{"id":2819,"date":"2009-12-01T21:00:39","date_gmt":"2009-12-01T19:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=2819"},"modified":"2022-05-19T16:18:28","modified_gmt":"2022-05-19T16:18:28","slug":"cfp-postkoloniale-theorie-entwicklung-und-entwicklungspolitik-publikation-peripherie-dl-03062010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=2819","title":{"rendered":"CfP: Postkoloniale Theorie, &#8222;Entwicklung&#8220; und Entwicklungspolitik (Publikation: Peripherie); DL: 03.06.2010"},"content":{"rendered":"<p><strong>PERIPHERIE. Zeitschrift f\u00fcr Politik und \u00d6konomie in der Dritten Welt 120 <\/strong><a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-peripherie.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Web)<\/a><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Aufruf zur Dekolonisierung von Wissen und der Infragestellung epistemologischer Gewaltverh\u00e4ltnisse haben postkoloniale Ans\u00e4tze zu einem neuen Verst\u00e4ndnis von Kolonialismus und dessen Fortdauer beigetragen. Sie haben auf die Bedeutung der Herstellung kolonialer Differenz f\u00fcr die Aufrechterhaltung von Herrschaft hingewiesen und damit auch neue Perspektiven auf Kolonialit\u00e4t er\u00f6ffnet. Gerade in den Auspr\u00e4gungen von Kontinuit\u00e4ten im Sinne einer kolonialen longue dur\u00e9e r\u00fccken auch das Feld &#8222;Entwicklung&#8220; sowie die damit verbundenen Diskurse, Praktiken und Institutionen ins Blickfeld postkolonialer Theoriekonzepte.<\/p>\n<p>Die PERIPHERIE Nr. 120 wird ein Forum f\u00fcr postkolonial orientierte Arbeiten bieten, die sich mit dem Themenkomplex &#8222;Entwicklung&#8220;, Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik befassen. Das Heft erscheint in Kooperation mit der <a href=\"http:\/\/www.prokla.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prokla &#8211; Zeitschrift f\u00fcr kritische Sozialwissenschaft<\/a>, die sich in einer Schwerpunktausgabe mit postkolonialen sozialwissenschaftlichen Ans\u00e4tzen au\u00dferhalb des genannten Gegenstandsbereichs befasst.<!--more--><br \/>\nVielerorts &#8211; und v.a. in der deutschsprachigen Rezeption &#8211; werden postkoloniale Theorien \u00fcber ihr Erkenntnisinteresse und ihren Gegenstandsbereich definiert. Sebastian Conrad und Shalini Randeria formulieren ihr Anliegen als &#8222;Thematisierung des Fortbestehens und Nachwirkens einer Vielzahl von Beziehungsmustern und Effekten kolonialer Herrschaft&#8220; (Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts und Kulturwis-senschaften. Frankfurt a.M. 2002, S. 24). Eine \u00e4hnliche Definition legen Maria do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan vor: Ihnen zufolge untersucht postkoloniale Theorie &#8222;sowohl den Prozess der Kolonisierung als auch den einer fortw\u00e4hrenden Dekolonisierung und Rekolonisierung&#8220; (Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einf\u00fchrung. Bielefeld 2005, S. 8).<\/p>\n<p>Bei n\u00e4herer Betrachtung erweisen sich diese Konzeptionen als (mutma\u00dflich intentional) sehr weit gefasst, schlie\u00dfen sie doch auch die Arbeiten ein, die unter Stichworten wie Dependenz, Imperialismus und Neokolonialismus Abh\u00e4ngigkeits , Herrschafts und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse zwischen Metropolen und Satelliten, Zentrum und Peripherie bzw. in der Regel ehema-ligen Kolonialm\u00e4chten und ehemaligen Kolonien untersuchen. Diese unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer erkenntnistheoretischen Grundlagen und ihres theoretischen Fokus oft \u00fcberdeutlich von den Arbeiten von Edward Said, Homi K. Bhabha und Gayatri Chakravorty Spivak, die zumeist als die klassischen Beispiele postkolonialer Theorie angef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Versteht man postkoloniale Theorie prim\u00e4r als &#8222;critiques of the process of production of knowledge about the other&#8220; (Patrick Williams &amp; Laura Chrisman (Hg.): Colonial Discourse and Post-Colonial Theory. A Reader. New York 1994, S. 8), l\u00e4sst sich eine pr\u00e4zisere Definition vornehmen: Mit postkolonialen Studien sind demnach Ans\u00e4tze bezeichnet, welche die koloniale Pr\u00e4gung von Repr\u00e4sentationen und Identit\u00e4ten auch nach der formellen Dekolonisierung untersuchen. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich darauf, wie auch heute noch in Diskursen Herrschaftswissen \u00fcber &#8222;die Anderen&#8220; produziert wird, und wie weniger eurozentrische Wissensformen aussehen k\u00f6nnten. Erkenntnistheoretisch wenden sie sich gegen positivistische Grundannahmen (Objektivismus, Empirizismus, Naturalismus) und auf der theoretischen Ebene versuchen sie Dichotomien (klassischerweise v.a. die zwischen aktiven Kolonisierenden und passiven Kolonisierten) zu \u00fcberwinden.<br \/>\nMit diesem diskursanalytischen Fokus h\u00e4ngt auch der Hauptvorwurf zusammen, mit dem postkoloniale Ans\u00e4tze insbesondere von marxistischer Seite konfrontiert werden: die Vernachl\u00e4ssigung &#8222;materieller Verh\u00e4ltnisse&#8220; zugunsten von &#8222;blo\u00dfen Repr\u00e4sentationen&#8220; (Arif Dirlik hat diese Kritik schon 1997 dezidiert vorgetragen). Dieser Vorwurf findet sich auch in der Auseinandersetzung mit den Development Studies wieder: &#8222;development studies does not tend to listen to subalterns and postcolonial studies does not tend to concern itself with whether the subaltern is eating&#8220; (Christine Sylvester: &#8222;Development studies and postcolonial studies: disparate tales of the \u201aThird World'&#8220;. In: Third World Quarterly, Bd. 20, Nr. 4, 1999, S. 703). Dazu ist zweierlei festzuhalten: Zum einen geht es postkolonialen Ans\u00e4tzen nicht, wie bisweilen angenommen, um eine Privilegierung der &#8222;Repr\u00e4sentationen&#8220; zuungunsten der &#8222;materiellen Verh\u00e4ltnisse&#8220;, sondern darum, dass letztere f\u00fcr uns nur \u00fcber erstere vermittelt greifbar sind, mithin auch diese Dichotomie fragw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p>Zum anderen trifft es zwar zu, dass die postkolonialen Studien hierzulande prim\u00e4r in den Kultur , z.T. auch in den Geschichtswissenschaften rezipiert wurden, kaum jedoch in der Soziologie, Politikwissenschaft und \u00d6konomie. Wie produktiv aber die Verbindung zwischen der Untersuchung von kolonialen Diskursen und von neokolonialen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen sein kann, zeigen postkolonial gepr\u00e4gte Ans\u00e4tze aus anderen Teilen der Welt, beispielsweise die vorrangig im anglo-amerikanischen Sprachraum verankerte New Imperial History oder Arbeiten der lateinamerikanischen Grupo Modernidad\/Colonialidad, die an die Dependenztheorie und v.a. an den Weltsystemansatz anschlie\u00dfen. Vor diesem Hintergrund erscheint das Ausbleiben einer Rezeption postkolonialer Studien in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften als ein Defizit, das neuere Arbeiten durch empirische sozialwissenschaftliche Forschung aus postkolonialer Perspektive beheben m\u00fcssen, um sich so auf der Grundlage der engen Definition postkolonialer Theorie dem Erkenntnisinteresse der oben als zu weit erkannten Definition anzun\u00e4hern.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der postkolonialen Auseinandersetzung mit &#8222;Entwicklung&#8220; und Entwicklungspolitik ist zun\u00e4chst auf die so genannten Post-Development-Ans\u00e4tze einzugehen, welche vehemente Kritik am Eurozentrismus nicht nur des herrschenden, sondern auch weiter Teile des oppositionellen Entwicklungsdiskurses ge\u00fcbt, sich dabei jedoch kaum auf postkoloniale Theorien bezogen haben. Aus der Perspektive letzterer lie\u00dfen sich einige der Post-Development-Ans\u00e4tze sicher als verk\u00fcrzt und dichotomisierend qualifizieren; die Frage bleibt jedoch, ob man ihrem Potenzial damit gerecht wird. Dieses liegt nicht nur in der fundamentalen Infragestellung der Regeln des Entwicklungsdiskurses, sondern in dem sich daraus ergebenden Raum f\u00fcr Alternativen einer Konzeptionalisierung von globaler Ungleichheit und den Versuchen von deren Bek\u00e4mpfung, die nicht auf eurozentrischen Annahmen aufbaut. Dieses Potenzial w\u00e4re allerdings noch auszuloten, und der Vorwurf der N\u00e4he einiger neopopulistischer Post-Development-Ans\u00e4tze zu patriarchalen und reaktion\u00e4ren Denkmustern wird dadurch nicht entkr\u00e4ftet.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es jedoch zahlreiche weitere Arbeiten, die sich mit Entwicklungspolitik aus postkolonialer Perspektive befassen und die fortdauernde koloniale Pr\u00e4gung von Repr\u00e4sentationen und Identit\u00e4ten in diesem Bereich untersuchen. So hat z.B. Maria Eriksson Baaz am Beispiel europ\u00e4ischer NRO in Tansania vorbildlich herausgearbeitet, wie in den Subjektivit\u00e4ten der &#8222;EntwicklungshelferInnen&#8220; Diskurse der Partnerschaft von altbekannten Strukturen der Selbst und Fremdbeschreibung \u00fcberlagert und deformiert werden. Nur wenige stellen sich jedoch der Herausforderung, solche Analysen systematisch mit der Untersuchung polit\u00f6konomischer Strukturen zu verkn\u00fcpfen und Schritte im &#8211; umk\u00e4mpften und unsicheren &#8211; Grenzgebiet von Poststrukturalismus und Marxismus zu wagen.<br \/>\nAuch wenn der Mainstream der deutschsprachigen Entwicklungsforschung (zuletzt Paul Kevenh\u00f6rster &amp; Dirk van den Boom: Entwicklungspolitik. Wiesbaden 2009) den disziplin\u00e4ren Horizont auf die Nachkriegszeit zu begrenzen versucht: Die &#8222;Entwicklung der Unterentwickelten&#8220; machte dort weiter, wo die &#8222;Zivilisierung der Unzivilisierten&#8220; aufh\u00f6rte; die koloniale Erbschaft der Entwicklungspolitik ist un\u00fcbersehbar. Welchen Stellenwert sie heute noch einnimmt, ist eine empirisch zu beantwortende Frage.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen:<\/p>\n<ul type=\"disc\">\n<li>Wie und mit welchen      Ergebnissen lassen sich postkoloniale Konzepte wie Orientalismus,      Othering, koloniale Differenz, Hybridit\u00e4t, Mimikry, Dritter Raum,      subalterne Repr\u00e4sentation, strategischer Essentialismus, Kolonialit\u00e4t der      Macht usw. auf die Gegenstandsbereiche der Entwicklungstheorie und      -politik anwenden? Inwiefern lassen sie sich mit anderen kritischen, bspw.      marxistischen Perspektiven auf &#8222;Entwicklung&#8220; verbinden?<\/li>\n<li>Wie k\u00f6nnen postkoloniale      Ans\u00e4tze zu einer Dekolonisierung von Wissen im Bereich der      Entwicklungstheorie und politik und zu einer neuen dezentrierten      Geopolitik dieses Wissens beitragen? Wie l\u00e4sst sich die Geschichte von      Moderne und Entwicklung neu schrei-ben?<\/li>\n<li>Welche lokalen, indigenen      oder subalternen Ans\u00e4tze (Wissen, Praktiken, Diskurse) gibt es in (post      )kolonialen Kontaktzonen der Entwicklungszusammenarbeit?<\/li>\n<li>In welchem Verh\u00e4ltnis      stehen postkoloniale und Post-Development-Ans\u00e4tze zueinander? An welchen      Punkten lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten? Wie      sehen die im Post-Development postulierten &#8222;Alternativen zur Entwicklung&#8220;      konkret aus (gerade im Kontext der Weltwirtschaftskrise)? Und: in welchem      Verh\u00e4ltnis stehen die Post-Development-Ans\u00e4tze zur neoliberalen Kritik an      der Entwicklungszusammenarbeit (aktuell: James Shikwati und Dambisa Moyo)?<\/li>\n<li>Welche &#8211; divergierenden      oder koh\u00e4renten &#8211; Perspektiven auf &#8222;Entwicklung&#8220; zeigen regional      und historisch unterschiedlich verortete Str\u00f6mungen postkolonialer Studien      auf? Welche Aufschl\u00fcsse k\u00f6nnen sie vor dem Hintergrund je spezifischer      theoretischer Artikulationsverh\u00e4ltnisse und empirischer Schwerpunkte \u00fcber      gegenw\u00e4rtige Entwicklungspolitik geben?<\/li>\n<li>Wie lassen sich die      aktuellen entwicklungspolitischen Kontroversen zwischen &#8222;Big      Push&#8220; (Jeffrey Sachs) und &#8222;Homegrown Development&#8220; (William      Easterly) aus postkolonialer Perspektive bewerten?<\/li>\n<li>Welche praktischen      Folgerungen f\u00fcr die Entwicklungspolitik bietet die postkoloniale Kritik?      Oder w\u00e4re die einzig legitime Folgerung, den Begriff der      &#8222;Entwicklung&#8220; und\/oder die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit      fallen zu lassen?<\/li>\n<li>Wie ver\u00e4ndert sich der      Blick auf die Geschichte der Entwicklungspolitik, wenn diese nicht mehr      als mit dem Jahr 1945 beginnend gefasst, sondern ihr Ursprung in der      Kolo-nialzeit verortet wird? Welche Konsequenzen hat das f\u00fcr das Konzept      &#8222;Entwicklung&#8220; und f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis gegenw\u00e4rtiger      Entwicklungspolitik?<\/li>\n<li>Welche Kontinuit\u00e4ten und      Diskontinuit\u00e4ten zwischen kolonialer und nachkolonialer      Entwicklungspolitik lassen sich herausarbeiten? Verfolgten sie dieselben      Ziele, mit denselben Mitteln? Welche praktische Rolle spielt die      diskursive Abkehr vom kolonialen Rassismus, und welche Rolle spielt      Rassismus in den heutigen Praktiken der Entwicklungszusammenarbeit? Welche      Potentiale bietet ein intersektionaler Blick auf Herrschaftsverh\u00e4ltnisse      in der Entwicklungspolitik, d.h. eine Perspektive, die neben Rassismus      auch andere Hierarchisierungsmechanismen wie Klasse und Geschlecht      ber\u00fccksichtigt und deren Zusammenspiel untersucht?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Redaktionsschluss f\u00fcr erste Artikelfassungen: <strong>3. 6. 2010. <\/strong>Bitte senden Sie Ihren Beitrag an:<\/p>\n<p>Peripherie<br \/>\nc\/o Michael Korbmacher<br \/>\nStephanweg 24<br \/>\n48155 M\u00fcnster<br \/>\nFax: +49-(0)251-3834463 (Bitte mit Notiz: &#8222;F\u00fcr Peripherie&#8220;)<br \/>\ninfo[at]zeitschrift-peripherie.de<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-peripherie.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.zeitschrift-peripherie.de\/<\/a><\/p>\n<p>Quelle: info@zeitschrift-peripherie.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PERIPHERIE. 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