{"id":25860,"date":"2016-05-13T02:25:46","date_gmt":"2016-05-13T02:25:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=25860"},"modified":"2022-07-06T12:20:11","modified_gmt":"2022-07-06T12:20:11","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-74-tagebuch-von-bernhardine-alma-13-mai-1916-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=25860","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 75: Tagebuch von Bernhardine Alma, 13. Mai 1916, Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1916-05-13.jpg\" rel=\"attachment wp-att-25896\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-25896 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 13. Mai 1916 [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1916-05-13-150x150.jpg\" alt=\"NL 09 Alma Bernhardine 1916 05 13\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Die Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) und ihre zwei \u00e4lteren Schwestern Cora (geb. 1890) und Sigrid Alma (geb. 1891) waren 1915 und 1916 systematisch damit besch\u00e4ftigt, Heirats-Annoncen aufzugeben bzw. zu beantworten. In ihrem Tagebuch beschrieb sie, wie sie \u2013 und auch die Heirats-Kandidaten \u2013 dabei vorgegangen sind. Die Schilderung des Besuches eines jungen Mannes in der Familienwohnung, der sie dabei von der zu erledigenden Hausarbeit abhielt, zeigt, wie sie sich einen standesgem\u00e4\u00dfen Ehemann bzw. das Heiraten vorstellte. Am Beispiel der Familie Alma wird zudem sichtbar, wie sich durch die kriegebedingt erzwungene Mobilit\u00e4t auch die Partner\/innen-Auswahl \u00e4nderte. Cora Alma hatte einen aus dem rum\u00e4nischen Teil der Monarchie stammenden Offizier geheiratet und war Anfang Mai 1916 zu ihm in die Etappe nach Bosnien-Herzigowina gezogen.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>13. Mai 1916, abends Samstag<br \/>\nGestern konnte ich nicht herein schreiben. Sigrid (sie hatte sich schon nieder gelegt) fiel ein, dass sie noch etwas in ihrem Atelier vergessen hatte <span style=\"color: #333399;\">[sie war Fotografin]<\/span>, sie ging hin u. da es schon sehr abends war, ging ich mit. Auf diese Art konnte ich nicht<span style=\"color: #333399;\"> [in das Tagebuch]<\/span> herein schreiben und habe somit Einiges zum Nachholen.<br \/>\nGestern bekam ich einen Brief von der Cora und war Waschtag, hatte ich somit sehr viel zu tun (an anderen Tagen auch).<br \/>\nIm R. K. <span style=\"color: #333399;\">[Dienst beim Roten Kreuz]<\/span> waren mehrere Damen da, von mir n\u00e4mlich <span style=\"color: #333399;\">[die ihr bei Schreibarbeiten halfen]<\/span> und brachte mir der Diener einen Brief von der Fliegerleutnant<span style=\"color: #333399;\">[-Zeitungs]<\/span>-Annonze. Er hei\u00dft Adrian B. (?) schreibt reizend und schickte zwei kleine Fotografien mit. Auf der einen ist er im Sch\u00fctzengraben oder wo. Aber sein Gesicht sah man nirgends recht deutlich.<br \/>\nHeute gab ich die Antwort an ihn mit einer Fotografie, wo Pa <span style=\"color: #333399;\">[Vater Maximilian Alma]<\/span> mit seinen Kollegen etz. drauf ist, auf. Hoffentlich antwortet er bald.<br \/>\nHeute war es \u00f6dartig im R. K. Die Frau Rat war gestern und heute da und hat zuhause 100 Karten geschrieben. Beim Heimweg ging ich <!--more-->in die Stefanskirche beichten, obwohl ich infolge eines dummen Traumes eine Beicht-Scheu hatte. Aber der Priester war sehr nett und es war ziemlich gut. Dann bekam ich heute eine <span style=\"color: #333399;\">[Feldpost-]<\/span>Karte vom St. Und hatte einen guten Griesschmarrn zum Nachtmahl, von dem gestrigen Griesstrudel.<br \/>\nDann war heute Vormittag der Lt <span style=\"color: #333399;\">[Leutnand]<\/span> da, der vor einiger Zeit der Cora geschrieben hatte, auf eine Annonze im Wr. Journal. Ich h\u00e4tte eigentlich b\u00fcgeln sollen und so mu\u00dfte ich mir das f\u00fcr morgen lassen und dem Lt. Gesellschaft leisten. Er gilt als ein Kollege des Sergius<span style=\"color: #333399;\"> [dem jungen Ehemann von Cora]<\/span> und ich half ihm taktvoll \u00fcber manche Schwierigkeiten hinweg. Er ist sehr gro\u00df und stark, hat eine h\u00fcbsche Figur und ein bartloses Gesicht. Ich glaub, ich k\u00f6nnte Vertrauen und Achtung zu ihm haben, ob ich ihn aber k\u00fcssen k\u00f6nnte, wei\u00df ich nicht. Er hat auffallend sch\u00f6ne Z\u00e4hne, scheint nicht gerade geistreich, aber ausnehmend gutartig zu sein. Ein Mann, wie ich ihn brauchen k\u00f6nnte, wenn ich schon nicht den idealen Arzt bekomme, der mich hypnotisiert, oder den reichen Grafen, der mir diesen Arzt h\u00e4lt \u2013 oder meinen kleinen G. <span style=\"color: #333399;\">[den sie im Rahmen von organisierten Besuchen bei h\u00f6herrangigen Soldaten in Wiener Krankenh\u00e4usern kennengelernt hatte].<\/span><br \/>\nWas mich aber gegen den neuen Lt einnimmt ist weniger, da\u00df Cora ihm schrieb, als mehr noch, da\u00df sie ihm \u00fcberhaupt wegen Sigrid schrieb und erst nach seinem ersten Brief er f\u00fcr mich bestimmt wurde. Und dabei will ich ja gar nicht so durchaus heiraten \u2013 wenn Sigrid (nach ihrem Wunsch) verheiratet ist, bleibe ich gerne noch 1\u20132 Jahre zuhause. M\u00f6chte aber vor meinem 24. Geburtstag heiraten und dann theaterspielen. <span style=\"color: #333399;\">[1915 waren Bernhardine Almas Schwestern 25 und 26 Jahre alt.]<\/span><br \/>\nWas den Lt betrifft, dessen Namen ich mir nicht merkte, so sagte er brav \u201eK\u00fc\u00dfdiehand\u201c und zeigte mir sehr nette Aufnahmen vom Feld, auch seinen Flieger-Bruder, und erz\u00e4hlte vom Krieg, tat sehr begeistert nun und will wieder kommen (er f\u00e4hrt heute nach Hause), bat, ob ich dann ihm Wien zeigen wolle, ob ich eine Garde<span style=\"color: #333399;\"> [passende Kleidung?]<\/span> h\u00e4tte, um mit ihm ins Theater zu gehen \u2013 und dann bat er um meine Adresse <span style=\"color: #333399;\">[im Roten Kreuz]<\/span>, um mir zu schreiben \u2013 ob ich ein Telefon habe, wann meine Amtsstunden seien \u2013 und mitunter glaubte ich zu merken, da\u00df ich ihm sehr gefiel. Nun, es wird sich zeigen. \u2013 Ich w\u00e4re im Stand, jemand, den ich gerne habe, bis zur Besinnungslosigkeit, wahnsinnig zu lieben. Ob ich ihn gern haben k\u00f6nnte?<br \/>\nUnd vorl\u00e4ufig will ich ja nicht heiraten, sondern die Sigrid. \u2013<br \/>\nMorgen beginnt eine neue Woche. Was wird sie bringen? \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=27298\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 11. September 2016<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=24252\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 2. Mai 2016<\/a><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, \u201c\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!\u201d Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 75, Tagebuch von Bernhardine Alma, 13. Mai 1916, SFN NL 09, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) und ihre zwei \u00e4lteren Schwestern Cora (geb. 1890) und Sigrid Alma (geb. 1891) waren 1915 und 1916 systematisch damit besch\u00e4ftigt, Heirats-Annoncen aufzugeben bzw. zu beantworten. In ihrem Tagebuch beschrieb sie, wie sie \u2013 und auch die Heirats-Kandidaten \u2013 dabei vorgegangen sind. 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