{"id":213,"date":"2007-06-19T12:47:31","date_gmt":"2007-06-19T10:47:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=213"},"modified":"2025-01-06T20:46:15","modified_gmt":"2025-01-06T20:46:15","slug":"statement-von-luisa-passerini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=213","title":{"rendered":"Luisa Passerini: Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? Beitrag zur Podiumsdiskussion am vierten nationalen Kongress der Societ\u00e0 italiana delle storiche. (Statement)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? Beitrag zur Podiumsdiskussion am vierten nationalen Kongress der Societ\u00e0 italiana delle storiche. Statement <\/strong>*)<br \/>\nLuisa Passerini<\/p>\n<p>*) Dieser Beitrag wird auch in &#8222;Genesis. Rivista della Societ\u00e0 Italiana delle Storiche&#8220; ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Ich halte die Wahl dieses Themas f\u00fcr diese Podiumsdiskussion \u201eIst eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich?\u201c zu Beginn des Jahres, das die Europ\u00e4ische Kommission zum \u201eJahr der Chancengleichheit f\u00fcr alle\u201c erkl\u00e4rt hat, f\u00fcr sehr angebracht. Wenn man mit Chancengleichheit nicht nur die Frauen meint, sondern auch all jene, denen heute in Europa nicht gleiche Rechte zugestanden werden, von den Homosexuellen bis zu den MigrantInnen, wird die Bedeutung der K\u00e4mpfe der Frauen \u2013 nicht nur f\u00fcr sie selbst sondern auch f\u00fcr andere \u2013 offensichtlich. In diesem Sinne verstehe ich Frauen nicht als vorrangiges Subjekt, wie fr\u00fcher die Arbeiterklasse als Subjekt erster Kategorie in Bezug auf die sozialen und politischen Ver\u00e4nderungen verstanden wurde, wobei alle anderen Subjekte blo\u00df als Verb\u00fcndete galten. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass die Frauen dazu beigetragen haben, einen Prozess des Einforderns von Rechten in Gang zu setzen, der auf einen neuen Universalismus zusteuert, keinen abstrakten und formalen Universalismus, der den K\u00f6rper in Klammern setzt, sondern in einen potentiell konkreten Universalismus, der Gleichheit und Differenz als verk\u00f6rperten Subjekten (oder mit Subjektivit\u00e4t ausgestatteten K\u00f6rpern) inh\u00e4rente Eigenschaften denkt. Und ich denke auch, dass die Frauen \u2013 zusammen mit anderen \u2013 in der ersten Reihe im Kampf um die so definierten Rechte stehen.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt nicht nur das Recht, eine Geschichte zu haben, sondern auch das Recht die bisher geschriebene Geschichte umzuschreiben. In diesem Zusammenhang erscheint mir der Beitrag, den eine europ\u00e4ische Perspektive in der Frauengeschichte leisten kann, dringend notwendig. Mit \u201eeurop\u00e4ischer Perspektive\u201c meine ich nicht, dass jene, die sich mit Frauengeschichte befassen (ob Frauen oder M\u00e4nner), sich unbedingt mit Europa besch\u00e4ftigen m\u00fcssen, sondern, dass sie eine Position einnehmen, der dringlichen Problemen Rechnung tr\u00e4gt. Vor diesem Horizont tauchen als wichtige Themen auf: die Migration, die interkulturellen Beziehungen, der Postkolonialismus. Ein europ\u00e4ischer Blick muss sich mit dem Geflecht von in Europa gelebten und von Europa aufgezwungenen Trennungen und Ausschl\u00fcssen in der Vergangenheit auseinander. Daher geht es nicht nur darum, sich die Erweiterung der Europ\u00e4ischen Union in Richtung Mittel- und Osteuropa bewusst zu machen, sondern sich vor Augen zu halten, dass Europa viel gr\u00f6\u00dfer ist als die Europ\u00e4ische Union. Das wird von einer kulturellen und historischen Ebene aus gesehen immer so sein, wenn wir uns von einer rein territorialen Vorstellung von Europa verabschieden und die Aufforderung zur Ent-Territorialisierung ernst nehmen, die von mehreren Seiten an uns herangetragen wird \u2013 von der Theorie (auch der feministischen Theorie: Braidotti, Ivekovic, Varikas) und von den Migrantinnen mit ihren Erfahrungen. Eine europ\u00e4ische Dimension, die Farbige und Wei\u00dfe vollberechtigt aufnimmt, den Islam wie das Judentum, den Laizismus genauso wie die Religionen \u2013 das sind weitere Themen, die die Frauen ber\u00fchren.<!--more--><\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Einleitung m\u00f6chte ich nun von zwei Forschungsprojekten ausgehen, die ich in den vergangenen Jahren durchgef\u00fchrt habe, um die eine oder andere Antwort auf die von den Organisatorinnen dieser Podiumsdiskussion, Angiolina Arru und Edith Saurer (denen ich f\u00fcr die Anregungen danke) gestellten Fragen zu geben. Sie haben uns gebeten, den Blick in die Zukunft zu richten, und genau das braucht es angesichts der Tatsache, dass sich Europa in Umbau befindet, und dieser Prozess auf mehreren Ebenen zum Stillstand gekommen ist, in Hinblick auf die Verabschiedung der Europ\u00e4ischen Verfassung ebenso wie hinsichtlich der vollen Anerkennung der L\u00e4nder \u00fcbergreifenden Rechte. Es handelt sich dabei um eine vornehmlich historische Aufgabenstellung, gerade weil sie in Richtung Zukunft weist, ist Geschichte doch mit nichts anderem als der Beziehung zwischen verschiedenen Zeitebenen befasst, darunter die Vergangenheit und die Gegenwart: Nur wenn der Blick in die Zukunft gerichtet ist, werden deren Erfordernisse erkennbar, die in der Gegenwart bereits angelegt sind. Die Vergangenheit entsteht durch den Bezug auf konkrete Forschungen, weil sich die Geschichtswissenschaft richtigerweise nicht mit allgemeinen Aussagen begn\u00fcgt, sondern nach empirischen Forschungen auf Basis von Quellenmaterial und spezifischen Methoden verlangt.<\/p>\n<p>Ein Forschungsprojekt, das versucht hat, den Blick f\u00fcr die Zukunft zu sch\u00e4rfen, haben wir in den Jahren 2001 bis 2004 mit f\u00fcnf europ\u00e4ischen Universit\u00e4ten (Utrecht, Kopenhagen, Sofia und Budapest, koordiniert von der Europ\u00e4ischen Universit\u00e4t Florenz) unternommen, und zwar zu den Migrantinnen aus Bulgarien und Ungarn, die vorwiegend, aber nicht nur, nach 1989 nach Italien und in die Niederlanden eingewandert sind. Die Ergebnisse dieser in K\u00fcrze auf Englisch erscheinenden Forschungen basieren vorwiegend auf m\u00fcndliche Quellen. Es wurden nicht nur Migrantinnen interviewt, sondern auch \u201aeinheimische\u2019 Frauen der beiden Ziell\u00e4nder, die interkulturelle Kontakte gepflegt hatten. Hier haben wir bereits einen Hinweis auf eine Forschungspraxis die direkt von der Frauengeschichte kommt: die Betonung der Intersubjektivit\u00e4t. Das erscheint mir einer der umfassendsten Aspekte der feministischen Theorie zu sein und auch der historischen Frauenforschung in den vergangenen 20 Jahren: Die \u00dcberzeugung, dass die Konstituierung der Subjektivit\u00e4t, ein Thema, das so wichtig war f\u00fcr unsere Bewegungen und Untersuchungen, nicht ohne die Anerkennung und den Austausch mit anderen erfolgen kann \u2013 also das, was ich den Primat der Intersubjektivit\u00e4t nenne. Ich denke, dass die europ\u00e4ische Geschichte der Frauen im Zeichen der Intersubjektivit\u00e4t stehen muss.<\/p>\n<p>Was verstehe ich darunter? Nicht nur das, was ich bereits in Hinblick auf die Beziehungen zwischen Frauen aus Fleisch und Blut gesagt habe, sondern ich verstehe darunter auch jene wechselseitigen Vorstellungen \u2013 der Frauen aus dem Westen \u00fcber die Frauen aus dem Osten und der Frauen aus dem Osten \u00fcber die Frauen aus dem Westen \u2013, die stark stereotypisiert und oft von einem m\u00e4nnlichen Blick gepr\u00e4gt sind. Das betrifft nicht nur die Beziehungen zwischen Ost und West, sondern ganz generell das Gef\u00e4lle zwischen den einzelnen europ\u00e4ischen Regionen: in erster Linie zwischen dem S\u00fcden und dem Norden, aber auch die Klassifizierung von L\u00e4ndern als Zentrum oder Peripherie Europas. Wir brauchen einen historisch-kritischen Umgang mit den wechselseitigen, innereurop\u00e4ischen Wahrnehmungen; das ist eine essentialistische Tradition, die in zahlreichen subjektiven Quellen zum Ausdruck kommt wie zum Beispiel in Interviews, aber auch in Filmen \u2013 auch wenn sie manchmal scherzhaft eingesetzt wird. Im Kino l\u00f6st oft eine Fremde eine Beziehungskrise unter Personen aus, die aus ein- und demselben Land kommen. Bez\u00fcglich der verschiedenen europ\u00e4ischen R\u00e4ume und der in der Vergangenheit zwischen diesen aufgebauten Hierarchien, m\u00f6chte ich noch anf\u00fcgen, dass die mit den Frauen f\u00fcr das genannte Forschungsprojekt durchgef\u00fchrten Interviews sehr interessante Hinweise dazu liefern. Die Bulgarinnen und Ungarinnen korrigierten uns jedes Mal, wenn wir sie als Frauen aus Osteuropa ansprachen, mit dem Hinweis, sie geh\u00f6rten zu Zentraleuropa. Sie erkl\u00e4rten, dass ihre L\u00e4nder eine wichtige Rolle in Europa spielten, auch Bulgarien, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht Teil der Europ\u00e4ischen Union war. Die kulturelle und metaphorische Bedeutung dieses Insistierens \u2013 das sicher nicht nur geographische Bez\u00fcge hat \u2013 scheint mir auf der Hand zu liegen, ebenso die damit verbundene Einladung, den eigenen Standort zu verschieben, die Sichtweise des Gegen\u00fcber st\u00e4rker zu ber\u00fccksichtigen, den europ\u00e4ischen Raum in einer zeitgem\u00e4\u00dfen und in die Zukunft weisenden Form neu zu denken. Die Migrantinnen ent-territorialisieren und territorialisieren den Kontinent auf zweifache Weise neu, im materiellen und kulturellen Sinn mit ihrem Kommen und Gehen und mit ihrer eigenen Form von Subjektivit\u00e4t und Weltsicht.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass ich die Gefahren eines Zusammenschlusses der europ\u00e4ischen Frauen nach dem Zeitalter der nationalistischen Kriege und nach dem Kalten Krieg nicht sehe. Die interviewten Frauen haben es selbst gesagt, sowohl die Migrantinnen als auch die Ans\u00e4ssigen, als sie ihre (kurze) gegenseitige Anerkennung mit der tief greifenden Verschiedenartigkeit verglichen, die sie gegen\u00fcber islamischen, nicht-wei\u00dfen und amerikanischen Frauen empfinden. Hier werden Hautfarbe und Religionszugeh\u00f6rigkeit als wunde Punkte jener Intersubjektivit\u00e4t und jenes transkulturellen Dialogs sichtbar, zu deren Aufbau und Entwicklung die europ\u00e4ische Frauengeschichte beitragen muss. Hier kommt auch die Notwendigkeit eines postkolonialen \u00dcberdenkens ins Spiel, das hei\u00dft die Anerkennung, dass Europa \u2013 je nach Nation unterschiedlich \u2013, das Erbe des Kolonialismus zu tragen hat, dem es sich bis heute nicht wirklich gestellt hat. Damit meine ich nicht, dass sich die gesamte Geschichtsschreibung auf die Migrationen konzentrieren soll oder auf den Postkolonialismus \u2013 als Forschungsgegenstand und nicht als allgemeines Bewusstsein, an dem sich der historische Zugang orientiert. Vielmehr denke ich, dass einige der bisher angesprochenen Aspekte, Leitideen f\u00fcr eine Frauengeschichte sein sollten, um eine europ\u00e4ische Perspektive einnehmen zu k\u00f6nnen. Frauengeschichte wird hier \u2013 wie ich gleich ausf\u00fchren werde \u2013in einem weiten Sinn verstanden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich denke ich keinesfalls, und damit beantworte ich eine weitere Frage von Angiolina Arru und Edith Saurer, dass eine europ\u00e4ische Frauengeschichte bestimmte Themen bevorzugen sollte oder bestimmte Methoden, weder quantitative noch qualitative, weder so genannte subjektive Quellen noch andere historische Quellen. Ich denke auch nicht, dass sie um jeden Preis vergleichend vorgehen muss, und schon gar nicht, dass sie alle europ\u00e4ischen L\u00e4nder einbeziehen muss. Weiters denke ich nicht, dass Frauengeschichte, wie ich und viele andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sie immer verstanden haben, unbedingt von Frauen und nur von Frauen handeln muss. Ich denke vielmehr, dass auch eine Mikrogeschichte \u2013 als Geschichte eines Ortes oder eines Individuums auch m\u00e4nnlichen Geschlechts \u2013, aus einer europ\u00e4ischen Perspektive geschrieben werden kann und gleichzeitig Teil einer europ\u00e4ischen Frauengeschichte sein kann, die ich als Geschlechtergeschichte verstehe, das hei\u00dft, als Geschichte der Geschlechterbeziehungen. Um diesen Aspekt zu erl\u00e4utern, m\u00f6chte ich ein anderes Forschungsprojekt als Beispiel anf\u00fchren, an dem ich selbst gearbeitet habe und dessen Ergebnisse ebenfalls bald gedruckt vorliegen werden. Es handelt sich um die Weiterf\u00fchrung und den Abschluss meiner Forschungen zum Thema Liebe und Europa. Ich habe versucht, den Mythos zu dekonstruieren, der besagt, dass die Europ\u00e4erInnen die h\u00f6fische und romantische Liebe erfunden und sie in der Folge allen anderen Kulturen vermittelt h\u00e4tten. Ich werde hier nicht den Inhalt ausf\u00fchren, sondern die Methode, die ich in der Darstellung verwendet habe. Das Forschungsprojekt befasst sich mit Frankreich und Italien von den sp\u00e4ten 1920er bis zu den 1940er Jahren und besteht aus case studies: Zwei davon sind Einzelpersonen gewidmet (beides europ\u00e4isch gesinnte M\u00e4nner), eine weitere Studie befasst sich mit einem Buch, das eine Mischform aus Essay und Literatur ist, und eine weitere mit einer Gruppe von vornehmlich franz\u00f6sischen Intellektuellen. Die f\u00fcnfte Studie handelt von der Rezeption eines j\u00fcdischen Theaterst\u00fcckes und die sechste von einem j\u00fcdischen italienisch-deutschen Paar.<\/p>\n<p>Mit diesen Themen habe ich versucht zweierlei zu erreichen \u2013 den Blickwinkel der Frauengeschichte einzubringen und gleichzeitig eine europ\u00e4ische Perspektive einzunehmen und zwar auf unterschiedliche Weise: Im Fall der beiden Anh\u00e4nger des Europagedankens habe ich den sie umgebenden Frauen die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Aufmerksamkeit geschenkt \u2013 und zwar nicht nur den M\u00fcttern, den Ehefrauen, Schwestern und T\u00f6chtern, der Blutsverwandtschaft, sondern auch den Gespr\u00e4chspartnerinnen oder den intellektuellen Widersacherinnen. Vor allem aber wollte ich jene Aspekte ihres Sprechens \u00fcber Europa herausstreichen, die Formen von M\u00e4nnlichkeit und Bed\u00fcrfnisse nach Weiblichkeit zum Ausdruck brachten, die weibliche Seite hervorheben, die diese M\u00e4nner lebten. Im Fall der Rezeption von Texten und der Gruppe von Intellektuellen habe ich nicht nur versucht, den Geschlechteraspekt zu analysieren, sondern auch die Art ihres Umgangs mit der europ\u00e4ischen Kultur in Verbindung mit zwei anderen Kulturen, der islamischen und der j\u00fcdischen. Das hat selbstredend eurozentrische Positionen ans Licht gebracht, die an Formen von m\u00e4nnlichem Chauvinismus gekn\u00fcpft waren, auch von Seiten der Frauen. Zugleich aber habe ich versucht zu zeigen, dass sie einen Dialog aufbauen wollten, einen Austausch mit der islamischen und der j\u00fcdischen Kultur gerade vor dem Hintergrund der \u00dcberwindung der Krise der sp\u00e4ten 1930er Jahre und eines zuk\u00fcnftigen anderen Europas. Es w\u00e4re viel zu einfach, diese Pers\u00f6nlichkeiten aus aktueller Sicht des Eurozentrismus zu bezichtigen, und sich auf simple Kritik oder gar eine Verurteilung zu beschr\u00e4nken, denn in ihrem Eurozentrismus oder wohlgesinnten Kolonialismus fanden sich Spuren von Menschlichkeit, die die Zukunft vorwegnahmen, Formen menschlicher Solidarit\u00e4t, die die Grenze der traditionellen Art und Weise Europ\u00e4er zu sein und zu Europa zu geh\u00f6ren, \u00fcberschritten. Im Fall des Paares schlie\u00dflich war es einfach, der Frau einen wichtigen Platz einzur\u00e4umen, obwohl vom umfangreichen Schriftverkehr zwischen den beiden \u2013 wie es oft der Fall ist \u2013 vor allem die Briefe des Mannes erhalten geblieben sind. Sie war der starke Part, sie hat mutig die Herausforderung des Exils in Bolivien angenommen, um den Rassengesetzen zu entgehen und hat ihren Mann, einen deutschen Juden, mit ihrer Kraft in einem \u00e4u\u00dferst schweren Leben unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Es steht mir nicht zu, zu beurteilen, inwieweit ich meinen Anspruch damit eingel\u00f6st habe. Ich m\u00f6chte aber hervorheben, dass diese Arbeit dem Thema Europa zweifellos sehr nahe kommen ist, zu Beginn aber weit ab von der Frauengeschichte zu stehen schienen. Ich beharre jedoch darauf, dass sie zu diesem Forschungsbereich geh\u00f6rt, weil ich ihn f\u00fcr viel mehr halte als f\u00fcr einen einfachen Forschungsbereich: F\u00fcr mich ist die Frauengeschichte ein Zugang zur historischen Disziplin, der in die gesamte Historiographie einf\u00fchrt \u2013 in die gesamte \u2013 mit ihren Themen, ihren Gegenst\u00e4nden, ihren konzeptionellen Kategorien. Damit will ich keineswegs andere spezifische Auspr\u00e4gungen der europ\u00e4ischen Frauengeschichte negieren, wie sie etwa Gisela Bock auf sehr interessante Weise durchgespielt hat. In zweifachem Sinn, einen spezifischen und einen weiten, ist die europ\u00e4ische Frauengeschichte aus meiner Sicht nicht nur m\u00f6glich, sondern w\u00fcnschenswert und notwendig.<br \/>\nAbschlie\u00dfend noch einige \u00dcberlegungen: Ich beobachte, dass die Kategorie Geschlecht immer h\u00e4ufiger in einem Zug mit den anderen Kategorien genannt wird, die es erm\u00f6glichen den \u201efarbigen K\u00f6rper\u201c zu denken, wie Generation, Alter (was nicht dasselbe ist) und \u201eRasse\u201c im kulturellen, nicht im biologischen Sinn. Ich erinnere daran, dass gerade feministische Wissenschaftlerinnen auch in Europa das Thema whiteness aufgegriffen haben \u2013 Philosophinnen, Politik-, und Literaturwissenschaftlerinnen. Aber auch Historikerinnen haben Wei\u00dfsein thematisiert. Um nur ein Beispiel, aber ein gl\u00e4nzendes zu nennen: Catherine Hall hat mit ihrem Buch \u201eCivilising Subjects\u201c dem Verh\u00e4ltnis von Metropole und Kolonie, respektive von Gro\u00dfbritannien und Jamaika, der Vorstellungswelt und der kolonialen Erfahrung des 19. Jahrhunderts nachgesp\u00fcrt. In der Einleitung stellt sie sich genau dem Problem, wie wir heute Europa denken k\u00f6nnen und wie wir Europ\u00e4erInnen sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte schlie\u00dfen, indem ich meiner \u00dcberzeugung Ausdruck verleihe \u2013 und die Anzeichen sprechen daf\u00fcr \u2013, dass jene Kategorien, die in Bezug zu den mit Subjektivit\u00e4t ausgestatteten K\u00f6rpern stehen, gemeinsam mit Intersubjektivit\u00e4t, Postkolonialismus und Transkulturalit\u00e4t dazu beitragen werden, die Versprechen, die die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte und jene j\u00fcngeren Datums gemacht hat, einzul\u00f6sen, n\u00e4mlich das Versprechen eines Europa der gleichen Rechte und der Chancengleichheit.<\/p>\n<p>Zitation: Luisa Passerini: Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? Beitrag zur Podiumsdiskussion am vierten nationalen Kongress der Societ\u00e0 italiana delle storiche. Statement, auf: Salon 21 (19.06.2007), https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=213<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? Beitrag zur Podiumsdiskussion am vierten nationalen Kongress der Societ\u00e0 italiana delle storiche. Statement *) Luisa Passerini *) Dieser Beitrag wird auch in &#8222;Genesis. Rivista della Societ\u00e0 Italiana delle Storiche&#8220; ver\u00f6ffentlicht. 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