{"id":2261,"date":"2009-09-25T10:22:50","date_gmt":"2009-09-25T08:22:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=2261"},"modified":"2022-05-19T16:18:38","modified_gmt":"2022-05-19T16:18:38","slug":"konferenz-personal-und-insassen-von-totalen-institutionen-in-der-neuzeit-zwischen-konfrontation-und-verflechung-01-03102009-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=2261","title":{"rendered":"Konferenz: Personal und Insassen von Totalen Institutionen in der Neuzeit &#8211; Zwischen Konfrontation und Verflechung, 01.-03.10.2009, Wien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fachbereich f\u00fcr Geschichte der Universit\u00e4t Salzburg <\/strong><a href=\"http:\/\/www.uni-salzburg.at\/portal\/page?_pageid=53,1&amp;_dad=portal&amp;_schema=PORTAL\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Web)<\/a><strong>; Institut f\u00fcr \u00d6sterreichische Geschichtsforschung Wien<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichtsforschung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Web)<br \/>\n<\/a><br \/>\nZeit: 01.-03.10.2009<br \/>\nOrt: H\u00f6rsaal des Instituts f\u00fcr \u00d6sterreichische Geschichtsforschung, Hauptuniversit\u00e4t<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichtsforschung\/veranstaltungen\/totale_institutionen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Programm-Folder (PDF)<\/a>, Programm auch weiter unten<br \/>\nErving Goffmans soziologisches Konzept der Totalen Institution (Asyle. \u00dcber die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt\/M. 1973, zuerst New York 1961) hat auch f\u00fcr die Untersuchung der Geschichte von Institutionen der Einschlie\u00dfung (Hospit\u00e4ler, psychiatrische Heilanstalten, Zuchth\u00e4user, Strafanstalten, Gef\u00e4ngnisse \u2026) eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Zwar war seine Rezeption in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft zur\u00fcckhaltender als etwa in Frankreich oder im angels\u00e4chsischen Raum. Dennoch aber sind die Grundz\u00fcge seiner Perspektive auf die inneren Verh\u00e4ltnisse in Institutionen der Weltabsonderung, Verwahrung, Einsperrung oder Internierung auch von deutschen Historiker\/innen aufgenommen worden \u2013 nicht zuletzt, weil <!--more-->Goffman die G\u00fcltigkeit seiner Analyse auch f\u00fcr historische Institutionen wie Kl\u00f6ster, Kasernen oder Internierungs- und Konzentrationslager behauptete.<br \/>\nGoffman verstand Totale Institutionen als radikale Gegenpole zur Gesellschaft, die f\u00fcr ihn ein sozialer Raum spontaner Selbstverwirklichung war. Er schilderte sie als k\u00fcnstliche Gegen-Welten, die von unselbst\u00e4ndigen Insassen bev\u00f6lkert werden, die durch Mauern, Z\u00e4une und Tore v\u00f6llig vom Rest der Gesellschaft abgesondert sind. Ihr Leben, so Goffman, ist k\u00fcmmerlich, weil es allein von den vorgegebenen Vollzugsregeln der Institution organisiert wird. Totale Institutionen rauben ihren Insassen daher jede F\u00e4higkeit zur selbst bestimmten Handlung \u2013 was sich auch im Verh\u00e4ltnis zwischen Insassen und Anstaltspersonal widerspiegelt. Zwischen beiden Gruppen sah Goffman eine strenge Scheidelinie eingezogen, die f\u00fcr ihn in \u00abverschiedene soziale und kulturelle Welten\u00bb (19f.) m\u00fcndete. Bestimmt wurde das Zusammenleben von Insassen und Personal in Totalen Institutionen f\u00fcr ihn also von Konfrontationen, Erniedrigungen, radikalen Reduzierungen von Handlungsoptionen auf Seiten der Insassen und einer feindlichen Haltung und Gegnerschaft zwischen ihnen und dem Personal.<br \/>\nAnliegen der Tagung ist es, diese Sichtweise des Zusammenlebens im institutionellen Kontext zu \u00fcberpr\u00fcfen und zu hinterfragen. Goffmans Analyse liegt die Vorstellung zugrunde, Insassen und Personal bildeten jeweils homogene soziale Gruppen. War dem wirklich so?<br \/>\nZu fragen ist erstens nach den sozialen Milieus, aus denen die Menschen, die in einer Anstalt lebten, entstammten (beim Personal auch nach der Rekrutierungspraxis oder dem Ausbildungsweg). Ein genauerer Blick darauf erlaubte, sich klarer zu machen, wie Welt von den verschiedenen in der Einschlie\u00dfung lebenden Akteuren wahrgenommen und gedeutet wurde und an welchen soziokultureller Logiken sich diese Wahrnehmungen, Deutungen, aber auch das aus ihnen folgende Handeln bema\u00df.<br \/>\nEin zweiter Fragekomplex betrifft das Miteinander im Anstaltskontext: Wie waren die Aufgaben in der Anstalt verteilt? Bestand zwischen Insassen und Personal tats\u00e4chlich eine strenge Scheidelinie oder \u00fcberschritt das Leben von Insassen und Personal \u2013 wie dies einige Arbeiten zur Geschichte der fr\u00fchmodernen Zuchth\u00e4user vermuten lassen \u2013 nicht immer wieder klare soziale und funktionale Rollenzuschreibungen, etwa indem Insassen zu T\u00e4tigkeiten herangezogen wurden, die sich mit denen des Personals \u00fcberschnitten, sodass sich letztlich nicht einmal immer pr\u00e4zise zwischen beiden Kategorien unterscheiden lie\u00dfe? Waren, \u00fcberspitzt formuliert, die Insassen also das Personal totaler Institutionen?<br \/>\nIn den Blick zu nehmen sind drittens auch die r\u00e4umlichen Strukturen der verschiedenen Anstalten und ihre Schaffung bzw. Verfestigung durch das Handeln der Akteure. Dabei geht es nicht nur um die r\u00e4umliche Konstituierung institutioneller Ordnungsarrangements (also Grundrisse, Raumnutzungskonzepte etwa beim Garten, Ausstattungsdifferenzen von R\u00e4umlichkeiten usw.), sondern auch um den Umgang, die Aneignung, die Zur\u00fcckweisung oder Umfunktionierung dieser R\u00e4ume durch Personal und Insassen.<br \/>\nSchlie\u00dflich wird viertens auch danach gefragt, ob das Bild einer permanenten Konfrontation zwischen Insassen und Personal der historischen Realit\u00e4t entspricht. Waren die Handlungsr\u00e4ume von Insassen und Personal tats\u00e4chlich derartig getrennt, wie es Goffman unterstellte? Oder lassen sich nicht vielmehr zahlreiche Verflechtungen, Abh\u00e4ngigkeiten und Interdependenzen feststellen, wie sie eher dem Bild entsprechen, das Norbert Elias vom Zusammenleben im institutionellen Kontext gezeichnet hat?<br \/>\nKonzeptionell w\u00e4ren einer Analyse der sozialen Beziehungen zwischen Insassen und Personal in den Institutionen der Einschlie\u00dfung (und nat\u00fcrlich ihrem historischen Wandel) weitere Frage zugrunde zu legen: Ist der Rahmen des Handelns in der Anstalt mit traditionellen Konzepten von Disziplinierung, Herrschaft und Normdurchsetzung ad\u00e4quat erfasst? Oder muss nicht eine relationale Konzeption von Macht zugrunde gelegt werden, wie sie Elias und auch Michel Foucault vorgeschlagen haben? Macht wurde von ihnen als jeder sozialen Beziehung inh\u00e4rent angesehen und nicht als eine Frage des Besitzes aufgefasst. Sie manifestiert sich in menschlichen Interaktions- und Kommunikationsprozessen und begr\u00fcndet bewegliche Ensembles von Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen, die zwar oftmals asymmetrisch sind, niemals jedoch alle Machtchancen allein auf einer Seite konzentrieren. Waren die Institutionen der Einschlie\u00dfung also nur Orte der Konfrontation, des Zwangs und der Unterdr\u00fcckung oder von vernetzten Akteuren belebte Felder sozialen Handelns, auf denen unterschiedliche Machtanspr\u00fcche artikuliert und durch die Aktivierung ungleich verteilter materieller, sozialer und symbolischer Ressourcen in Geltung gesetzt und verstetigt wurden?<br \/>\nSchlie\u00dflich sollte der Blick nicht nur auf das gerichtet werden, was Insassen und Personal trennte, sondern auch auf das, was sie miteinander verband : M\u00f6glichkeiten der Aushandlung und des Transfers in sozialen Beziehungsgeflechten, in denen sich Menschen orientieren mussten, um ihre Handlungsoptionen auszuleuchten und schlie\u00dflich zu realisieren. Zu fragen w\u00e4re deshalb auch nach eigensinnigen Aneignungen oder Transformationen von Regeln und Strukturen sowohl auf Seiten der Insassen wie des Personals, nach der Aktivierung institutioneller Ressourcen, nach der Rolle von Akzeptanz f\u00fcr das geordnete Zusammenleben oder nach geteilten Werten und Identit\u00e4ten.<br \/>\nDie Tagung l\u00e4dt dazu ein, am Beispiel ganz unterschiedlicher Institutionen der Einschlie\u00dfung (Kl\u00f6ster, Hospit\u00e4ler, Zuchth\u00e4user, Gef\u00e4ngnisse \u2026) \u00fcber diese Fragen nachzudenken und sie gemeinsam zu diskutieren.<br \/>\nWeitere R\u00fcckfragen<\/p>\n<ul>\n<li>Falk Bretschneider, <a href=\"http:\/\/actualites.ehess.fr\/categorie323.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Centre de recherches interdisciplinaires sur l&#8217;Allemagne<\/a> (UMR 8131 EHESS\/CNRS), bretschn#ehess.fr<\/li>\n<li>Martin Scheutz, <a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichtsforschung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Institut f\u00fcr \u00d6sterreichische Geschichtsforschung<\/a>\/Institut f\u00fcr Geschichte der Universit\u00e4t Wien, martin.scheutz#univie.ac.at<\/li>\n<li>Alfred Stefan Wei\u00df, <a href=\"http:\/\/www.uni-salzburg.at\/portal\/page?_pageid=53,1&amp;_dad=portal&amp;_schema=PORTAL\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fachbereich f\u00fcr Geschichte der Universit\u00e4t Salzburg<\/a>, Alfred.Weiss#sbg.ac.at<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Programm<\/strong><br \/>\n<strong>1. Oktober 2009<\/strong><br \/>\n13.00\u201314.30: Er\u00f6ffnung und Einf\u00fchrung<br \/>\nFalk BRETSCHNEIDER, Martin SCHEUTZ, Alfred S. WEISS (unter Mitarbeit von Christine Schneider): Personal und Insassen von Totalen Institutionen zwischen Konfrontation und Verflechtung (Einf\u00fchrung)<br \/>\nCarlos WATZKA: \u201eTotale Institutionen\u201c \u2013 Mythen und Erkenntnisse in und \u00fcber den psychiatriesoziologischen Klassiker \u201aAsyle\u2019 von Erving Goffmann<br \/>\n14.30\u201318.00: <strong>Sektion 1: Die Welt der Lager und der Armee<\/strong><br \/>\nVorsitz: Falk Bretschneider<br \/>\nClaudia NICKEL, Reale und symbolische R\u00e4ume: Wechselbeziehungen von Raum und Individuum in s\u00fcdfranz\u00f6sischen Lagern (ab 1939)<br \/>\nKiran Klaus PATEL, \u201eAuslese\u201c und \u201eAusmerze\u201c. Das Janusgesicht der nationalsozialistischen Lager, 1933-1945.<\/p>\n<ul>\n<li>(Pause 16.00\u201316.30)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Veronika SPRINGMANN, Sport im Konzentrationslager \u2013 konfrontative Verflechtung?<br \/>\n<strong>2. Oktober<\/strong><br \/>\n9.00\u201312.30: <strong>Sektion 2: Zuchth\u00e4user und Strafanstalten<\/strong><br \/>\nVorsitz: Maria Heidegger<br \/>\nEmmanuel DECOUARD\/Sybille KERSHNER, Strafen und Arbeiten \u2013 Die Strafkolonie in Mettray<br \/>\nHerbert REINKE, 1968er, Gef\u00e4ngnisse und Heime \u2013 Insassen und Personal<\/p>\n<ul>\n<li>(Pause 10.30\u201311.00)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Falk BRETSCHNEIDER, Gefangene Gesellschaft \u2013 soziale Verflechtung und soziale Ungleichheit im Zuchthaus des 18. Jahrhunderts<br \/>\n14.30\u201318.00: <strong>Sektion 3: Anstaltsgeistliche als Transmissionsriemen zwischen Personal und Insassen?<\/strong><br \/>\nVorsitz: Martin Scheutz<br \/>\nD\u00e9sir\u00e9e SCHAUZ, Die ambivalente Rolle von Geistlichen in Gef\u00e4ngnissen. Zur Komplexit\u00e4t Totaler Institutionen im langen 19. Jahrhundert<br \/>\nMaria HEIDEGGER, Handlungsr\u00e4ume und Positionen katholischer Anstaltsgeistlicher innerhalb der \u201ek.k. Provinzial-Irrenanstalt\u201c Hall in Tirol (1830\u20131870)<\/p>\n<ul>\n<li>(Pause 16.00\u201316.30)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gerhard AMMERER, Der P\u00e4dagoge Vinzenz Eduard Milde und der Wiener Zuchthausgeistliche Philipp Jakob M\u00fcnnich \u2013 Theoretische und praktische Gedanken zur pastoralen Betreuung von Gefangenen im fr\u00fchen 19. Jahrhundert<br \/>\nAlfred Stefan WEISS, Der Hospitalgeistliche und seine (normierte) \u00b4Beziehung` zu den Insassen in der Fr\u00fchen Neuzeit<br \/>\nAnschlie\u00dfend: Exkursion \u201eNarrenturm\u201c (f\u00fcr Tagungsteilnehmer), Beginn 18.30; Pathologisch Anatomisches Bundesmuseum, Spitalgasse 2, 13. Hof, Uni-Campus, A\u20131090 Wien<br \/>\n<strong>3. Oktober<\/strong><br \/>\n9.00\u201312.30: <strong>Fortsetzung Sektion 2<\/strong><br \/>\nGerhard S\u00c4LTER, Konfliktfelder zwischen Personal und Insassen am Beispiel Bautzen II<br \/>\n<strong>Sektion 4: Kl\u00f6ster, Hospit\u00e4ler, psychiatrische Anstalten<\/strong><br \/>\nVorsitz: Gerhard Ammerer<br \/>\nMartin SCHEUTZ, Verschriftlichte Ordnungen \u2013 Personal und Insassen in Spit\u00e4lern<\/p>\n<ul>\n<li>(Pause 10.30\u201311.00)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Christine SCHNEIDER, Beziehungen und Schwierigkeiten zwischen Klosterschwestern und ihren Oberinnen<br \/>\nUte STR\u00d6BELE, Auseinandersetzung\/Absetzung \u201eunliebsamer\u201c Klostervorsteherinnen oder konventsinterne Konflikte um angebliche \u201eVerschwendung\u201c kl\u00f6sterlicher Wirtschaftsressourcen durch \u201eMissmanagement\u201c<br \/>\n12.30\u201313.30 Schlussdiskussion<br \/>\n<strong>Kontakt: <\/strong><br \/>\nF\u00fcr organisatorische Fragen:<br \/>\nStefanie Gruber<br \/>\nInstitut f\u00fcr \u00d6sterreichische Geschichtsforschung<br \/>\nDr. Karl Lueger Ring 1<br \/>\nA-1010 Wien<br \/>\nTel: 42 77 \/ 27 203<br \/>\nstefanie.gruber@univie.ac.at<br \/>\nURL: <a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichtsforschung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichtsforschung\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fachbereich f\u00fcr Geschichte der Universit\u00e4t Salzburg (Web); Institut f\u00fcr \u00d6sterreichische Geschichtsforschung Wien (Web) Zeit: 01.-03.10.2009 Ort: H\u00f6rsaal des Instituts f\u00fcr \u00d6sterreichische Geschichtsforschung, Hauptuniversit\u00e4t Programm-Folder (PDF), Programm auch weiter unten Erving Goffmans soziologisches Konzept der Totalen Institution (Asyle. \u00dcber die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. 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