{"id":2460,"date":"2009-10-20T21:36:44","date_gmt":"2009-10-20T19:36:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=2460"},"modified":"2022-05-19T16:18:36","modified_gmt":"2022-05-19T16:18:36","slug":"workshop-das-schweigen-der-quellen-le-silence-des-sources-20112009-frankfurt-am-main","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=2460","title":{"rendered":"Workshop: Das Schweigen der Quellen\/ Le silence des sources, 20.11.2009, Frankfurt am Main"},"content":{"rendered":"<p><strong>Institut Fran\u00e7ais d&#8217;Histoire en Allemagne Frankfurt am Main, Thomas Lienhard, Guillaume Garner<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.ifha.fr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Web)<\/a><br \/>\nZeit: 20.11.2009<br \/>\nOrt: Frankfurt am Main<br \/>\n<strong>Anmeldung bis:<\/strong>10.11.2009; Veranstaltung auf Deutsch und Franz\u00f6sisch<br \/>\nDass ganze Bereiche der Menschheitsgeschichte durch das Schweigen der uns zur Verf\u00fcgung stehenden Quellen unzug\u00e4nglich sind, ist ein Umstand, der die Arbeit von Historiker_innen st\u00e4ndig begleitet und sie gleichzeitig immer wieder vor neue methodische Herausforderungen stellt.<br \/>\nDie Urspr\u00fcnge der L\u00fccken in den Quellen sind mannigfaltig, und es wird nicht zuletzt das Anliegen dieses Workshops sein, m\u00f6gliche Gr\u00fcnde f\u00fcr sie ausfindig zu machen. So ist etwa offensichtlich, dass bestimmte Akten nicht bis in unsere Tage hinein \u00fcberliefert wurden, weil sie zu ihrer Entstehungszeit in den Bereich des Geheimen fielen, sei es auf finanziellem, technologischem oder diplomatischem Gebiet. Die mit diesen Angelegenheiten befassten Akteur_innen haben damals ihre ganze eifers\u00fcchtige Sorgfalt darauf verwandt, den Inhalt der Papiere vor ihren Zeitgenossen_innen &#8211; und damit in der Folge auch vor den heutigen Historiker_innen &#8211; zu verstecken. In anderen F\u00e4llen sind Leerstellen ganz klar an einen Herrschaftsdiskurs gebunden, der <!--more-->sich dagegen str\u00e4ubte, das soziale Leben der Unterdr\u00fcckten ans Tageslicht zu bringen &#8211; zum Teil durch einfache (und manchmal unbewusste) Verachtung, zum Teil aus einer vors\u00e4tzlichen und eigenn\u00fctzigen Absicht der damnatio memoriae heraus.<br \/>\nEinige soziale Strukturen sind hingegen in unseren Quellen nicht etwa deshalb unterrepr\u00e4sentiert, weil sie Gegenstand eines Verdr\u00e4ngungsprozesses geworden sind, sondern weil sie, im Gegenteil, allen bekannt waren und von allen anerkannt wurden &#8211; was deshalb von der Notwendigkeit enthob, sie dokumentarisch aufzuzeichnen.<br \/>\nDies gilt ma\u00dfgeblich im Fall von Informationen zur Verwaltung (und ganz besonders zur Finanz- und Justizverwaltung). Solche Informationen werden in vielen Gesellschaften f\u00fcr den Forscher nur dann zug\u00e4nglich, wenn ein Konflikt Anlass zur Ausarbeitung eines polemischen Textes gegeben hat, w\u00e4hrend die normalen sozialen Beziehungen unterhalb dieser Spitze des historischen Eisberges liegen und verborgen bleiben.<br \/>\nSchlie\u00dflich ist in einem letzten Fall die Stille der Quellen, auf die Historiker immer wieder sto\u00dfen, st\u00e4rker technischen Faktoren geschuldet: Das ist etwa der Fall f\u00fcr Gesellschaften ohne Schriftkultur oder f\u00fcr nur schwach ausgepr\u00e4gte bzw. gest\u00f6rte Sequenzen der Text\u00fcberlieferung. Bestimmte Ereignisse haben dazu gef\u00fchrt, dass in einer bestimmten Epoche wohlbekannte Informationen schlicht nicht auf uns gekommen sind.<br \/>\nAngesichts solcher weitl\u00e4ufigen Schattenzonen sieht sich der Historiker mit einem Dilemma konfrontiert. Geht man von der Vertrautheit der Beziehung aus, die ihn notwendigerweise mit seinen Quellen verbinden muss, dann wird er es einerseits gef\u00e4hrlich finden, Themenfelder zu erkunden, die in seinem Quellenmaterial keinen Niederschlag gefunden haben.<br \/>\nDas Risiko der Spekulation und die Gefahr von Argumenten a silentio sind mehr als real, und in vielen Situationen wird die intellektuelle Redlichkeit dazu zwingen, jene Ph\u00e4nomene als f\u00fcr immer verloren anzusehen, die es nicht in den Strom der Jahrhunderte langen Quellen\u00fcberlieferung geschafft haben. Andererseits bleibt es mitunter aber notwendig, gerade die Existenz jener historischen Ph\u00e4nomene zu ber\u00fccksichtigen, die heute nur noch schlecht nachzuweisen sind. Zun\u00e4chst, weil manche unter ihnen &#8211; auch wenn sie von den Quellen zum Verschwinden gebracht worden sind &#8211; zum normalen Funktionieren einer Gesellschaft dazuzugeh\u00f6ren scheinen. Wer w\u00fcrde etwa behaupten, es g\u00e4be eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe von Menschen ohne jede Form religi\u00f6sen Skeptizismus oder ohne jede Reflexion \u00fcber sexuelle Praktiken?<br \/>\nDaneben widersprechen aber auch manche Indizien, die in unseren Quellen enthalten sind, der vorherrschenden Stille und verbieten der Historikerin\/dem Historiker zumindest die Annahme (wie sie beim Fehlen eines ausreichend gro\u00dfen Quellenkorpus mitunter schon getroffen worden ist), dieses oder jenes historische Ph\u00e4nomen habe schlicht und ergreifend nicht existiert. Mitunter also machen historische Informationen auch und gerade durch die Stille der Quellen hindurch auf sich aufmerksam &#8211; und dieser Widerspruch stellt jede Historikerin\/jeden Historiker und mehr noch: jeden Doktoranden vor diskussionsw\u00fcrdige methodische Probleme.<br \/>\nZwei keinesfalls exklusive Herangehensweisen lassen sich bei der Ann\u00e4herung an dieses Problem herausstellen: Zum ersten k\u00f6nnen Themen, die Opfer einer Entwertung in den uns bekannten Quellen geworden sind, Gegenstand einer neuerlichen Aufwertung werden. Durch die Auswertung von marginalen oder bislang kaum oder gar nicht bekannten Quellen ist es m\u00f6glich, die Existenz von Ph\u00e4nomen nachzuweisen, die auf den ersten Blick nicht zu existieren scheinen. Mitunter wird es sogar gelingen, die Perspektive umzukehren und zu belegen, dass diese Ph\u00e4nomene in einigen Situationen sogar vorherrschend waren, obwohl (oder besser: weil) sie im zur Verf\u00fcgung stehenden Quellenkorpus nur selten erw\u00e4hnt werden.<br \/>\nHier handelt es sich also darum, die tats\u00e4chliche historische Rolle von Elementen zu rekonstruieren, die bislang im Schatten der Geschichte gestanden haben. Zum zweiten darf man aber auch unterstellen, dass ein Schweigen der Quellen selbst eine interessante historische Information darstellt, und daran die Bem\u00fchung kn\u00fcpfen, eine solche Leerstelle zu interpretieren. Hier m\u00fcssen dann all jene analytischen Ressourcen, die uns unter anderen von Soziologie und Psychologie zur Verf\u00fcgung gestellt werden, mit den gel\u00e4ufigen Techniken historiographischen Arbeitens kombiniert werden, um das ausfindig zu machen, was in den Kategorien, die von den Akteuren der untersuchten Epoche mobilisiert wurden, diese Leerstellen erkl\u00e4ren helfen kann. Das sind Risiken, aber auch Chancen eines historischen Ansatzes, der sich vom Rande &#8211; n\u00e4mlich von der Stille &#8211; her, seinem Gegenstand n\u00e4hert.<br \/>\n<strong>Programm<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>09:00: Empfang der Teilnehmer_innen<\/li>\n<\/ul>\n<p>09:10: Thomas LIENHARD (IFHA): Einleitung<br \/>\n09h30 : Joachim HENNING (Universit\u00e4t Frankfurt) : Wege der modernen Arch\u00e4ologie, das &#8222;Schweigen der Quellen&#8220; zu \u00fcberwinden<\/p>\n<ul>\n<li>10:30: Pause<\/li>\n<\/ul>\n<p>10:45: Marc SMITH (\u00c9cole Nationale des Chartes) : La pal\u00e9ographie des \u00e9crits disparus<br \/>\n11:45: Nicolas OFFENSTADT (Universit\u00e4t Paris I) : Quand le crieur arrive sur la place publique&#8230; Jusqu&#8217;o\u00f9 le m\u00e9di\u00e9viste peut-il faire parler son \u00e9poque ?<\/p>\n<ul>\n<li>12:30 : gemeinsames Mittagessen<\/li>\n<\/ul>\n<p>14:30 : Marian F\u00dcSSEL (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen) : Spuren der Gewalt. Zur Quellenproblematik einer Kulturgeschichte der Schlacht im 18. Jahrhundert<br \/>\n15:30 : Falk BRETSCHNEIDER (EHESS) : Stille hinter dicken Mauern ? Quellen zur fr\u00fchmodernen Welt der Einsperrung<\/p>\n<ul>\n<li>16:30: Pause<\/li>\n<\/ul>\n<p>16h45 : Paul PASTEUR (Universit\u00e4t Rouen) : Des silences des femmes \u00e0 ceux sur les hommes \u00e0 l&#8217;\u00e9poque contemporaine<br \/>\n17:45: Guillaume GARNER (IFHA): Schlussbemerkungen<\/p>\n<ul>\n<li>20:00: gemeinsames Abendessen<\/li>\n<p><strong>Bewerbungen:<\/strong><br \/>\nReise- Verpflegungs- und \u00dcbernachtungskosten werden von dem IFHA \u00fcbernommen. Alle interessierten Doktorand_innen m\u00fcssen \u00fcber solide Kenntnisse in den beiden Arbeitssprachen (Deutsch, Franz\u00f6sisch) verf\u00fcgen. Ihre Bewerbungsunterlagen (Motivierungsbrief und Lebenslauf) sind bis zum <strong>10. November 2009<\/strong> einzureichen, an:<br \/>\nHerrn Thomas Lienhard<br \/>\nDirektor des IFHA<br \/>\nSenckenberganlage 31<br \/>\nHauspostfach 141<br \/>\nD- 60 325 Frankfurt am Main.<br \/>\nWebsite: <a href=\"http:\/\/www.ifha.fr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.ifha.fr<\/a><br \/>\nURL zur Zitation dieses Beitrages: http:\/\/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de\/termine\/id=12500<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Institut Fran\u00e7ais d&#8217;Histoire en Allemagne Frankfurt am Main, Thomas Lienhard, Guillaume Garner (Web) Zeit: 20.11.2009 Ort: Frankfurt am Main Anmeldung bis:10.11.2009; Veranstaltung auf Deutsch und Franz\u00f6sisch Dass ganze Bereiche der Menschheitsgeschichte durch das Schweigen der uns zur Verf\u00fcgung stehenden Quellen unzug\u00e4nglich sind, ist ein Umstand, der die Arbeit von Historiker_innen st\u00e4ndig begleitet und sie gleichzeitig [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2460","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-events"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2460"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62126,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2460\/revisions\/62126"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}