{"id":20626,"date":"2015-04-25T01:46:09","date_gmt":"2015-04-25T01:46:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=20626"},"modified":"2022-05-20T09:43:27","modified_gmt":"2022-05-20T09:43:27","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-40-tagebuch-von-julie-soellner-25-april-1914-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=20626","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 40: Tagebuch von Julie S\u00f6llner, 25. April 1915, Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-52-Tagebuch-Julie-Soellner-1915-04-25.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-20627 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Julie S\u00f6llner, 25. April 1915\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-52-Tagebuch-Julie-Soellner-1915-04-25-150x150.jpg\" alt=\"NL 52 Tagebuch Julie Soellner 1915 04 25\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Julie S\u00f6llner (geb. Karlupus, geb. 1874) lebte in gutb\u00fcrgerlichen Wiener Verh\u00e4ltnissen. Sie war als Lehrerin ausgebildet, ihr Ehemann war als Rechtsanwalt t\u00e4tig, das Paar hatte drei Kinder. Im M\u00e4rz 1915 hatte damit begonnen, ein Tagebuch zu f\u00fchren. Als Anlass, mit dem Schreiben zu beginnen, benannte Julie S\u00f6llner ihren 40. Geburtstag. In ihren nur \u00fcber zwei Monate gef\u00fchrten Aufzeichnungen beschrieb sie darin die Situation ihres pers\u00f6nlichen Umfelds und hielt Informationen \u00fcber Entwicklungen im Wiener Stadtleben ebenso fest wie politische Ereignisse &#8211; die sie zumeist &#8222;vom H\u00f6rensagen&#8220; wu\u00dfte.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>25.\/IV. Seit ich das letzte Mal geschrieben habe, wei\u00df man, da\u00df demn\u00e4chst die 18j\u00e4hrigen (das sind die, die im Laufe des heurigen Jahres 18 werden) und die 42-50j\u00e4hrigen einberufen werden. Da kommen Toni <span style=\"color: #000080;\">[Ehemann der Schreiberin]<\/span> und Paul<span style=\"color: #333399;\"> [?] <\/span>auch dran. Das w\u00e4re nat\u00fcrlich f\u00fcr uns eine viel tiefer einschneidende Sache als alles, was sich bisher ereignet hat. Es ist ja fast ausgeschlossen, da\u00df Toni in eine gef\u00e4hrdete Stellung k\u00e4me, aber bei uns spielt ja das Finanzielle auch eine gro\u00dfe Rolle. Nun wir werden ja sehen. Die Brotkarte ist eingef\u00fchrt worden und Leute, die wie wir reichlich anderes essen, haben mit der Brotkarte reichlich ihr Auskommen; f\u00fcr die anderen, die sich die teuren anderen Sachen nicht verschaffen k\u00f6nnen, hat man vorl\u00e4ufig durch Aufstellen von Kartoffel\u00f6fen mit billigen Kartoffeln eine leichte Abhilfe zu finden gesucht. Die Leute essen nat\u00fcrlich von dem jetzigen, schlechten Brot viel weniger als sonst, aber n\u00e4hren m\u00fcssen sie sich doch.<\/p>\n<p>Heute habe ich geh\u00f6rt, da\u00df eine andere Wasserversorgung eingerichtet wird, f\u00fcr den Fall als uns die Hochquellenleitung gesperrt werden sollte (ein Filtrierwerk). Das geht wohl in erster Linie gegen unsere \u201etreuen Verb\u00fcndeten\u201c die Katzelmacher<span style=\"color: #000080;\"> [Italien]<\/span>. Es ist ja auch ein armer Staat, der wie der unsere so vielerlei Nationalit\u00e4ten in sich vereinigt. Scheu\u00dflicher noch als das Schie\u00dfen der Feinde aufeinander, ist das Niederknallen ganzer meuternder Regimenter \u2013 wie es bei uns wiederholt vorgekommen sein soll. Erst vor kurzem 4,000 Mann eines Prager Regimentes. <!--more-->Scheu\u00dflich ist es, wenn man sich denkt, die Leute m\u00fcssen gegen ihren Willen in den Kampf, scheu\u00dflich, da\u00df sie so gegen ihr Vaterland gegen \u00d6sterreich sind und f\u00fcr Russland und am entsetzlichsten, da\u00df man sich da nur durch Massenmord helfen kann.<\/p>\n<p>Wenn nur das Morden schon ein Ende h\u00e4tte, heute wurde gemunkelt, da\u00df ein Erzherzog in [Tebschen?] Friedensunterhandlungen mit den Russen f\u00fchre, auch der Statthalter von Tirol soll mit Italien verhandeln. Wie wird es mit unserem \u00d6sterreich werden, geht die Sache f\u00fcr uns gut aus und kommt es nicht zu einen faulen Frieden, dann werden unsere Kinder viel, viel bessere Patrioten werden als wir, sie werden stolz auf ihr Vaterland sein und fester anf sein Fortbestehen glauben als wir. Wie es in dem entgegengesetzten Fall kommt, wer kann es wissen.<\/p>\n<p>Momentan steht es nicht schlecht, die Russen kommen nicht vorw\u00e4rts, aber sie haben einen gro\u00dfen Teil Galiziens und mit Waffengewalt werden wir es kaum zur\u00fcckgewinnen; in Serbien-Montenegro ist seit unserem gro\u00dfen Mi\u00dferfolg vollkommene Ruhe; gegen Italien ist man fortw\u00e4hrend auf der Lauer. In Belgien-Frankreich seit Monaten nur geringe Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 52<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Ende der kurzen Aufzeichnungen, daher kein weiterer Eintrag von Juli S\u00f6llner.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag von Juli S\u00f6llner <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=20621\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 8. April 2014<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die zeitgen\u00f6ssische Orthographie wurde beibehalten. Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000080;\">Zu den Aufzeichnungen von Julie S\u00f6llner siehe auch<a href=\"http:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-mit-retrospektiven-passagen-aus-der-hinterlassenschaft-von-julie-soellner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> http:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/<\/a><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 40, Tagebuch von Julie S\u00f6llner, 25. April 1914, SFN NL 52, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julie S\u00f6llner (geb. Karlupus, geb. 1874) lebte in gutb\u00fcrgerlichen Wiener Verh\u00e4ltnissen. Sie war als Lehrerin ausgebildet, ihr Ehemann war als Rechtsanwalt t\u00e4tig, das Paar hatte drei Kinder. 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