{"id":24252,"date":"2016-05-02T01:10:18","date_gmt":"2016-05-02T01:10:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=24252"},"modified":"2022-07-06T12:19:51","modified_gmt":"2022-07-06T12:19:51","slug":"nl-09","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=24252","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 73: Tagebuch von Bernhardine Alma, 2. bis 10. Mai 1916, Wien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1916-05-021.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-24475 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 2. Mai 1916 [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1916-05-021-150x150.jpg\" alt=\"1916-05-02\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><span style=\"color: #333399;\">Bernhardine Alma (geb. 1895) war seit 1915 ehrenamtlich f\u00fcr das Rote Kreuz t\u00e4tig. Ihre Aufgabe bestand darin, an 4 Nachmittagen in der Woche Namen von verstorbenen sowie von vermissten Soldaten von Kartei-Karten in Listen einzutragen, die sie als &#8222;Schreckenslisten&#8220; benannte. Im Herbst 1915 war sie daf\u00fcr mit einer <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=23508\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ehrenmedaille <\/a>ausgezeichnet wurden. Ihre \u00e4lteste Schwester Cora (geb. 1890) engagierte sich ebenfalls im Roten Kreuz. Sie hatte \u00fcber eine Annonce den Offizier Sergius von St. aus dem rum\u00e4nischen Teil der Monarchie kennengelernt und geheiratet. Im Mai 1916 folgte sie ihm in die Etappe nach Tzebinje in Bosnien-Herzegowina. Die Trennung von der Schwester durch deren Eheschlie\u00dfung wurde von Bernhardine Alma im Tagebuch ausf\u00fchrlich besprochen. Auch f\u00fcr die 25j\u00e4hrige Schwester Sigrid (geb. 1891), die als Fotografin arbeitete, versuchte die Familie, \u00fcber Zeitungs-Inserate einen als passend eingestuften Ehemann zu finden.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>2. Mai 1916. abend.<br \/>\n\u201eDieser Monat ist ein Ku\u00df, Den der Himmel gibt, der Erden!\u201c<br \/>\nMorgen kommt Sigrid mit ihrem Hr H. im Cafe mit Ma <span style=\"color: #333399;\">[Mutter Lydia Alma]<\/span> zusammen. Ich hoffe so sehr, da\u00df es ein g\u00fcnstiges Resultat haben wird. Hoffentlich heiratet sie dann recht bald! Das g\u00e4be Gott! Und nat\u00fcrlich gl\u00fccklich! Im R. K. <span style=\"color: #333399;\">[Roten Kreuz]<\/span> war es \u00f6d. Die K. hat mir die Karten nicht gebracht. Also konnte ich die Schreckensliste nicht abgeben, was mich \u00e4rgert. Die Anny ist ganz herzig. Ich hob f\u00fcr die Auszeichnungen ein. Leider konnte ich die Cora nicht <span style=\"color: #333399;\">[f\u00fcr eine Medaille]<\/span> eingeben. Mir wird doch leid sein, wenn die Cora so weit fort ist. Die Cora sagte, sie glaube, da\u00df ihr um mich am meisten leid sein wird. \u2013 Ob ich das Ehrenzeichen bekommen werde? Wenn nicht, trete ich aus. Wenn nur der Krieg einmal aus w\u00e4re! Man h\u00f6rt so viel, da\u00df es bald sein soll. Das w\u00e4re so sch\u00f6n! Ich habe schon so lange keinen Brief bekommen. \u2013<\/p>\n<p>3. Mai 1916, abends.<br \/>\nWas wird der Monat bringen? Sigrid war mit Ma im Cafe, aber der dumme Kerl hat sich nicht ger\u00fchrt. \u2013 Vielleicht schreibt er bis morgen! \u2013 Heute war ich in der L\u00e4nderbank wegen Sigrids Geld und dann beim Merkur und mit Cora auf der Post. Die arme Cora f\u00e4hrt schon bald fort! Ich h\u00e4tte so gerne, wenn Sigrid bald heiraten w\u00fcrde! Vielleicht geht es doch bald. Vielleicht den Edie L. Heute ging ich blank ins R. K. Der H. hat gesagt, da\u00df ich f\u00fcr die Auszeichnung zu viel vorgeschlagen <span style=\"color: #333399;\">[habe]<\/span>. Ich wollte f\u00fcr Cora eine Auszeichnung. Er sagte, <!--more-->da\u00df ich noch bei der Besprechung zugegen <span style=\"color: #333399;\">[sein]<\/span> w\u00fcrde. Er war sehr nett. Ich sagte es ihm wegen der dummen Karten von der Fr. K. Er wird darum schauen. Er ist mitunter wirklich recht lieb. Ich hab zuhause sehr viel zu tun. Auf der Hauptstra\u00dfe sind Fotografien <span style=\"color: #333399;\">[von Soldaten ausgestellt]<\/span>. Eine sah meinem kleinen Jaro sehr \u00e4hnlich. <span style=\"color: #333399;\">[Jaro G. war eine Bekanntschaft, die die Schreiberin im Rahmen von Besuchen von Soldaten in Krankenh\u00e4usern kennen gelernt hatte.]<\/span> Ich werde noch genau schauen, ob er es ist. Wenn ja, mu\u00df ich es bekommen. \u2013 Ich will so viel.<br \/>\nGott m\u00f6ge mein Schicksal lenken. Nach dem R. K. war ich in der Stefanskirche beichten, nicht bei dem letzten, sondern bei einem anderen. Aber der erkannte, da\u00df ich schon einmal bei ihm gewesen. Er war aber sehr nett, hob mein \u201ezartes Gewissen\u201c hervor u.s.w. \u2013 Wenn Gott mir nur gn\u00e4dig ist! \u2013<\/p>\n<p>4. Mai 1916, abends.<br \/>\nMorgen f\u00e4hrt Cora fort. Mir wird sehr leid sein um sie. Es ist ja so was Eigenes dran, \u2013 wir haben so lang zusammen gelebt, haben uns lieb gehabt \u2013 und dann l\u00f6st sie sich von der Familie \u2013 und f\u00e4hrt so weit fort. Gott m\u00f6ge sie sch\u00fctzen! Sie m\u00f6ge recht sehr gl\u00fccklich werden! Das wollte Gott! \u2013 \u2013 \u2013<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span> F\u00fcr zuhause hab ich sehr viel zu tun. Ich gab an den Stephan Sch. eine Feldpostkarte und Zigaretten auf. \u2013 Die Karte im R. K. habe ich noch nicht. Man hat auch Gesch\u00e4ftssorgen. Die Tante Lilli war heute da. Sie ist recht niedlich. \u2013<br \/>\nIm R. K. bekam ich eine Ansichtskarte vom Lt. N.<br \/>\nZuhause hatte ich eine Ansichtskarte vom Sch.<br \/>\nDann kamen die Gertrud, Tante Lilli und Lisi. Wir blieben dann alle zusammen und tranken Wein auf Coras Wohl. Es w\u00e4re sehr nett gewesen, aber mir tut es doch leid um die Cora. &#8211; &#8211; <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span> Wer nur einen Blick in die Zukunft tun d\u00fcrfte!!!!! \u2013 Die arme Sigrid hat zwar einen sehr lieben, aber doch einen Abschiedsbrief von ihrem dummen Herrn H. bekommen. Besser fr\u00fcher als sp\u00e4ter! Aber hoffentlich wird sie jetzt bald eine gl\u00fcckliche Frau eines anderen!<br \/>\nDenk, aber denke nicht zu viel<br \/>\nEs geht doch alles wie Gott will!<\/p>\n<p>5. Mai 1916, abends Freitag<br \/>\nNun ist die Cora fort. Mir ist der Abschied sehr, sehr schwer geworden, schwerer als ich dachte. Sie war doch bei uns, ist mit uns aufgewachsen, eigentlich unl\u00f6slich verbunden, und nun ist sie fort \u2013 nun ist eine L\u00fccke in unsere Familie gerissen. \u2013 \u2013<br \/>\nHoffentlich geht es der Cora recht gut, wird sie recht gl\u00fccklich. Wann ich sie wieder sehen werde? Und unter was f\u00fcr Verh\u00e4ltnissen?<br \/>\nUnsere Familienverh\u00e4ltnisse haben sich jetzt ver\u00e4ndert. \u2013 Und mir ist, als sei das nun schon weit her, ferne Vergangenheit.<br \/>\nUnd immer mehr habe ich nach dem Jaro Sehnsucht. \u2013 Heute war ich beim Bank Verein u.s.w. Ich sah wieder sein Bild <span style=\"color: #333399;\">[das offenbar \u00f6ffentlich ausgestellt war]<\/span>, er ist es sicher; noch als Korporal. Einj\u00e4hriger. \u2013 ich k\u00f6nnte stundenlang stehenbleiben und sein liebes, liebes Gesicht ansehen. <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><br \/>\nHeute war ich in der Bibliothek und tauschte ein. Die alten brachte ich retour. Das Gl\u00fcck im Winkel <span style=\"color: #333399;\">[von Hermann Bahr, 1895]<\/span> war nichtssagend. Heines Mutter Lohn u. Biberpelz habe ich gar nicht gelesen oder doch nur durchgeflogen. In der zehnten Muse von <span style=\"color: #333399;\">[Maximilan]<\/span> Bern kamen reizende Gedichte vor (besonders die von Goethe!) \u2013 <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><br \/>\nIm R. K. gab ich die Liste No. 4474 B ab, Gott sei Dank! \u2013 Das Frl. W. hat mir Damen <span style=\"color: #333399;\">[als weitere Hilfskr\u00e4fte]<\/span> versprochen. Co<span style=\"color: #333399;\">[ra]<\/span> holte mich ab. Wann ich wieder mit ihr fortgehen werde? Wenn sie nur gl\u00fccklich wird! Mir ist noch immer etwas schwer zu Mute. Sie hat nun ihren Schicksalsweg eingeschlagen. Wohin wird der meine mich f\u00fchren?<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">(&#8230;)<\/span><\/p>\n<p>7. Mai 1916, abends, Sonntag<br \/>\nDie heutige Woche hat mit einer Karte von meinem Jaro gut angefangen. Es war sonst nicht viel daran. Er danke f\u00fcr meine lieben Zeilen zu Ostern (lang gedauert) und sandte mir herzliche Gr\u00fc\u00dfe und ergebenen Handku\u00df. Er schrieb schon mit Tinte. Hoffentlich ist er aber noch nicht gesund, damit er nicht ins Feld, \u00fcberhaupt nicht fort von Wien mu\u00df. Ich habe ihn ja so sehr gerne. <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><br \/>\nIch habe einen aus der Ztg. <span style=\"color: #333399;\">[Zeitung]<\/span> wegen Sigrid geschrieben. Hoffentlich hat es Erfolg!<br \/>\nDie Mama ist ziemlich nerv\u00f6s. Der Abschied von der Cora wird doch schwer auf ihr liegen. Hoffentlich kommt morgen Nachricht von ihr. Aber sie war schrecklich schlampert und das Aufr\u00e4umen sehr \u00f6d. Marius <span style=\"color: #333399;\">[der j\u00fcngere Bruder, geb. 1902]<\/span> nunmehriges Kabinett r\u00e4ume ich zusammen.<br \/>\nIch will so allerhand! Und theaterspielen will ich wie nur je!<\/p>\n<p>8. Mai 1916, abends<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">(&#8230;)<\/span> Von Cora sind heute 2 Karten aus Tzebinje gekommen; dann hab ich eine Karte von Lt. Sch. bekommen. Im R.K. war es \u00f6dartig. Der H. sagte mir \u201eK\u00fc\u00dfdiehand\u201c. Das hat er bisher nicht getan, obwohl es sich geh\u00f6rt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>9. Mai 16, abends<br \/>\n\u201eDen lieben langen Tag<br \/>\nHab ich nur M\u00fch und Plag.&#8220; Das ist n\u00e4mlich wirklich wahr.<br \/>\nVon Cora sind heute Nachrichten gekommen. Sie scheint es reizend zu haben, was mich auch richtig freut, wirklich! \u2013 ich w\u00fcnsche ihr nur Gutes! Dem Sergius auch nat\u00fcrlich.<br \/>\nHeute beim Einkaufen wollte Mama mir das liebe, s\u00fc\u00dfe Bild<span style=\"color: #333399;\"> [auf dem der verehrte Jaro G. abgelichtet war]<\/span> kaufen, leider blieb\u2019s beim Willen. Da sie nichts verkaufen d\u00fcrfen. Wenigstens sehe ich ihn aber wieder. Und er gef\u00e4llt mir so gut!<br \/>\nDann war ich bei der Beamtin unten, wegen Milch. Sie war sehr nett. B\u00fccher tauschte ich auch um. <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><\/p>\n<p>10. Mai 1916, abends<br \/>\nWenn nur bald Friede w\u00fcrde! Dann w\u00e4re alles besser. Ich bitte Gott so sehr darum \u2013 und das tu nicht ich allein. Die im Haus von der Minna B. verkehrenden Offiziere behaupten, da\u00df im Sommer Frieden wird! \u2013 ach, wenn nur! \u2013<br \/>\nIch habe heute von der Cora eine Feldpostkarte bekommen. F\u00fcr zuhause habe ich sehr viel zu tun. Aber das geh\u00f6rt sich ja schlie\u00dflich. Pa <span style=\"color: #333399;\">[Vater Maximilian Alma, der einen hohen Posten bei der DDSG hatte]<\/span> ist sehr nett zu mir. \u2013<br \/>\nHeute sah ich seine Fotografie nicht. Ich h\u00e4tte sie so gerne, da k\u00f6nnte ich sie immer ansehen, wenn ich Lust habe. Und die Lust h\u00e4tte ich oft. Schade, dass das R. K. nicht \u00fcber Nacht in die Luft fliegt! \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=25860\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 13. Mai 2016<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=24237\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 19. J\u00e4nner 2016<\/a><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, \u201c\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!\u201d Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 73, Tagebuch von Bernhardine Alma, Datum, SFN NL 09, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernhardine Alma (geb. 1895) war seit 1915 ehrenamtlich f\u00fcr das Rote Kreuz t\u00e4tig. Ihre Aufgabe bestand darin, an 4 Nachmittagen in der Woche Namen von verstorbenen sowie von vermissten Soldaten von Kartei-Karten in Listen einzutragen, die sie als &#8222;Schreckenslisten&#8220; benannte. Im Herbst 1915 war sie daf\u00fcr mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet wurden. 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