{"id":30134,"date":"2017-06-04T02:07:21","date_gmt":"2017-06-04T02:07:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=30134"},"modified":"2022-05-24T10:04:49","modified_gmt":"2022-05-24T10:04:49","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-105-brief-von-georg-m-an-seine-verlobte-in-sablat-im-boehmerwald-4-juni-1917-astrachan-an-der-wolga","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=30134","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 105: Brief von Georg M. an seine Verlobte, 4. Juni 1917, aus Astrachan an der Wolga nach Sablat im B\u00f6hmerwald"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-06-04.jpg\" rel=\"attachment wp-att-30138\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-30138 size-thumbnail\" title=\"Brief von Georg M. an Juli G., 4. Juni 1917 [zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-06-04-150x150.jpg\" alt=\"1917 06 04\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Der Wiener Friseur Georg M. (geb. 1884) schrieb seit Juni 1916 Postkarten aus der Kriegsgefangenenschaft in Astrachan an der Wolga in Russland an seine Verlobte Juli G. (geb. 1881). In den zwei einzigen erhaltenen ausf\u00fchrliche Briefen schilderte er detailliert die Umst\u00e4nde seiner (Monate zur\u00fcckliegenden) Verwundung und Gefangennahme. Der erste Brief datiert mit M\u00e4rz 1917. Am 4. Juni schilderte er nun n\u00e4her sein aktuelles Befinden. Er beschrieb seine k\u00f6rperliche Verfassung, Umst\u00e4nde der \u00e4rztlichen Versorung sowie die Ern\u00e4hrungssituation. Angesprochen wurde auch direkt die Postzensur.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Im Falle Kuvertverlustes bitte ich, den Brief weiterzugeben an: Frl. Julie G. Sablat bei Prachatitz B\u00f6hmerwald Austria.<span style=\"color: #333399;\"> [\u00dcbersetzung der Adresse auf Russisch]<\/span><\/p>\n<p>Astrachan, 4. Juni 917. 66<br \/>\nMein liebes Julei-Madl!<br \/>\nBei diesen meinen zweiten Brief an mein Julei-Madl muss ich meinen Versprechen, eine Fortsetzung des ersten mit der Schilderung, wie ich noch Astrachan kam, untreu werden und eine andere Erz\u00e4hlung einschieben. Hervorgerufen wurde diese Wendung durch die Ankunft des vom Julei so pr\u00e4zise, effektuierten Paketes, das ich am Freitag, den 1. VI. hocherfreut und danken in Empfang nahm. \u2013 Als mir am Donnerstag das Paket avisiert wurde, sah ich der Ankunft desselben mit etwas gemischten Gef\u00fchlen entgegen, da mir das halbleere erste Kistel in Erinnerung kam, wo ich doch ganz bestimmt wusste, da ich doch mein Julei ganz genau kenne, \u2013 dass es so nicht abgesendet wurde. Aber diesmal wurde ich angenehm \u00fcberrascht. Es war n\u00e4mlich alles beschriebene vorhanden, bis auf das K. Flascherl <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span> \u2013 das mir so-gut getan h\u00e4tte bei meinem jetzigen Zustand. Aber davon sp\u00e4ter. Nur das Honigglas war gebrochen und hatte einen Teil des Paketinhaltes mit einen s\u00fcssen \u00dcberzug versehen. Aber ich half mir einfach dadurch, dass ich alles sauber ausklaubte und die \u00fcbergossenen Keks, Zucker u.s.w. und die \u00fcbriggebliebenen Teile des Honigglasses zusammen in eine Schale stopfte und auf unseren Kochaparat aufw\u00e4rmte, um schliesslich das Ganze durch Verbandstoff zu seihen, was tadellos gelang, wodurch ich noch zirka 1\/8 L. Honig \u201erettete\u201c. Aber trotzdem ist diese Verpackungsart die beste, nur geh\u00f6ren Gl\u00e4ser in etwas Wellpappe und Papier gewickelt, vielleicht noch in eine passende Schachtel gestellt und in die Mitte des Paketes praktiziert, dann kann nichts geschehen. Aber das sein nur nebenbei bemerkt. Nat\u00fcrlich wurde sofort Kaffee gebraut. Ach, das war ein Genuss, Julei! Der gute weisse Kaffe, die ausgezeichneten Keks, noch dazu 2 St\u00fcck Zucker, sage zwei St\u00fccke Zucker im Kaffe, Julei, Du musst wissen, was das heisst, denn wir fassen f\u00fcr drei Tage viereinhalb W\u00fcrfel, dazu rauchte ich eine \u00f6sterr. Zigarette, oje oje, Julei, beinahe d\u00fcnkte es mir, als sei es ein Sonntag nachm. im Apartement Fehlingerg <span style=\"color: #333399;\">[der Wohnung der Empf\u00e4ngerin oder des Schreibers in Wien]<\/span>. Aber schliesslich fehlte dazu doch noch manches. \u2013<!--more--> Was den Tabak anbelangt, bekommen wir ja hier auch welchen zu kaufen, aber einen Vergleich h\u00e4lt er ja lange nicht aus. Den Honig muss ich mir noch einige Zeit aufheben, da ich, wie ich Dir schon mitteilte, durch 4 Monate starkes Abf\u00fchren hatte und eine Verfehlung im Essen mir eine Rezitiefe bringen k\u00f6nnte. Jetzt bin ich seit 8 Tagen wieder Herr \u00fcber meine Ged\u00e4rme, und nun heisst es einige Zeit sehr vorsichtig sein einerseits und anderseits muss man trachten, das Verlorene wieder zu ersetzen, denn ich bin stark herunter gekommen, wie man sich leicht denken kann. Nun, ich habe ja das Gl\u00fcck, mir etwas verdienen zu k\u00f6nnen und zusammensparen werde ich mir hier nichts, Julei, alles wird zum Essen verwendet. Habe mir wohl einen Resevefond von f\u00fcnfunddreissig Rubel durch zeitgem\u00e4sse Sparsamkeit und einige kleine Finanzoperationen, \u2013 Sparen muss man da mit den einzelnen Kopeken, \u2013 zusammengelegt, werde mir aber nur zirka f\u00fcnfzehn bis zwanzig Rubel als Dispositionsgeld f\u00fcr alle F\u00e4lle behalten, man weiss ja nicht was noch kommt und wozu man\u2019s braucht, \u2013 das \u00fcbrige aber und den Verdienst werde ich alles zum Essen anwenden. Denn ausser den vorher geschilderten Grund muss man jetzt auch wieder an die Malaria denken, der man haupts\u00e4chlich durch kr\u00e4ftiges Essen nur vorbauen kann. Ich hatte im Vorjahr dieses eckelhafte Sumpffieber zwei Mal, doch \u00fcberstand ich es ziemlich gut. Nun und da sie zu Ende des Fr\u00fchjahres auftritt und, wenn mans einmal gehabt hat, sie von Zeit zu Zeit immer wieder zum Vorschein kommt bis die K\u00e4lte eintritt, so tut man gut wenn man Vorbaut. Aber bis jetzt hat sich nichts bemerkbar gemacht, werde auch keine \u00dcberaschung davon erleben. Nun und weil ich schon dabei bin, muss ich Dir noch etwas von einer Krankheit, die ich hier durchmachte, mitteilen. Im Vorjahr, 3 Tage nachdem ich vom Spital ins Lager kam, \u00fcber fiel mich pl\u00f6tzlich eine Mittelohrentz\u00fcndung auf meinen, wie Du weisst, leidend gewesenen linken Ohr. Aber unser damaliger Oberarzt gab sich alle erdenkliche M\u00fche, mich vor einer Operation zu bewahren. Er behandelte mich t\u00e4glich zweimal, kaufte mir von seinem Gelde Medikamente u.s.w. und es gelang ihm auch, \u00fcber die Sache Herr zu werden. Leider kam er bald darauf weg. Einen Zahn musste ich mir damals auch ziehen lassen. Also, mein Gebiss wird immer gef\u00e4hrlicher. Aber leider kann man nichts dagegen machen. Bin nur froh, dass alles so gut abgelaufen ist. \u2013 Nun will ich wieder zur\u00fcckkommen. Eine \u00dcberraschung bot mir die Fleisch Konserve. Selchfleisch mit Sauerkraut. Der Geschmack war mir schon ganz fremd. Kein Wunder, bei der hiesigen Kost. Hohen Wert hatte der Zucker. Denn wie schon gesagt, fassen wir alle 3 Tage den schon beschriebenen Zucker und Tee, dazu bekommen wir t\u00e4glich das n\u00f6tige kochende Wasser. Die Keks waren vorz\u00fcglich nur auf das K-Flascherl musste ich verzichten. \u2013 Deine Sehnsucht kann ich begreifen, Julei, geht es doch mir auch nicht anders. Wann es ein Wiedersehen giebt? Wer soll das wissen! Ich will es mir ersparen, dieser Wirtschaft den richtigen Namen zu geben. Die Leute, M\u00e4nner die stark und immer gesund waren, sieht man dahinsterben und zu Grunde gehen und kein Ende, kein Ende. Fast k\u00f6nnte man daran zweifeln, die Heimat und seine Lieben wieder zu sehen. Nun will ich schliessen, Julei. Dieser Brief ist beinahe zu lang geraten. Aber ich apelliere an die G\u00fcte der Herren oder Damen der Zensur und Milde walten zu lassen, der hart auf die Probe gestellten Geduld noch ein Opfer zu bringen und diese Zeilen meinem Julei unverk\u00fcrtzt zukommen zu lassen. \u2013 Ich freue mich, dass alles gesund ist und dass Du \u00fcber Sommer bei Mamerle <span style=\"color: #333399;\">[Kosenamen f\u00fcr die Mutter der Empf\u00e4ngerin]<\/span> bist. \u2013 Viele, viele herzliche Gr\u00fcsse an Dich, Julei, Mamerle, allen unsern Verwandten und Bekannten. \u2013 Lebe wohl, Julei und sei innigst gek\u00fcsst von Deinem<br \/>\nSchurlei<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 74<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> N\u00e4chster Eintrag aus der Korrespondenz von Georg M. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=30471\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">am 27. Juli 2017<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus der Korrespondenz von Georg M. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=29943\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">am 24. April 2017<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 105, Brief von Georg M. an seine Verlobte Julie M., 4. Juni 1917, SFN NL 74, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wiener Friseur Georg M. (geb. 1884) schrieb seit Juni 1916 Postkarten aus der Kriegsgefangenenschaft in Astrachan an der Wolga in Russland an seine Verlobte Juli G. (geb. 1881). In den zwei einzigen erhaltenen ausf\u00fchrliche Briefen schilderte er detailliert die Umst\u00e4nde seiner (Monate zur\u00fcckliegenden) Verwundung und Gefangennahme. Der erste Brief datiert mit M\u00e4rz 1917. 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