{"id":21292,"date":"2015-07-18T01:32:56","date_gmt":"2015-07-18T01:32:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=21292"},"modified":"2022-07-06T12:51:04","modified_gmt":"2022-07-06T12:51:04","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-47-brief-der-wienerin-christl-lang-an-leopold-wolf-18-juli-1915-aus-polen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=21292","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 49: Brief von Leopold Wolf an Christl Lang, 18. Juli 1915 aus Polen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1915-07-18.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-21476 size-thumbnail\" title=\"Leopold Wolf an Christl Lang, 18. Juli 1915\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1915-07-18-150x150.jpg\" alt=\"1915 07 18\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a>Im Juli 1915 hatte die Wiener Modistin Christl Lang (geb. 1891) gemeinsam mit den Eltern und Br\u00fcdern ihres Verlobten Leopold (\u201eOlly\u201c) Wolf (geb. 1891) diesen in Krakow\/Krakau, wo er stationiert war, besucht. Zuvor war er auch kurz auf Urlaub in Wien gewesen. In seinem Brief vom 18. Juli 1915 beschreibt Leopold Wolf seine Stimmung nach ihrer Abreise, sowie einen Unfall in der n\u00e4heren Umgebung, die die Verlobte ja nun auch selber kannte.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>18. VII.15.<br \/>\nLiebste Christl!<br \/>\nAlso, wie war\u2019s denn? Jetzt, wo ich mich zum schreiben setze, um Dir zu sagen, wie\u2019s war, wei\u00df ichs nicht, denn zum Teil tr\u00e4um ich noch wie ichs acht Tage nun getan hab. Von vorn angefangen, war\u2019s also so: Da war ich zuerst auf Urlaub. Na, wenn ich heut dran denk, w\u00e4r mir lieber, ich w\u00e4r nicht gewesen, oder es h\u00e4tte so sein sollen: Kommen, die Wiedersehensfreude miterleben und dann gleich wiederfort, begleitet von W\u00fcnschen, wie sie ein Krieger verdient, dem es nur verg\u00f6nnt ist, ein paar Stunden bei seinen Lieben zu verbringen, und bedauert, da\u00df dem so ist.<br \/>\nUnd dann h\u00e4ttet Ihr ja auch so kommen k\u00f6nnen, wie Ihr jetzt gekommen seid, und all die Zeit die ich in Wien \u201everleben\u201c mu\u00dfte w\u00e4re uns Geschenk gewesen. In der Hauptsache ists ja auch so gekommen, und gewi\u00df ist keiner so gl\u00fccklich als ich, keiner wei\u00df es dem Schicksal mehr zu danken als ich, das alles so gef\u00fcgt hat.<br \/>\nWie Du weggefahren warst, und wir gingen vom Bahnhof weg, war mir wohl &#8211; &#8211; eigener zu Mut, als wie ich von Wien wegmu\u00dfte. Mir schn\u00fcrte was die Kehle zu, und so gingen wir wortlos hinaus. Da sagte ich zum Klotz: \u201eGlaubst Du, jetzt k\u00f6nnt ich wirklich heulen!\u201c<br \/>\nUnd da w\u00e4rs schon aus mit der Fassung und &#8211; &#8211; &#8211;<!--more--><br \/>\nWir waren dann beim Drobner<span style=\"color: #333399;\"> [Gastwirtschaft]<\/span>, damit man in Wirbel kommt und in andere Gedanken.<br \/>\nAber das war auch nichts, ich trank ein einziges Glas Wein, und dann gingen wir nach Haus. Ich konnte wenig schlafen, daf\u00fcr dachte ich aber mehr an Dich, Dir\u2019s auch so gegangen sein mag.<br \/>\nDen andern Tag war ich in der Batterie. Ich bekam eine Karte vom 19. VI. in der violetten Schrift, wie ich Dir schon eine zeigte. Das war diese \u201eerste\u201c, von der in der andern, die Du kennst, die Rede ist. Von ihm war dazugeschrieben: Besten Gru\u00df und Dank. \u2013 Unterschrift. Jetzt kommt aber der Clou. Nachmittag hatte ich Dienst, ebenso heut vormittag. Also, da kamen wieder 2 St\u00fcck Post, darunter auch f\u00fcr mich ungeheuer viel. Halbzerfetzt, total fett, etc.<br \/>\nDer \u00e4lteste Brief ist einer vom Reinhart, aus Lerrado, (Folgaria) vom 6. April! Bitte, jetzt haben wir weit \u00fcber Mitte Juli. Dann: Ein Brief von Dir, vom 4. VI., einer v. 20. V. einer v. 22. V. einer v. 13. V. einer v. 16. V., die Karte vom Hameau <span style=\"color: #333399;\">[Ausflugsziel im Wienerwald]<\/span>, (3. VI.), eine Karte von Mama, 14. V., eine vom Willi <span style=\"color: #333399;\">[dem j\u00fcngeren Bruder]<\/span>, 22. V., und ein Brief von ihm 15. V.<br \/>\nHeut vormittag wurden aus obigen S\u00e4cken noch entdeckt: Deine Ausflugskarte vom 18. V. und die vom Brauhausbesichtigen. Mit der gew\u00f6hnlichen Post kam aber ein Brief in der violetten Schrift, mehr als 6 Seiten lang. Ich hab mich furchtbar ge\u00e4rgert, da\u00df er nicht 24 Stunden fr\u00fcher kommen konnte. Er ist am 13. VI. aufgegeben.<br \/>\nGerade bekomme ich noch eine Karte von Mama \u2013 Ostergr\u00fc\u00dfe!! Ich habe mir deshalb erlaubt, den Brief an die Carissima a zu unter brechen, um mich daf\u00fcr bedanken zu k\u00f6nnen.<br \/>\nAnschlie\u00dfend hab ich gleich fr\u00f6hliche Weihnachten gewunschen, sonst passiert meinen W\u00fcnschen was \u00e4hnliches!<\/p>\n<p>Nun zur\u00fcck zum Gestern, und zu der traurigen Geschichte, die sich da vollzog, also am ersten Tag, seit Ihr weg wart. Wie ich schon sagte, hatte ich Dienst. Ich stand in einer Kasematte, wo der Klotz Telefonschule hielt.<br \/>\nIch freute mich \u00fcber die vielen Briefe und wollte gerade zu lesen beginnen, da gibts irgendwo einen dumpfen Schlag. Rasch hinaus. Drau\u00dfen laufen Kanoniere nach einem Platz auf dem freien Feld vorm Werk, \u00fcber das auch Ihr gegangen seid, und einige sind bem\u00fcht, ein halb herausragendes, m\u00e4chtiges Eisenst\u00fcck auszugraben, das hergeflogen war. Ein Blick auf die Fabrik, die ganz in braunen Rauch geh\u00fcllt war, da\u00df nur die Schornsteine wie warnend heraussahen, belehrte sofort. In den S\u00e4ureflaschen, die dort neben den Geleisen stehen, war ein anderes St\u00fcck hereingesaust. Ein Ungl\u00fcck war klar.<br \/>\nIch lie\u00df sofort alle herumstehenden Leute in die Fabrik mitgehen, denn vielleicht k\u00f6nnte es ja etwas zu helfen geben. Am Weg liegt noch ein Eisenst\u00fcck, und nun bemerkt man 2 od. 3 gro\u00dfe L\u00f6cher im Dach der Fabrik.<br \/>\nIn der gro\u00dfen Halle alles voll dickem braunen Rauch. Gro\u00dfe Verwirrung, Best\u00fcrzung, man h\u00f6rt von Toten und t\u00f6tlich Verletzten. Niemand wei\u00df, was war, man sucht einen Flieger, man vermutet ein Attentat, ein M\u00f6rserrohr soll geladen gewesen sein und w\u00e4r nun losgegangen &#8211; &#8211; nichts bestimmtes.<br \/>\nEinige Verwundete werden hinaus geschafft, einer ruft noch herzzerrei\u00dfend um Hilfe. Und hier: das Blut bleibt einem in den Adern stehn, eine gr\u00e4\u00dflich zerrissene Leiche. Keine Arme, keine Beine, die Kleider weggefetzt, im ganz zerrisssenen K\u00f6rper Eisenteile. Dort ein Fu\u00df, dort unkenntliche Fleischklumpen, Blut und Knochen auf den Maschinen und <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span>, die herzumstehn. Das war ein Oberleutnant. \u2013<br \/>\nWei\u00df Gott, wie lang er schon im Feld war, es ist ihm nichts geschen, Er war mit dem eisernen <span style=\"color: #333399;\">[Auszeichnung]<\/span> ausgezeichnet worden. Aber das Tragische, das Furchtbare ist das, da\u00df er gerade auf Urlaub gehen sollte. Sein Stellvertreter war gerade gekommen, und noch etwa 15 Schritte von der Ungl\u00fcckstelle entfernt, als es geschah. Der Arme wird vielleicht schon nach Hause geschrieben haben, da\u00df er kommen wird, und nun kommt daf\u00fcr seine Todesnachricht. Er war von der Ms. Batt 11, Du hast ihn ja auch gesehen. Er war beim Drobner im Garten, wir auf unserm gew\u00f6hnlichen Platz und Du wirst Dich erinnern, auf den Hauptmann mit dem Mil. Verd. Kr. <span style=\"color: #333399;\">[Verdienst Kreuz]<\/span> und dem Eisernen. Gleich nach ihm kam ein Oberleutnant, auch mit dem eisernen und ich stand auf und sagte: Die mu\u00df ich mir anschaun. Dieser Oberleutnant war der ungl\u00fcckselige T. Morgen ist sein Begr\u00e4bnis. \u2013<br \/>\nLiebste Christl! Nun schlie\u00df ich f\u00fcr heute, ich geh jetzt zum Onkel <span style=\"color: #333399;\">[der in Krakow\/Krakau wohnte oder stationiert war?]<\/span>, wie ich versprochen, und schreib morgen fr\u00fch gleich weiter. Also viele herzliche Gr\u00fc\u00dfe und innigste Busserln von Deinem Olly.<\/p>\n<p>Der morgige Briefe ist nur Fortsetzung von diesem da. Herzliche Gr\u00fc\u00dfe auch an die Mutter und Tante Marie.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 14 I<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">N\u00e4chster Eintrag aus der Korrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=25536\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 5. April 2016<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus der Korrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=21290\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 2. Juli 1915<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zur Feldpostkorrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf siehe auch: Christa H\u00e4mmerle: Schau, da\u00df Du fort kommst! Feldpostbriefe eines Ehepaares. In: Christa H\u00e4mmerle: Heimat\/Front. Geschlechtergeschichte\/n des Ersten Weltkriegs in \u00d6sterreich-Ungarn, Wien\/K\u00f6ln\/Weimar 2013, S 55-83.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Kriegsfotoalbum von Leopold Wolf siehe <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/kriegsfotoalbum-aus-der-hinterlassenschaft-von-leopold-wolf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 49, Brief von Christine Lang an Leopold Wolf, Datum, SFN NL 14 I, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juli 1915 hatte die Wiener Modistin Christl Lang (geb. 1891) gemeinsam mit den Eltern und Br\u00fcdern ihres Verlobten Leopold (\u201eOlly\u201c) Wolf (geb. 1891) diesen in Krakow\/Krakau, wo er stationiert war, besucht. 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