{"id":24268,"date":"2016-11-21T01:45:00","date_gmt":"2016-11-21T01:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=24268"},"modified":"2022-07-06T12:21:21","modified_gmt":"2022-07-06T12:21:21","slug":"nl-09-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=24268","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 89: Tagebuch von Bernhardine Alma, 21. bis 29. November 1916, Wien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1916-11-22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-24344 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 22. November 1916 [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1916-11-22-150x150.jpg\" alt=\"1916 11 22\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><span style=\"color: #333399;\">Die 21j\u00e4hrige Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) ging keiner Erwerbsarbeit nach. Sie war in die F\u00fchrung des gutb\u00fcrgerlichen Familienhaushalts eingebunden, seit 1915 war sie zudem stark im unbezahlten Kriegshilfsdienst engagiert. Von 1908 bis 1979 f\u00fchrte sie ihr Tagebuch, das schlie\u00dflich 47 B\u00e4nden umfasste, die gesch\u00e4tzt 25.000 Eintr\u00e4ge enthalten. Im Sp\u00e4therbst 1916 war darin auch der Tod von Kaiser Franz Joseph I. am 21. November 1916 ein Thema. Den Eintrag am n\u00e4chsten Tag, als sie davon erfahren haben d\u00fcrfte, hat Bernhardine Alma als ein Gedicht gestaltet, das auch ihre insgesamt ambivalente Haltung zum Krieg ausdr\u00fcckt.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>21.\/ XI. abends Dienstag<br \/>\nGott erbarme sich meiner! \u2013 Heute zahlte ich die Kohlen am Nordbahnhof; es ging tadellos. Vom R.K. <span style=\"color: #333399;\">[Roten Kreuz, wo sie an mehreren Tagen in der Woche Schreibarbeiten im Kriegshilfsdienst versah]<\/span> war ich in der O. F. Trafik <span style=\"color: #333399;\">[Tabakwarenhandlung von &#8222;Onkel Franz&#8220;, wo sie zumeist Tabak und Zigaretten kaufe, die sie dann an Soldaten verteilte, die sie in Krankenh\u00e4usern besuchte]<\/span>. Am Weg begleitete ich den P., der sehr nett gr\u00fc\u00dfte, aber wir redeten nichts, weil Mariusl <span style=\"color: #333399;\">[der 14j\u00e4hrige Bruder der Schreiberin]<\/span> mit mir ging wahrscheinlich. &#8211; &#8211; Im R.K. war es \u00f6d. <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><\/p>\n<p>22.\/XI. abends.<br \/>\nUnd wie des Reiches Herrlichkeit \u2013 Rings hat erregt der Feinde Neid \u2013 Da hast du alles gepr\u00fcft und erwogen \u2013 Und zuletzt noch das Schwert f\u00fcr uns gezogen \u2026 <del>Du hast<\/del> F\u00fcr uns geschlagen den blutigen Krieg \u2013 Und hast uns gef\u00fchrt von Sieg zu Sieg. \u2013 Und nun du so viel f\u00fcr uns getan \u2013 Wie ein F\u00fcrst f\u00fcr sein Reich nur irgend kann \u2013 Da mu\u00dfstest Du wohl zu Gott Vater gehen, f\u00fcr uns den Frieden zu erflehen?!<\/p>\n<p>23.\/XI. abends. Donnerstag.<br \/>\nMir tut es um den alten, lieben Kaiser mehr leid als ich dachte. Man kann\u2019s wirklich nicht recht glauben, da\u00df er wirklich tot ist. Es ist, als h\u00e4tte er gar nicht sterben d\u00fcrfen. Dabei ist mir der Carl I <span style=\"color: #333399;\">[Karl I., Nachfolger von Franz Joseph I.]<\/span> sehr wenig sympathisch und die dazugeh\u00f6rige Zita <span style=\"color: #333399;\">[Ehefrau von Karl I.]<\/span> direkt unsympathisch. \u2013 \u2013 Im R.K. gestern war erst der Dr L., dann der Hr H. sehr nett. Die Minna hat mir wieder Klee gegeben <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span>. \u2013 Heute Vormittag war ich in der St. E. G. <span style=\"color: #333399;\">[vermutlich eine bestimmte Kirche]<\/span>, kam aber noch zeitlich genug zur\u00fcck, um in der K\u00fcche zu helfen etz. \u2013 <!--more-->Heute im R.K. (ich gehe jetzt immer zeitlicher fort) war der H. wieder sehr nett. Er sagte mir, da\u00df ich ihn \u201eHerr H.\u201c und nicht \u201eHerr Vorstand\u201c sagen solle, wie ich ihn absichtlich nannte. Und auf einmal sah er mich sehr nett an. \u2013 Wenn nur der Krieg schon ein Ende h\u00e4tte! \u2013 \u2013 Ich hoffe noch immer auf eine s\u00fc\u00dfe Nachricht <span style=\"color: #333399;\">[vermutlich von Jaro G., dem Verehrer der Schreiberin, den sie im Rahmen von organisierten Spitalsbesuchen kennengelernt hat]<\/span>. \u2013 D.W.g. <span style=\"color: #333399;\">[Dein Wille geschehe]<\/span>!<\/p>\n<p>24. November 1916. abends.<br \/>\nWenn nur der Krieg schon aus w\u00e4re! Um den alten, echten Kaiser ist mir riesig leid! Ich m\u00f6chte so gerne zu einem Arzt!!!! <span style=\"color: #333399;\">[Seit mehreren Wochen hegte Bernhardine Alma den Plan, sich von einem Psychologen untersuchen zu lassen]<\/span> \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 Heute war ich nicht im R.K., daf\u00fcr viel fort. Ich habe zuhause sehr viel zu tun. Was ist heute in einem Monat? \u2013 Au\u00dfer, da\u00df Weihnachten ist? Wann wird der J.G. <span style=\"color: #333399;\">[Jaro G.]<\/span> schreiben? Ich m\u00f6chte zu einem Arzt!!!!!!!! Gott, erbarme dich unser! \u2013<\/p>\n<p>25.\/XI. abends. Samstag.<br \/>\nEs ist ein eigenartiges Gef\u00fchl, durch die dunklen Stra\u00dfen von Wien zu gehen, das um seinen Kaiser tr\u00e4umt. Ich glaube, um diesen alten, lieben echten Kaiser ist Trauer wirklich. Ich kannte ihn doch gar \u2013 und mir ist doch leid! \u2013 Ich warte von Tag zu Tag auf eine liebe Nachricht<span style=\"color: #333399;\"> [von Jaro G.]<\/span>, die nicht kommt. \u2013 Er kann es also so lange ohne mich aushalten! Vor einem Jahr wu\u00dfte ich nicht, wie bald ich von ihm Nachricht bekommen w\u00fcrde \u2013 wie wird es diesmal sein? \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 Heute nach dem R.K. war ich bei meinem Samstag-Geistlichen in der Stefanskirche <span style=\"color: #333399;\">[Bischofssitz und Wahrzeichen Wiens]<\/span> beichten. Mir ist nicht ganz gut. <span style=\"color: #333399;\">(\u2026)<\/span><\/p>\n<p>27.\/ XI. 16 abends<br \/>\nHeute nach dem R.K. war ich in der Stefanskirche, was sehr gut war. Die Kirche ist teilweise mit schwarzen T\u00fcchern sehr sch\u00f6n und traurig hergerichtet. Ich bin heute im Inneren etwas ruhiger, ich danke Gott sehr, sehr f\u00fcr jeden lichten Augenblick. \u2013<span style=\"color: #333399;\"> (\u2026)<\/span><\/p>\n<p>28.\/ XI. abends Dienstag<br \/>\nMir ist um den Kaiser wirklich riesig leid! Vielleicht wird nun doch bald Friede! Ich will zu einem Arzt!!!!! \u2013 \u2013 Ich freue mich aufs Schlafen und Tr\u00e4umen. \u2013 Heute war die Tante Lilly da. Was heute in 1 Monat sein wird?<br \/>\nD.W.g.! \u2013<\/p>\n<p>29. \/ XI 16 abends<br \/>\n\u201eWir waren&#8217;s immer so gew\u00f6hnt,<br \/>\nDa\u00df uns das Alter f\u00fchrte<br \/>\nUnd das mit h\u00f6chster Macht gekr\u00f6nt<br \/>\nEin wei\u00dfes Haupt regierte!\u201c<br \/>\nMir ist wirklich so leid um den Kaiser! \u2013 Heute war ich in der St. E. G. und ziemlich bald zur\u00fcck. Dann holte ich Mehl in der Donau <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span>. \u2013 Mama verw\u00f6hnt mich direkt. \u2013 Vorm R.K. war ich bei den Eltern im Cafe <span style=\"color: #333399;\">[Lydia und Maxemilian Alma besuchten mit ihren Kindern regelm\u00e4\u00dfig Wiener Kaffeeh\u00e4user]<\/span>, wo sehr gute Schokolade war. Im R.K. bekam ich vom Hauptmann einen Passierschein f\u00fcr morgen <span style=\"color: #333399;\">[vermutlich zur Teilnahme an einem Teil des Begr\u00e4bnis&#8216; von Kaiser Franz Joseph I.]<\/span>. Es bekamen nur sehr wenige. Ich wei\u00df aber noch nicht, ob ich gehen werde. \u2013 Ich will zu einem Arzt!!!!!!!!!! \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 Wann werde ich etwas Sch\u00f6nes und Liebes herein schreiben? \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=30467\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 17. Juli 2017<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=24264\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 6. Oktober 2016<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, &#8222;\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!&#8220; Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 89, Tagebuch von Bernhardine Alma, Datum, SFN NL 09, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 21j\u00e4hrige Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) ging keiner Erwerbsarbeit nach. 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