei der hl. Communion und ich glaube daran. \u2013 Ich freue mich schon aufs Schlafengehen \u2013 aufs Tr\u00e4umen! \u2013 \u2013 Nun kann ich nicht mehr Pflegerin werden! \u2013 Wie es morgen sein wird? \u2013 Die Leute auf der Stra\u00dfe sind sehr, sehr dumm! Wann wird Friede sein? \u2013<\/p>\n<p>Samstag, abends. 27. Februar 1915.<br \/>\nEigentlich wollte ich zu Verwundeten, woraus einstweilen nichts werden wird. Heute nach der Jause (nachdem ich sie gerichtet habe, denn selber jausnen tu ich nur manchmal) ging ich also in die Landskrongasse. Am Weg traf ich den Baron R., der mich sehr nett gr\u00fc\u00dfte. Dort beim R.K. kam ich, als erst wenige waren. Eine Dame fragte, ob ich neu sei und da\u00df ich zu ihr kommen solle. Wie sie hei\u00dft, wei\u00df ich zwar noch nicht, aber ich arbeite vorl\u00e4ufig bei ihr. Ich habe Gefangenenlisten abzuschreiben, die \u00f6sterr. Gefangenen in Serbien n\u00e4mlich, und zwar dreimal, dann kommen die 3 Karten resp. 30 Karten zusammen und ich schreibe, da\u00df ich\u2019s geschrieben habe. Heute schrieb ich 3 Listen ab, d.h. 90 Karten. Die Dame war ziemlich nett. Neu war auch ein Geistlicher; dann hustete ich nach Hause, und kam noch zum Betten machen, Nachtmahl herrichten zurecht. Die Leute auf der Stra\u00dfe sind oft sehr dumm. \u2013 Ich bin sehr froh, da\u00df ich nun f\u00fcr den Krieg auch etwas tun kann, da\u00df ich helfen kann. So habe ich aber daneben getroffen. Nun, ich werde ja sehen, wie es kommen wird. Erst wollte mich heute die nun eingetretene Beschr\u00e4nkung meiner Zeit ohne besondere Ursache (ohne zu pflegen) irritieren. Aber nun, wo ich es n\u00e4her kenne, wei\u00df ich auch, da\u00df ich mich mitunter entschuldigen werden k\u00f6nnen. \u2013 Was ich Montag herein schreiben werde? \u2013 Mama hat die vornehme Ader bekommen und sagte, eine K\u00f6chin und ein M\u00e4del nehmen zu wollen. Ob ich mich mit dieser K\u00f6chin vertragen w\u00fcrde? Mir ist nicht ganz wohl. \u2013 Ich will Verschiedenes so sehr! \u2013 Einmal Theater \u2013 spielen! Was wird im M\u00e4rz sich ereignen? \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><\/p>\n<p>1. M\u00e4rz 1915. Abends.<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span> Heute war ich wieder in der Landskrongasse (die Listen sind vom serbischen Roten Kreuz ausgestellt). Ich habe 4 Listen abgeschrieben u. 2 abgeschriebene revidiert. Dann hustete ich nach Hause, wo verschiedenes zu tun war \u2013 nat\u00fcrlich! \u2013 <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><\/p>\n<p>10. M\u00e4rz 1915. abends.<br \/>\nIch habe gestern nicht herein geschrieben, da\u00df ich gestern, als ich in den Konsum<span style=\"color: #333399;\"> [ein Gesch\u00e4ftslokal des Konsumvereins]<\/span> ging, den Brief an den Dr. Paul T. auf[gab]. Ich bat ihn darin, meine Novelle zu lesen und mir eine Zeit, wann ich sie ihm bringen k\u00f6nne oder d\u00fcrfe zu bestimmen, da ich beim R.K. sei und mich erst frei nehmen m\u00fc\u00dfte. <span style=\"color: #333399;\">[Bernhardine Alma bet\u00e4tigte sich, wie auch ihr Vater, literarisch und ver\u00f6ffentlichte auch schon als junge Frau zahlreiche Texte.]<\/span> \u2013<br \/>\nIch m\u00f6chte mir eine Rote Kreuz Brosche kaufen. \u2013 Das Wetter ist kalt und st\u00fcrmisch. Die armen, armen kleinen Soldaten im Feld! \u2013 Der Wehrmann am Schwarzenbergplatz <span style=\"color: #333399;\">[eine Propaganda-Aktion, f\u00fcr die N\u00e4gel gekauft werden konnten]<\/span> ist herzig<span style=\"color: #333399;\">.<\/span> Der Papa sagte, mir die K f\u00fcr einen Nagel zu zahlen. Heute war ich mit Marie <span style=\"color: #333399;\">[der Hausangestellten]<\/span> im Konsum. Ich will zur B\u00fchne! \u2013 Shaws Kleopatra will einen Mann mit \u201erunden, starken Armen\u201c. Das ist kindisch ausgedr\u00fcckt (sie ist ja als Kind dargestellt!) aber es liegt der Wunsch der Frau nach Kraft und St\u00e4rke des Mannes drinnen. Ich zum Beispiel w\u00fcrde gerne, sehr, sehr, sehr, sehr gerne Verwundete pflegen, voll Liebe und Hingabe. Aber wenn ich heirate, will ich nicht pflegen \u2013 will ich mich eher verz\u00e4rteln lassen \u2013 und k\u00f6nnte einen Mann, einen wie er mir gef\u00e4llt, einen, den ich \u00fcberhaupt gerne habe, unsagbar lieben. \u2013 Das Wetter ist so, da\u00df man Sehnsucht nach s\u00fc\u00dfem Geborgensein hat! \u2013 Und doch geht es mir eigentlich gut. Ich habe zwar viel, sehr, sehr viel zu tun \u2013 aber das zeigt mir gerade, da\u00df mein Leben auch Wert hat. \u201eWas ist denn dein? Der Preis, den meine Wirksamkeit erf\u00fcllt.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=20630\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 17. April 2015<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=19908\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 6. Februar 2015<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, \u201c\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!\u201d Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 31, Tagebuch von Bernhardine Alma, Datum, SFN NL 09, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem sie sich mehrere Monate um eine Position im freiwilligen Kriegshilfsdienst bem\u00fcht hatte, erhielt die 20j\u00e4hrige Wiener B\u00fcrgerstochter Bernhardine Alma (geb. 1895) im Februar 1915 ihre erste Stelle. 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