{"id":31710,"date":"2017-10-29T01:19:32","date_gmt":"2017-10-29T01:19:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=31710"},"modified":"2022-05-24T09:33:11","modified_gmt":"2022-05-24T09:33:11","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-117-briefe-einer-freundin-an-anna-kozdera-in-wien-29-oktober-und-14-november-1917","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=31710","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 117: Briefe einer Freundin an Anna Kozdera, 29. Oktober und 14. November 1917, aus Bohumin\/Oderberg nach Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-10-29.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-31711 size-thumbnail\" title=\"Brief an Anna Kozdera, 29. Oktober 1917, SFN NL 34 [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-10-29-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Anna Kozdera (geb. 1895) war gemeinsam mit ihrer Familie von B\u00f6hmen nach Wien migriert. Die Mutter arbeitete hier als Hausangestellte, der Vater als Kutscher. Anna Kozdera selbst war N\u00e4herin, v.a. stellte sie Herrenhemden her. Aus ihrer Jugendkorrespondenz sind nur die folgenden zwei Schreiben erhalten, die sie 1917 von der Schwester ihrer Freundin Annyken W. erhalten hat. Bertl W. berichtet auf den schwarz umrandeten Briefb\u00f6gen, dass Annyken an der Ruhr verstorben war und schildert ihre letzten Lebenstage. Gleichzeitig wird die Organistation der kurz zuvor abgehaltenen Hochzeit beschrieben. Die Schreiberin d\u00fcrfte ihrerseits als Hausangestellte gearbeitet haben.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Oderberg 29.10.1917.<br \/>\nLiebwertes Fr\u00e4ulein!<br \/>\nVorallen bitte ich um Verzeihung wenn ich unbekannter Weise Sie Liebes Fr\u00e4ulein mit dem Zeilen Bel\u00e4stige. Eine tieftraurige Nachricht, die Ihnen fast unglaublich, vorkommen wird mu\u00df ich Ihnen mittheilen, und zwar das unsre inniggeliebte Schwester die t\u00fcckische Krankheit erfa\u00dft hat und an der Ruhr den 27.10.1917 gestorben ist.<br \/>\n8 Tage nach der Hochzeit erkrankte Sie, machten alle Hausmittel doch Gott sollte Sie haben und lie\u00df kein Mittel helfen. Dann als Sie schon so schwach war mu\u00dfte Sie in einen Krankenwagen \u00fcberf\u00fchrt werden ins Spital wo wir Sie nicht sehn und sprechen durften. Ich fuhr einige male zu Ihr mit vielen Bitten gelang es mir zu erfahren welch Fenster es ist. Dort sah ich Sie, ertes mal konnte Sie kaum Wort vor Schw\u00e4che, Schmerz, und Bein hervorbringen, Sie brach zusammen, als Sie die Pflegerin aufstellte, wie ein Kind welches nicht laufen kann. Zweitesmal trug ich Blumen, Wein, Kognak hin da bar Sie selbst, so herzlich, man m\u00f6ge mich zu Ihr la\u00dfen. Doch wie grausam, Sie lie\u00dfen mich nicht zu meiner treuen Schwesterl. Fr\u00e4ulein, wenn Sie es wi\u00dfen m\u00f6chten was das Schiksal f\u00fcr eine L\u00fccke geri\u00dfen hat, von der Familie fehlte keines, gerade Sie die einzig gute, nie hatte ich einen Wortwechsel mit Ihr, gerade Sie mu\u00dfte uns geraubt werden. Es ist ein Jammer und elend so hinauszutragen und nicht mahl zu wi\u00dfen und zu erfahren welch Ihr letzter Wunsch war.<br \/>\nWir mu\u00dften das Schicksal tragen. Doch welch Jammer den jungen Eheman anzusehn mit welch inniger Liebe hingen Sie eins ans andre wo eins von andern einen Wunsch erfuhr oder merkte so fort wurde er erf\u00fchlt. So pl\u00f6tzlich und so schnell ein so gesundes Fraun Zimmer wie unsre Anny war hinsichten, zu sehn und keine, Hilfe, leisten es ist bitter. Hoffe liebes Fr\u00e4ulein das Sie meine Zeilen antreffen und verbleibe Sie Herzlichst Gr\u00fc\u00dfend Ihre Bertl W.<br \/>\nHerzlichste Gr\u00fc\u00dfe und besten Dank von meinem Mutterl<\/p>\n<p>14.11.1917<br \/>\nLiebes Fr\u00e4ulein!<br \/>\nHerzlichen Dank <!--more-->f\u00fcr die theilnahme unsers Schweren Schicksals. Eine Schwesterliche Einladung und solte solte ich mal nach Wien kommen was nicht ausgeschlo\u00dfen ist, so werde ich die freundliche Einladung beanspruchen. Liebes Fr\u00e4ulein Sie wollten nacheers \u00fcber mein gutes Schwesterl, welches jetz zum erstenmal unter der Schneebedeckten Erde schl\u00e4ft h\u00f6ren. Mit Sehnsucht rief Sie mich von Lemberg <span style=\"color: #333399;\">[Lwiw in der \u00f6stlichen Ukraine]<\/span> zu Ihrer Hochzeit wo ich auch sofort kamm dann wurde es verschoben einige Monate armes Annerl konnte es nicht erwarten. Sie lie\u00df sich schon das Hochzeitskleid und all die Lieben Sachen machen und sparte die Lebensmittel, z\u00e4hlte auf wer alles dabei sein soll. Von Euch allen liebes Fr\u00e4ulein sprach Sie vill; wir zwei waren sehr intiem hatten nie ein Geheimni\u00df vor einander.<br \/>\nAm 29.9. endlich kam der lang von Ihr ersehnte Tag, es war viel Arbeit da sehr viel G\u00e4ste waren. Annyken war zu \u00fcberlustig alle meinten so eine sch\u00f6ne lebenslustige Braut haben Sie noch nie gesehn. Es waren auch 4 Freundinnen vielmehr Arbeitskoleginnen gwesen hatten Musik, es wurde getanzt, gelacht und gescherzt bis um 1 Uhr nachts. Sie war so \u00fcberm\u00fctig als ahnte Ihr schon damals.<br \/>\nWir begleiteten die Freuleins nach Hause wohnten als ziehmlich weit aus w\u00e4rts. Es war eine wundersch\u00f6ne Nacht. Sie bekamen so einen herrlichen gr\u00fcnen Strauch der sehr gepflegt von uns wird. Es ist jetz sehr fad, den Sie sang so sch\u00f6n und lachte viel es f\u00e4lt mir sehr, wenn ich von Dienste kam bat ich Sie Anniken sing ein bischen.<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Seitlich geschrieben mit Bleistift]<\/span> Verzeihn Sie schlechte Schrift schreib w\u00e4hrend dem Dienst.<br \/>\nSie tat mir den Gefalln.<br \/>\nWir schliefen in einem Bett und hatten einander sehr lieb.<br \/>\nEinmal h\u00f6ren Sie Fr\u00e4ulein lagen wir Mutterl ging ins Kino um 8 Uhr ins Bett wo wu\u00dften vor \u00dcbermut nicht wohin. Wir la\u00dfen dan jede ein Buch, z\u00fcndeten uns eine ganze winzig kleine \u00d6llampe an, pl\u00f6tzlich verl\u00f6schte Sie, wir erschracken beide und so geschah es einigemale. Wir lachten dar\u00fcber, das machte uns Spa\u00df, dann stelte Anni sich die Lampe auf die Brust und l\u00f6schte wieder aus erfa\u00dfte mich so ein Graun, und bat Anny nicht mehr anz\u00fcnden.<br \/>\nHerzliche Gr\u00fc\u00dfe von meiner Mutter und mir<br \/>\nIhre Bertl<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 34<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Kein weiterer Eintrag aus dem Nachlass von Anna Kozdera. <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Sie war ab 1931 mit dem Hutmacher Viktor Podpera verheiratet. <\/span><span style=\"color: #333399;\">Voriger Eintrag aus dem Nachlass der Familie von Viktor Podpera <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=30952\">am 5. September 2017<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 117, Feldpostschreiben an Viktor Podpera, Datum, SFN NL 34, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Kozdera (geb. 1895) war gemeinsam mit ihrer Familie von B\u00f6hmen nach Wien migriert. Die Mutter arbeitete hier als Hausangestellte, der Vater als Kutscher. Anna Kozdera selbst war N\u00e4herin, v.a. stellte sie Herrenhemden her. 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