{"id":20630,"date":"2015-04-17T01:55:57","date_gmt":"2015-04-17T01:55:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=20630"},"modified":"2022-07-06T12:33:20","modified_gmt":"2022-07-06T12:33:20","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-39-tagebuch-von-bernhardine-alma-17-bis-25-april-1915-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=20630","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 39: Tagebuch von Bernhardine Alma, 17. bis 25. April 1915, Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1915-04-17.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-20635 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 17. April 1915\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1915-04-17-150x150.jpg\" alt=\"NL 09 Alma Bernhardine 1915 04 17\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a>Die Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) war seit Februar 1915 im Kriegshilfsdienst t\u00e4tig. Ihre unentgeltliche Aufgabe bestand darin, an f\u00fcnf Nachmittagen pro Woche Schreibarbeiten f\u00fcr das Rote Kreuz zu erledigen. Dabei hat sie Listen abgeschrieben mit den Namen von toten Soldaten oder von Kriegsgefangenen. Seit Fr\u00fchling 1915 besuchte sie zudem Soldaten in Wiener Spit\u00e4lern, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Dabei brachte Bernhardine Alma Kleinigkeiten zu Essen mit, die sie oder ihre Eltern selbst bezahlt haben. Und sie wurde mit direkten Berichten von Kampfhandlungen und k\u00f6rperlicher Versehrtheit konfrontiert. Auch werden im Eintrag Vorurteile angedeutet, die offenbar \u00fcber Frauen im Front-Pflegedienst kursierten.<\/span><\/p>\n<p>17. April 1915. Samstag, abends.<br \/>\nDas Wetter hat sich gebessert. In der Presse stand viel vom Frieden. Es ist, als sollte er jetzt wirklich bald kommen! Ach, wie herrlich das w\u00e4re! \u2013 Vielleicht schenkt uns Gott bald, bald einen Frieden. Heute habe ich mir die B\u00e4ckerei f\u00fcr die Soldaten gemacht. (4 Eier, 14 dkg Zucker, 16 od. 17 dkg Maismehl.) Ich m\u00f6chte schon wieder das Spitalgehen vor\u00fcber haben, finde aber notwendig, da\u00df ich hingehe. Vielleicht ist es recht nett morgen. \u2013 N\u00e4chste Woche gehe ich wieder beichten und kommunizieren, ich habe schon wieder den Drang. \u2013 Heute habe ich eine russische Liste geschrieben, die gehen ziemlich schwer. Heute holte ich u.a. vom Donau Konsum<span style=\"color: #333399;\"> [Gesch\u00e4ftslokal des Konsumvereins]<\/span> Orangen, die mir Mama mitgibt, ins Spital. Der junge C. scheint mich zu lieben. \u2013 Mit tun auch die leidenden Feinde so sehr leid! \u2013 Ach, wenn bald Frieden w\u00e4re! <!--more-->Wie herrlich das sein w\u00fcrde! \u2013 Sigrid <span style=\"color: #333399;\">[die \u00e4ltere Schwester, geb. 1891]<\/span> hat von Dr. C. f\u00fcr sich und mich Karten f\u00fcr eine Sch\u00fclervorstellung einer Schauspielschule bekommen. Innerlich m\u00f6chte ich ja gerne, wegen \u00c4u\u00dferem aber nicht. Ich werde ja sehen, ob wir gehen werden. Ich m\u00f6chte so sehr gerne zur B\u00fchne! \u2013 Die Baronin war heute nicht im R.K. <span style=\"color: #333399;\">[Roten Kreuz]<\/span>, weil ihr Kleiner zur ersten Beichte geht. \u2013 Was werde ich morgen herein schreiben? Was diesen Monat \u00dcberhaupt noch? \u2013 Vielleicht ist bald Friede! \u2013<\/p>\n<p>18. April 1915. Abends. Sonntag.<br \/>\nAuf der dr\u00fcben Seite habe ich eine Fotografie und ein St\u00fcckerl Papier gegeben, darauf hat ein Soldat aus dem Spital seinen Namen \/schrieb\/. Warum ich\u2019s nur aufhebe \u2013 noch dazu im Tagebuch? \u2013 Weil es das Autogramm eines Helden ist, so leiden und k\u00e4mpfen Heldenmut bedeutet \u2013 er ist ein Held, von dem man nicht schreiben wird, den man nicht nennen wird und der doch sein Alles f\u00fcrs Vaterland hinzugeben bereit gewesen. \u2013<\/p>\n<p>Sollte mein Gl\u00fcck mich doch noch eine gro\u00dfe Schauspielerin werden lassen, deren Namen mit hinaus dringt, deren Autogramme verlangt werden, dann soll mich dieses Autogramm helfen, mich nicht \u00fcber mich selbst zu erheben. Hoffentlich ist bald Friede! Darin begegnen sich die W\u00fcnsche aller (auch der Papas?). Heute war ich im Hochamt. Heute schien die Sonne entz\u00fcckend. Mamas Onkel Rudolf war heute da.<\/p>\n<p>Heute ging ich ins Spital; ich hatte meine B\u00e4ckerei in 6 sehr nette Schnitten und 10 Orangen mit. Vor dem Spital redete mich eine \u00e4ltere Frau an, ob sie hier recht sei; sie zeigte mir die Karte ihres Sohnes im Spital, den sie besuchen wollte. Also f\u00fchrte ich sie hin und als sie mir von ihrem armen Sohn erz\u00e4hlte, gab ich ein St\u00fcck B\u00e4ckerei, da\u00df sie diesem bringen sollte, was sie erfreut annahm. Dann gab ich einem Soldaten ein St\u00fcck und redete mit ihm. Er ist Ungar, hei\u00dft Stefan M. und ist ganz alleinstehend. Es war in den Karpathen, erz\u00e4hlte von dem, was die armen Helden damit gemacht haben (die Russen haben Dum-Dum Geschosse!) von der K\u00e4lte, dem Schnee, in dem manche erstickt sind, von all den Schrecknissen des Krieges.<\/p>\n<p>Ach, was er alles erz\u00e4hlte, auch, wie ein b\u00f6hmisches Regiment gestreikt hat. Na, und dann hab ich ihn eingeladen, und er nahm gar so an \u2013 er kommt Dienstag um 2 Uhr! \u2013 Ich bin neugierig, ob er kommen wird. Er schreib mir seinen Namen, ich ihm die Adresse auf, wobei ich ihm mein Packel zu halten gab. (Zwei Orangen gab ich ihm auch, die er sehr gerne hat.) Vor\u00fcbergehenden Verwundete gab ich auch B\u00e4ckerei und dann (die Besten waren fast alle im Vorraum leer) gab ich bei den Nachtkastelladen bei denselben (die Soldaten dazu kommen sp\u00e4ter!) ja 2 Orangen, wobei mir der M. (er geht schon, aber schwer, mit steifem Bein) half, was sehr nett war. Und dann ging ich.<\/p>\n<p>Beim Zimmer 2 sah einer \u2013 glaub ich \u2013 so heraus, da\u00df ich hinein ging u. ihm das letzte St\u00fcck B\u00e4ckerei gab. Au\u00dfer ihm war nur einer da (es waren Schwerkranke). Ich redete aber nur mit dem Einen. Er ist ein Steirer, 21 Jahre und viel h\u00fcbscher als auf dem Bild, er hat n\u00e4mlich ein frisches, junges Gesicht, ein liebes Lachen und auch einen Dum-Dum Schu\u00df. Er zeigte mir auch das Dum-Dum Gescho\u00df, das ihm aus dem Fu\u00df geschnitten wurde, noch 2 andere Kugeln, Fotografien und \u00c4hnliches, die eine gab er mir eben. Er erz\u00e4hlte auch riesig viel, von den Sch\u00fctzengr\u00e4ben, den Angriffen, den Verrat der galizischen Bev\u00f6lkerung, den deutschen <span style=\"color: #000080;\">[.]<\/span>, von sich, von einem im Krieg erblindeten Russen, von unsren lieben Soldaten und \u00c4hnliches mehr. \u2013<\/p>\n<p>Ich versprach ihm, Sonntag wieder zu kommen und ihm mitzubringen, was ihn beides zu freuen schien. Diese armen, wunden Helden sind froh, wenn sie erz\u00e4hlen d\u00fcrfen, wenn man ihnen zuh\u00f6rt! Wie sie dankbar sind, wie bescheiden \u2013 und sanft! Und diese haben die Schrecknisse des Krieges mitgemacht, die da wie Kinder zu behandeln sind. Man mu\u00df in ihnen den Sch\u00f6pfergeist Gottes bewundern und anbeten. Es ist, als h\u00e4tte ihnen ein mildes Schicksal <span style=\"color: #000080;\">[&#8230;]<\/span> zu trinken gegeben. Oh, wenn ich nur viel f\u00fcr die armen, kleinen Soldaten zu k\u00f6nnte! \u2013 \u2013<\/p>\n<p>Der neue Harald <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span> ist diesmal wirklich reizend! Papas Oper wird hinrei\u00dfend werden, wenn es je so weit kommt. Was wird sich diesen Monat noch ereignen? \u2013 Wenn nur der Krieg zwischen Amerika u. Japan f\u00fcr uns Frieden bedeuten w\u00fcrde. Aber dann soll einmal auf der ganzen Welt Friede sein! \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">(\u2026)<\/span><\/p>\n<p>25. April 1915. Rosemar, abends.<br \/>\n<span style=\"color: #000080;\">(\u2026)<\/span> Ich hoffe, auf einen bald \u2013 bald \u2013 baldigen Frieden. Heute war ich im Spital, der M. gr\u00fc\u00dfte mich an, ehe ich ihn sah \u2013 so redete ich mit ihm und kommt er morgen wieder. Was kann man machen? Ich gab ihm ein St\u00fcck Mohntorte, die ich gestern f\u00fcr heute gemacht, und Zigaretten, die gab ich auch vor\u00fcbergehenden Verwundeten und zwei schon uniformierten Soldaten, die bald wieder fort m\u00fcssen und beim M. waren, weshalb ich auch mit diesen sprach. Als sie gingen, salutierten sie so stramm vor mir, als ob ich ein Offizier w\u00e4re. Ich gab ihnen aber die Hand. \u2013 Dem M. gab ich dann noch Zigaretten (im Spital waren [&#8230;] f\u00fcr Kranke die fortgebracht werden sollten, ich habe aber gar keine Angst vor irgendwelchen Ansteckung!) dann ging ich zum S.. Der ist wirklich herzig. Ich gab ihm Zigaretten und Wein; als ich ihm sein Wasserglas ausleerte am Gang, a\u00df der M. glaub\u2018 ich \u2013 gerade die Torte. Dann schenkte ich dem kleinen S. ein und half ihm. Er hat so eine herzige Art zu danken. \u2013 was Papa sagen m\u00f6chte, wenn er sehe, wenn ich die Soldaten zudecke, die Wunde besehe etz. \u2013 Mir gef\u00e4llt, wie stramm die zwei heute salutierten. \u2013<\/p>\n<p>Es sollen 700 Pflegerinnen zur\u00fcckgeschickt worden sein, weil sie frohen Ereignissen entgegen sehen. Das sind Pflegerinnen! \u2013 Wenn nur Frieden w\u00e4re! \u2013 Mamas Onkel Rudolf war heute da! \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\">N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=20684\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 8. Mai 2015<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=19922\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 26. Februar 2015<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000080;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, \u201c\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!\u201d Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 39, Tagebuch von Bernhardine Alma, Datum, SFN NL 09, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) war seit Februar 1915 im Kriegshilfsdienst t\u00e4tig. 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