{"id":31719,"date":"2017-10-29T02:04:26","date_gmt":"2017-10-29T02:04:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=31719"},"modified":"2022-05-24T09:32:42","modified_gmt":"2022-05-24T09:32:42","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-118-tagebuch-von-anna-h-29-oktober-bis-10-november-1917-graz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=31719","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 118: Tagebuch von Anna H., 29. Oktober bis 10. November 1917, Graz"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-10-29-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-31723 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Anna H., 29. Oktober 1917 [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1917-10-29-1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Anna H. (geb. 1903) besuchte eine private Klosterschule in Graz. Ihr Tagebuch von Oktober 1916 bis November 1917 liegt in der Sammlung Frauennachl\u00e4sse als 112-seitige Kopie vor. Darin hat die b\u00fcrgerlich sozialisierte Sch\u00fclerin mit zumeist patriotischen Formulierungen kriegsbezogene Ereignisse &#8211; oder auch Ger\u00fcchte &#8211; eingetragen, die sie vermutlich aus Zeitungen abgeschrieben und dabei oft detailliert wiedergegeben hat. Ende 1917 hielt sie dabei u.a. fest, was sie \u00fcber die russische \u201eRevulution\u201c geh\u00f6rt hatte. Gleichzeitig formulierte sie auch immer ihren Wunsch nach einem baldigen Ende des Krieges. Die Eintr\u00e4ge brechen nach dem 10. November 1917 unvermittelt ab. Weitere Aufzeichnungen sind nicht erhalten geblieben.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>29.10. <span style=\"color: #333399;\">[1917]<\/span><br \/>\nDie Montagszeitung brachte heute ausf\u00fchrlichen Bericht: G\u00f6rz <span style=\"color: #333399;\">[Gorizia]<\/span>, Monfalcone und Cividale von unseren und den deutschen Verb\u00fcndeten eingenommen \u00dcber 100000 Gefangene, mehr als 700 Gesch\u00fctze sind in unsere H\u00e4nde gefallen. Die Mittagbl\u00e4tter melden da\u00df Udine, eine Stadt in der venetianischen Ebene, in der unsere Truppen bereits festen Fu\u00df gefa\u00dft haben, durch die von unseren heldenhaften Truppen eingenommene Stadt Cividale in die Angriffszone {ger\u00fcckt ist.} \u2013 Wie eben die Abendausgaben melden wurde auch der \u201eMonte Sante\u201c und \u201eFaite Hrb\u201c und der \u201egro\u00dfe Pal\u201c erst\u00fcrmt. Die Zahl der Gefangenen stieg auf 30.000, die Zahl der erbeuteten Gesch\u00fctze auf 900. Den ganzen Angriff leitet unser g\u00fctige Karl I. <span style=\"color: #333399;\">[seit 1916 Kaiser von \u00d6sterreich, geb. 1887]<\/span> selbst. Auch Cormons, in \/welchen\/ einst die gro\u00dfe Seidenspinnerzucht waren und das schon anfangs \/anfangs\/ des Krieges mit Italien von den Italienern eingenommen wurde, ist nun von unseren Truppen eingenommen worden. Mein Vater sagte heut habe der Feldmarschallleutnant v. Sch. zu ihm gesagt, er solle seine Verrechnungen mit dem Lt. von d. Proviantur ins Reine bringen, denn er meint das bald der Friede k\u00e4me, dann nat\u00fcrlich alles dr\u00fcber und drunter ginge. O! wenn dies so w\u00e4re! Wie w\u00fcrde da die Welt aufjauchzen! Der Friede solle werden mit Italien! Italien droht das gleiche Schicksal wie Ru\u00dfland n\u00e4mlich Revolution.<br \/>\nItalien mu\u00df dann Frieden<span style=\"color: #333399;\"> \/&#8230;\/<\/span> ob es will oder nicht, denn sonst wird ihm das ganze Land weggenommen. Mit Ru\u00dfland ist\u2019s <!--more-->\u00fcberhaupt aus, das kann uns nicht mehr schaden, Frankreich und England werden erdr\u00fcckt wenn sie nicht Frieden machen wollen, da wir unser ganzes Heer zur Bek\u00e4mpfung Frankreichs und England schicken k\u00f6nnen. Wenn es doch so w\u00e4re! \u2013 Gebe es Gott! \u2013 Bin schon begierig, was die morgigen Zeitungen bringen werden, ich kann es kaum mehr erwarten. \u2013<\/p>\n<p>30.10. fr\u00fch.<br \/>\nDie deutschen Truppen machten wieder einen feinen Fang: In Karfrest <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span> stand ein Zug bereits im Dampf zur Abfahrt bereit, als aus dem Walde deutsche Abteilungen hervorbrachen, den Lokomotivf\u00fchrer unsch\u00e4dlich machten und das ganze \/Divisionskomando\/, welches eben abfahren wollte, \/gefangenommen\/. Bei dem Stabe fand man sehr wichtige Aufzeichnungen. Die Gefangenen- und Beutezahl steigt immer. Bis jetzt ist es nicht ann\u00e4hernd zu bestimmen, wie hoch die Zahlen stehen. So wurden in G\u00f6rz unter vielen anderen 120 schwere Lastenauto, vollbeladen mit \/vorz\u00fcglichen\/ Speisefett erobert. Gestern am Abende des f\u00fcnften Schlachttages, war alles zur\u00fcckgewonnen, was der Feind in 11 blutigen Schlachten, jeden km\u00b2 mit 5400 Mann erkaufend, abgerungen hat. Die italienische K\u00e4rntnerfront ist in wichtigen Abschnitten ersch\u00fcttert. In Schnee und Sturm entrissen unsere Truppen dem Feinde die seit 2 <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span> Jahren ausgebauten Stellungen s\u00fcdwestlich von Tarvis, bei Pontafel, im Pl\u00f6ckengebiet und auf dem gro\u00dfen Pal. Die Beute ist ungeheuer. Bei Plava allein \/allein\/ wurden 118 italienische Gesch\u00fctze, aller Kaliber eingebracht. \/Ein\/ hier vorgehende Division nahm in wenigen Stunden 3000 Mann, 60 \/Offizieren\/ u. 60 Gesch\u00fctze ab. Was und an Kriegsger\u00e4t in der jetzigen zw\u00f6lften Isonzoschlacht erbeutet wurde \u00fcbersteigt weit das \/Beutergebnis\/ unserer galizisch-polnischen Sommeroffensive vom Jahre 1915. Auf der Karsthochfl\u00e4che stie\u00dfen unsere Truppen, den San Michele nehmend, vor.<\/p>\n<p>31.10.<br \/>\nWie <span style=\"color: #333399;\">\/&#8230;\/<\/span> gestrigen Abendbl\u00e4tter melden, ist Udine bereits eingenommen. Die R\u00e4ume hinter den Fronten der Verb\u00fcndeten erhalten durch die langen Gefangenenz\u00fcge und der Kriegsbeute vielfach das Aussehen eines italienischen Heerlagers. Auch die K\u00e4rntnerarmee befindet sich schon auf \/italienischen\/ Boden. Die Verfolgung des geschlagenen Feindes gegen den Hochwasser f\u00fchrenden unteren Tagliamento <span style=\"color: #333399;\">[Flu\u00df n der Region Friaul-Julisch Venetien]<\/span> ist im vollen Gange. Hier k\u00e4mpfen die Armee des Generalobersten Freiherrn v. Krobatin, Gen. d. Inf. Alfred Kau\u00df, General v. Belaw, Generaloberst Boecovic.<\/p>\n<p>2. November<br \/>\nLatisana <span style=\"color: #333399;\">[Stadt in der Region Friaul-Julisch Venetien]<\/span> wurde eingenommen! Die Truppen sind in \/unaufhaltsamen\/ Vordringen.<\/p>\n<p>3. November<br \/>\nGemona <span style=\"color: #333399;\">[Ortschaft in der Region Friaul-Julisch Venetien]<\/span> gefallen! Das ganze linke Tagliamentoufer <span style=\"color: #333399;\">\/&#8230;\/<\/span> unserer Hand. Der Fall Genomas ist von \/weitgehenster\/ Bedeutung. Der italienische Widerstand ist \u00fcberall gebrochen. Die Operationen der verb\u00fcndeten Streitkr\u00e4fte, die in <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span> der Geschichte ihresgleichen nicht finden.<\/p>\n<p>5. Novemb.<br \/>\n\u00dcbermorgen wird es nun 1 Jahr und ein Monat da\u00df ich das Buch begonnen. So viele Ereignisse habe ich in der Zeit erlebt. Nun wird auch dieses B\u00fcchlein bald zu Ende sein. Die meisten Erlebnisse habe ich hier eingetragen.<\/p>\n<p>7. November.<br \/>\nUnser Heer ist im st\u00e4ndigen Vordringen. Jetzt sind die gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Friauls, eine Provinz im nord\u00f6stlichen Italien von unseren Truppen eingenommen. Englische mit dem General und franz\u00f6sische \/Hilfheere\/ m. d. General kommen Italien zu Hilfe.<\/p>\n<p>8. November.<br \/>\nDie Italiener sind in vollem R\u00fcckzug gegen die Pivac. Unsere Truppen sind am 6. ds. um 6 h in Cortina d\u2019Ampezzo einmarschiert. Beim \u00dcberschreiten d. Tagliamento wurden 6000 Gefang. gemacht, bei Tolmezzo <span style=\"color: #333399;\">[Sch\u00f6nfeld, Tolmec]<\/span> auch einige Tausend. Auch d. Dolomitenfront vom Kreuzberg bis \u00fcber den Rollepa\u00df von d. Italienern ger\u00e4umt. Der Tagliamento \u00fcberall \u00fcberschritten. San Martina di Costrozza eingenommen. Vom Kreuzberg bis zum Rollepa\u00df hinaus ist der Feind zum R\u00fcckzug gezwungen. Fdmschll. Freiherr v. Conrad nahm die Verfolgung auf. Auf dem Gipfel des Col di Lana dessen durch Sprengung erreichten Einnahme seinerzeit ganz Italien in Siegestaumel st\u00fcrzte und auf dem Monte Piano wehen unsere Fahnen. Seit Mai 1915 streckt der Italiener seine begehrliche Hand nach dem Pustertale aus und nach Bozen, dem Herzen Tirols. Dank der unersch\u00fctterlichen Standhaftigkeit unserer Tapferen konnte des Feindes Hoffen nie und nimmer zur Tat werden. Die Vorteile, die er in diesem Raume in 2 \u00bd Jahren des Kampfes und der Arbeit errang, lassen sich mit Schritten z\u00e4hlen. Nun ist auch dieses Werk in wenigen Tagen v\u00f6llig zusammengebrochen.<\/p>\n<p>9. November.<br \/>\nIn Ru\u00dfland ist Revolution ausgebrochen. Alle Minister bis auf Kerenski verhaftet. [Alexander Fjodorowitsch] Kerenski <span style=\"color: #333399;\">[zeitweise Chef der \u00dcbergangsregierung zwischen Februar- und Oktoberrevolution, geb. 1881]<\/span> entflohen. So lauten die heutigen Nachrichten. Nun ist w\u00e4hrend des Krieges die 2. \/Revulution\/ ausgebrochen.<\/p>\n<p>10. November.<br \/>\nDer Widerstand der Italiener am Livenza ist gebrochen. Die Verb\u00fcndeten haben den Flu\u00df an der ganzen Front \u00fcberschritten und dringen<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 53<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Das vorliegende Kriegstagebuch von Anna H. endet mit dem hier zitierten abgebrochenen Eintrag vom 10. November 1917. Dass sie ein weiteres Buch verfasst hat, kann aufgrund des Eintrags vom 5. November 1917 vermutet werden. Diese &#8211; gegebenenfalls gef\u00fchrten &#8211;\u00a0 weiteren Aufzeichnungn sind aber nicht erhalten geblieben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Anna H. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=28228\">am 22. Juli 2017<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Tagebuch von Anna H. siehe auch: Petra Putz, \u201eDie heldenmutigen Truppen k\u00e4mpfen siegreich an allen Fronten \u2026\u201c Die Wirkung der Propaganda im Ersten Weltkrieg am Beispiel des M\u00e4dchentagebuchs von Anna H. (1916\/17), Wien, Diplomarbeit, 2008.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 118, Tagebuch von Anna H., Datum, SFN NL 108, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna H. (geb. 1903) besuchte eine private Klosterschule in Graz. Ihr Tagebuch von Oktober 1916 bis November 1917 liegt in der Sammlung Frauennachl\u00e4sse als 112-seitige Kopie vor. Darin hat die b\u00fcrgerlich sozialisierte Sch\u00fclerin mit zumeist patriotischen Formulierungen kriegsbezogene Ereignisse &#8211; oder auch Ger\u00fcchte &#8211; eingetragen, die sie vermutlich aus Zeitungen abgeschrieben und dabei oft detailliert [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-31719","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-edition-wk1-in-selbstzeugnissen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31719","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31719"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31719\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63710,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31719\/revisions\/63710"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}