{"id":33458,"date":"2018-08-21T01:48:53","date_gmt":"2018-08-21T01:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=33458"},"modified":"2022-05-24T09:19:20","modified_gmt":"2022-05-24T09:19:20","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-xx-tagebuch-von-ella-reichel-21-august-bis-1-november-1918-neulengbach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=33458","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 133: Tagebuch von Ella Reichel, 21. August und 27. September 1918, Neulengbach"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-38-Tagebuch-Ella-Reichel-1918-08-21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-33459 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Ella Reichel, 21. August 1918, SFN NL 38 V [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-38-Tagebuch-Ella-Reichel-1918-08-21-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Die Eltern von Ella Reichel (geb. 1905) f\u00fchrten am Hauptplatz der Stadtgemeinde Neulengbach im Wienerwald eine Eisenwarenhandlung. Seit ihrem 8. Lebensjahr notierte sie sporadisch diaristische Aufzeichnungen. In den Beschreibungen der Ereignisse aus ihrem sozialen Umfeld waren Kriegsbez\u00fcge allgegenw\u00e4rtig. Im Sommer 1918 war das u.a. die Enthebung ihres 44-j\u00e4hrigen Vaters aus dem Kriegsdienst oder Aktionen, bei denen Schulklassen Bromberbl\u00e4tter und Buchecken sammelten. Im Zuge dessen besch\u00e4ftigte die 13-J\u00e4hrige sich auch mit Geschlechterkonventionen. Im Herbst 1918 nannte sie zahlreiche Krankheits- und Sterbef\u00e4lle in der Umgebung. Gleichzeitig wurde ein komfortabler Kuraufenthalt in Ober\u00f6sterreich geschildert.<\/span><\/p>\n<p>21. August 1918.<br \/>\nEin Vierteljahr ist bald vergangen, seit ich zum letztenmal eingeschrieben habe. Seit dem hat sich vieles ereignet. Mitte Juni wurde mein Vater auf unbestimmte Zeit enthoben. Wir waren alle furchtbar froh dar\u00fcber. Dann fuhr Mutter zu Doktor S. nach Sankt-P\u00f6lten, da ihre Dr\u00fcse zu ungeahnter Gr\u00f6\u00dfe angewachsen war. S. sagte, da\u00df Mutter unbedingt nach Bad-Hall m\u00fcsse. Da es sein mu\u00dfte und Vater auch wegen der Dr\u00fcse enthoben wurde, Mutter aber allein nicht fahren wollte, so fuhr auch ich mit. Am 25. Juni, \u00bd 8h fr\u00fch wurde abgereist. Ich mu\u00dfte nat\u00fcrlich fr\u00fcher aus der Schule austreten, da die Ferien erst am 15. Juli anfingen. Dar\u00fcber kr\u00e4nkte ich mich selbstverst\u00e4ndlich nicht. Am 18. September mu\u00df ich aber eine Pr\u00fcfung ablegen, da ich sonst kein Zeugnis bekomme. Zum Gl\u00fcck traten auch \u201eR.\u201c und \u201eL.\u201c von meiner Klasse mit mir aus. Erstere fuhr auf Sommerfrische, Letztere wurde schwer krank. Also machen wir drei, die Pr\u00fcfung mitsammen. Aber nun weiter. Nachdem wir abgedampft waren, errangen wir erst in St. P\u00f6lten mit M\u00fche und Not einen Platz, nat\u00fcrlich 2. Klasse. In unserem Abteil war auch eine Dame, die nach \u201eHall\u201c zur Kur fuhr. Die Fahrt war \u00e4u\u00dferst langweilig. Um \u00bd 5 h Nachmittags kamen wir in Hall an. Bei unserer Ankunft war sehr sch\u00f6nes Wetter. Wir gingen gleich in die uns von Frau Z. rekommandierte &#8222;Pension Albrecht&#8220;, wo wir auf 8 Tage aufgenommen wurden, dann aber wo anders hingeschickt wurden, da unser Zimmer schon vergeben war. Nachdem wir uns umgekleidet und gewaschen hatten, gingen wir auf Anraten Frau A.s noch heute zu Doktor &#8222;Haidentaler&#8220;. Er ist ein \u00e4lterer Herr und war sehr lieb und freundlich. Mutter mu\u00dfte fr\u00fch und {Nachmittag} abends 3 Gl\u00e4ser Jodwasser trinken. Er verordnete auch, da\u00df wir 4 Wochen hier bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>27. September 1918.<br \/>\nWieder ist ein Monat vergangen. Luisl <span style=\"color: #333399;\">[eine Freundin]<\/span> fuhr am 16. fort <span style=\"color: #333399;\">[sie besuchte in Gmunden eine Ausbildung oder hatte dort eine Dienststelle]<\/span>. Beim Abschied weinte sie ein bi\u00dfchen, ich aber nicht. Von ihr habe ich erst einen Brief erhalten. Sie hat schon 1 \u00bd kg abgenommen, aber Heimweh hat sie nicht. Heute erst, war unsere Pr\u00fcfung. In allen Gegenst\u00e4nden wei\u00df ich, da\u00df ich lauter vorz\u00fcglich habe, nur in Rechnen wei\u00df ich \u2019s nicht bestimmt. Wenn ich nur lauter vorz\u00fcglich h\u00e4tte! Wenn ja, bekomme ich ein Buch. R. hat auch nicht lauter 1, L. brauchte keine Pr\u00fcfung machen. R. und ich lernten immer bei uns, vor der Pr\u00fcfung. Morgen bekommen wir die Zeugnisse. Auch Pr\u00fcfungstage mu\u00df man zahlen. 12 K. Gemeinheit! Diese Woche war es richtig lustig in der Schule. Fr\u00e4ulein S. und U. <span style=\"color: #333399;\">[die Lehrerinnen]<\/span> waren von Ungarn noch nicht hier. Daher hatten wir noch keinen geregelten Unterricht.<br \/>\nVormittag wurden die 2. und 3. Klasse zusammengezogen und Frl. M. unterrichtete. Nachmittags gingen wir, die ganze B\u00fcrgerschule, Knaben und M\u00e4dchen mit Lehrer W. und R. (ein neuer Lehrer aus Asperhofen) Brombeerbl\u00e4tter sammeln. Es war furchtbar lustig.<br \/>\nIm Dreif\u00f6hrenwald spielten wir dann; der Kaiser schickt Soldaten aus. W. spielte mit. Es war <!--more-->riesig lustig. Dann gingen wir nach Hause. Vorgestern gingen wir auch wieder mit den beiden Lehrern. (R. hat eine wehen Fu\u00df und hinkt.) Hansl ist das Herzpinkerl beider Lehrer.<br \/>\nIn einem anderen Teile des Dreif\u00f6hrenwald\u2019s suchten wir Bucheckern. Dann fingen wir mit den Buben zum raufen an, die uns immer mit Bucherln und Eicheln bewarfen. Wir nahmen Lehrer R.s <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span> Stock und schlugen den Hauptanf\u00fchrer der Buben, den Sch., windelweich durch, bis er weinte. Die Lehrer lachten ihn furchtbar aus. Dann spielten wir in 2 Teilen mit den Lehrern. Ein Teil, darunter Hansl und R., spielten ein Pf\u00e4nderspiel und der andere, darunter ich, F., B. und W., spielten: der Kaiser schickt Soldaten aus. Auf unserer Seite war gro\u00dfe Hetze mit <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span> W. Bei diesen Spiel wurde ich ein bi\u00dfl bevorzugt. Dann, um \u00bc 4 h gingen wir alle nach Hause. Am Wege kamen wir wieder mit den Buben in Streit und kurz bevor wir in den Markt kamen, wurden wir so wild, da\u00df wir mit den F\u00e4usten auf die Buben hieben. 2 schleuderte ich mit einem Sto\u00df weg, da\u00df sie gleich auf die Wiese purzelten. Endlich wurden wir ruhiger. Die Lehrer aber lachten nur dazu. W. sagte zu mir: &#8222;Na h\u00f6r mal, Reichel, bist du aber grob.&#8220; Der Gimpel! Glaubt, da\u00df man mit den Buben vielleicht anders umgehen soll. Dann kamen wir endlich erm\u00fcdet heim.<br \/>\nMein Ausschlag steht jetzt unter der Behandlung Doktor R. Hoffentlich wird er bald gut. Ja richtig, von Hall wollte ich noch schreiben. Es war nicht viel los die 4 Wochen. Theater gehen, spazieren gehen mit der Freundin L. und Z. Pepi. Mutters Dr\u00fcse ist bereits schon gut. In Hall wurde sie geschnitten <span style=\"color: #333399;\">[operiert]<\/span>! Sie f\u00e4hrt jetzt nach Wien, bestrahlen lasse. Ab 1. Oktober fangen bei mir leider die Klavierstunden an. Auf Franz\u00f6sisch freue ich mich schon. Diesen Sonntag, den 21. starb die kleine Greterl vom Schlo\u00dfer M. an Ruhr. Der junge {M.} und die Nanndl sind auch an Ruhr erkrankt. Dr. L. kam zu uns ins Gesch\u00e4ft und machte aufmerksam, da\u00df in Neulengbach ein Tiphusephidemie sei. Entsetzlich! Die F. Pepi gegen\u00fcber hat ihn auch schon. Wenn mir niemand stirbt. Beim Nachtmahl hatten mir heute Heeringe in Bouillion. Wundervoll! Nun Schlu\u00df!<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 38 V<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Ella Reichel <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=33497\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 1. November 2018<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Ella Reichel <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=32109\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 31. Dezember 2017<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 133: Tagebuch von Ella Reichel, Datum, SFN NL 38, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Eltern von Ella Reichel (geb. 1905) f\u00fchrten am Hauptplatz der Stadtgemeinde Neulengbach im Wienerwald eine Eisenwarenhandlung. Seit ihrem 8. Lebensjahr notierte sie sporadisch diaristische Aufzeichnungen. In den Beschreibungen der Ereignisse aus ihrem sozialen Umfeld waren Kriegsbez\u00fcge allgegenw\u00e4rtig. 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