{"id":29591,"date":"2017-03-06T02:06:36","date_gmt":"2017-03-06T02:06:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=29591"},"modified":"2022-05-24T13:32:39","modified_gmt":"2022-05-24T13:32:39","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-98-brief-von-georg-m-an-seine-verlobte-in-wien-6-maerz-1917-astrachanrus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=29591","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 98: Brief von Georg M. an seine Verlobte in Wien, 6. M\u00e4rz 1917, Astrachan\/RUS"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-03-06.jpg\" rel=\"attachment wp-att-29596\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-29596 size-thumbnail\" title=\"Georg M. an Juli G., 6. M\u00e4rz 1917 [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-03-06-150x150.jpg\" alt=\"1917 03 06\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Die 17 erhaltenen Schreiben der Kriegsgefangenenpost, die der Friseur Georg M. zwischen Juni 1916 und Oktober 1917 aus Moskau und Astrachan an der Wolga in Russland an seine Verlobte Juli G. u.a. in Wien gesendet hat, wurden 2006 auf einem Wiener Flohmarkt gefunden. 15 der Schreiben sind Postkarten, zwei sind ausf\u00fchrliche Briefe. In einem dieser Postst\u00fcck von M\u00e4rz 1917 beschrieb der Wiener sehr detailliert die Umst\u00e4nde seiner (Monate zur\u00fcckliegenden) Verwundung. Dabei schildert er, dass ihm von der &#8218;eigenen&#8216; &#8222;Sanit\u00e4ts-Abteilung&#8220; nicht geholfen worden w\u00e4re. Gerettet wurde er von einer ortsans\u00e4ssigen jungen Frau, einem polnischen Sanit\u00e4ter, russischen Sanit\u00e4ter und verschiedenen Dorfbewohner\/innen.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Astrachan, 6. III. 1917 53.<br \/>\nMein liebes Julei!<br \/>\nNachdem Dich Peter A.<span style=\"color: #000080;\"> [ein Soldat aus der Einheit des Schreibers]<\/span> besuchte, nehme ich an, dass er Dir unser ganzes Beisammensein im Felde bis zu meiner Verwundung erz\u00e4hlte und dieser Brief soll nun bezwecken, einen kurzen aber klaren Bericht zu geben \u00fcber die Zeit von dem Momente an, als ich von meinem Baon. <span style=\"color: #000080;\">[Battalion]<\/span> verlassen liegen blieb, bis zu meiner Unterbringung im Spitale in Astrachan. Dies wird mir zwar nicht leicht fallen, weil es mich, wenn ich auch nur daran denke, zu viel in Aufregung versetzt, aber ich werde mir M\u00fche geben mich zu beherrschen, damit mir nichts un\u00fcberlegtes herausrutscht, da ich doch Interesse daran habe, dass Du diesen Brief auch erh\u00e4ltst. Als ich von drei Sch\u00fcssen gleichzeitig getroffen zusammenfiel, war ich bestrebt meine Verwundeten Stellen frei zu bekommen um mich zu verbinden. Eine Wunde verband ich mit dem Verbandpaket, das jeder bei uns mit hat, da war es \u00bd 4h nachm., die zweite Wunde verband ich mit einem Sacktuch, die dritte Wunde mit einem Fusslappen. Dann wurd ich bewusstlos. Als ich die Augen wieder \u00f6ffnete und nach der Uhr sah war es \u00bd 5h nachm. Ich sah meine R\u00fcstung nach. Es fehlte mir mein Brotsack samt Brot, sonst nichts. Nun wusste ich nicht, war die russische Schwarmlinie \u00fcber mich hinweg weiter vorgegangen oder nicht. (Doch die sp\u00e4teren Erlebnisse belehrten mich, dass die Russen nur bis zu mir gekommen waren und dann wieder zur\u00fcckgingen.) Ich versuchte nun mich aufzurichten, doch alle M\u00fche war vergeblich. Ich nahm meine R\u00fcstung zusammen und probierte zu kriechen. Ging nicht, war zu schwer. Nun nahm ich nur das aller Notwendigste, und zwar die Decke, das Essgeschirr 2 Konserven, Zwieback, Hemd, Hose, Handtuch, 2 Sackt\u00fccher, schnallte mir das Ganze auf den R\u00fccken, stemmte die H\u00e4nde auf die Erde und zog den K\u00f6rper nach. So arbeitete ich mich durch drei Stunden bis zur n\u00e4chsten Ortschaft, <!--more-->Smordva, mit Namen, hin. (Von Smordva bis zu der Stelle wo ich verwundet wurde, ist es zu gew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nden nur 15 Minuten zu marschieren.) Nun war es aber mit meinen Kr\u00e4ften zu Ende, ich blieb liegen. Ein zirka 16-18j\u00e4hriges Fr\u00e4ulein brachte mir saure Milch. Es war eine Ortsbewohnerin und konnte auch etwas deutsch. Ich bat sie, mir einen Wagen, oder ein Pferd oder irgend etwas zu verschaffen, das mich 5 bis 8 Kilometer weiter nach R\u00fcckw\u00e4rts bef\u00f6rdern k\u00f6nnte und bot daf\u00fcr meine ganze Barschaft, 33 Kronen 60 Heller, und obendrein noch meine Uhr, doch leider vergeblich, war nichts aufzutreiben. Doch, nach kurzer Zeit, es war mittlerweile \u00bd 9h abends geworden, zeigte sich von Weitem Milit\u00e4r. Es waren unsere Leute und zwar waren es mehrere Halbkompagnien von \/Lir.\/ 15. Nun kannst Du Dir denken, dass meine Freude unermesslich war. Als sie n\u00e4her kamen, sah ich, dass sie auch mehrere, ich glaube 6 bis 7, Sanit\u00e4ts-Abteilungen mit der entsprechenden Anzahl Personal mit hatten, auch hatten sie keine Verwundeten bei sich. Als sie bei mir waren frug man mich zwar sehr \u201emitleidig\u201c wann, wo und wie ich verwundet wurde, aber nat\u00fcrlich meine sofort angebrachte Bitte, mich doch mitzunehmen, schlug man mir rundweg ab, mit dem Troste, \u201eich solle nur beruhigt sein und keine Angst haben, die Russen tun mir ja doch nichts.\u201c \u2013 (Zu erw\u00e4hnen vergas ich noch, das bei den vorerw\u00e4hnten Sanit\u00e4tsabteilungen auch ein Arzt war.) Dann lagerten sich die Leute von \/Lir.\/ 15 in der N\u00e4he bei einem Brunnen, assen und versorgten sich mit Wasser. Nur derjenige, der verwundet war, weiss, wie man in diesem Zustande von Durst gequ\u00e4lt wird. Aber nicht einmal mich zu verbinden fand man f\u00fcr n\u00f6tig. Denn, als sich diese Leute mit Wasser versorgt hatten, zogen sie ab. \u2013 Ich will zu den ganzen nicht mehr sagen, als, wenn ich vor den Russen Angst gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re nicht ich, Peter A. und noch einige, diejenigen gewesen, die am l\u00e4ngsten dem Feuer der Russen stand gehalten haben. Nun gut. Ich musste eben liegen bleiben. Nach zirka \u00bc Stunde kam ein \u00f6sterr. Sanit\u00e4ts-Soldat direkt auf mich zu. Wahrscheinlich wurde er von dem vorerw\u00e4hnten Fr\u00e4ulein auf mich aufmerksam gemacht. Ich weiss es nicht, denn ich konnte mich mit ihm nicht verst\u00e4ndigen, ich glaube es war ein Pole. Er lud mich auf seinen R\u00fccken und trug mich eine Strecke weit in ein Haus, bettete mich hier auf Stroh, verband mich, brachte mir etwas zu Essen, etwas Wein und drei grosse Flaschen Mineralwasser, deckte mich zu, stellte neben mir eine Kerze und Z\u00fcndh\u00f6lzchen, verabschiedete sich und gieng. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Das war am 10. Juni. Hier lag ich bis 13. Juni mittags. Am 11. um 5h kam die erste russische Patrouille, es war eine Offizierspatrouille. Der Offizier sprach auch deutsch. Er frug mich nach meiner Verwundung, sah sich alles an, frug mich nach Appetit und Durst, gab mir eine Handvoll Zigaretten, sagte er werde mir Essen und trinken senden und auch jemanden zum Verbinden, im \u00dcbrigen m\u00f6ge ich nur ruhig liegen bleiben, es werde schon gesorgt werden. Alles hier im Detail anzuf\u00fchren w\u00fcrde hier viel zu weit f\u00fchren, Julei, kurz gesagt, von nun an kam t\u00e4glich ein anderer Sanit\u00e4ts-Unteroffizier \u201eFeldscher\u201c bei den Russen genannt, der mich verband, es kamen untereinander Kosaken-Patroillen und solche von regul\u00e4ren Truppen, <span style=\"color: #333399;\">[unkenntlich durch Zensur]<\/span> die andern Soldaten dagegen gaben mir was sie hatten oder geben konnten. Sie \u00fcberboten sich gegenseitig. Vom ersten Momente an brachten mir die Zivilbewohner der Ortschaft t\u00e4glich zu Essen und zu trinken, am Morgen Tee und Brot, mittags Suppe, Fleisch oder Mehlspeise, abends Tee und Brot, das schon erw\u00e4hnte deutsche Fr\u00e4ulein kam immer vormittags und nachmittags mit ihrem Bruder und brachte mir saure Milch und irgend etwas zu Essen. Eine \u00e4ltere Frau kam t\u00e4glich mit einem K\u00fcbel Wasser um mir damit die Wunden zu k\u00fchlen. Sie handelte damit im alten Aberglauben, aber ich lie\u00df sie ruhig gew\u00e4hren, da sie doch nichts verderben konnte und sie sichtlich Freude daran hatte, mir etwas Gutes zu tun. \u2013 Nun sie es f\u00fcr heute genug, Julei. Fortsetzung folgt wahrscheinlich n\u00e4chste Woche. Bin gesund und wohlauf, hoffe gerne dasselbe von Dir und unsern Lieben. \u2013 Herzlichste Gr\u00fcsse an Mutter alle Verwandten und Bekannten. Sei innigst gek\u00fcsst von Deinem<br \/>\nSchurlei<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 74<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> N\u00e4chster Eintrag aus der Korrespondenz von Georg M. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=29943\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">am 24. April 2017<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Voriger Eintrag aus der Korrespondenz von Georg M. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=24378\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">am 24. Dezember 2016<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 98, Brief von Georg M. an seine Verlobte Julie M., 6. M\u00e4rz 1917, SFN NL 74, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 17 erhaltenen Schreiben der Kriegsgefangenenpost, die der Friseur Georg M. zwischen Juni 1916 und Oktober 1917 aus Moskau und Astrachan an der Wolga in Russland an seine Verlobte Juli G. u.a. in Wien gesendet hat, wurden 2006 auf einem Wiener Flohmarkt gefunden. 15 der Schreiben sind Postkarten, zwei sind ausf\u00fchrliche Briefe. 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