{"id":33514,"date":"2018-03-05T02:12:15","date_gmt":"2018-03-05T02:12:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=33514"},"modified":"2022-07-06T12:59:39","modified_gmt":"2022-07-06T12:59:39","slug":"33514","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=33514","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 127: Feldpost von Christl Wolf an Leopold Wolf, 5. M\u00e4rz 1918, von Wien an einen unbekannten Ort in Polen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1918-03-05.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-33521 size-thumbnail\" title=\"Christl an Leopold Wolf, 5. M\u00e4rz 1918, SFN NL 14 I [Zum Vollbild anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1918-03-05-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a>Christine Wolf (geb. Lang, geb. 1891) aus Wien war verheiratet mit dem Architekten Leopold Wolf (geb. 1891). Als Soldat hatte der 27-J\u00e4hrige inzwischen den Rang eines Oberleutnants bei der Artillerie inne, wo er im Fr\u00fchling 1918 als \u201eAutooffizier\u201c an Kriegsschaupl\u00e4tzen im Osten eingesetzt war. Christine Wolf hatte seit l\u00e4ngerem darauf gehofft, dass ihr Ehemann nach Wien versetzt werden k\u00f6nnte, was sie bei anderen Paaren in ihrem Umfeld offenbar beobachtet hatte. Im M\u00e4rz 1918 wendete sich die hochschwangere junge Frau deswegen selbst direkt an einen Beamten in der Kriegsverwaltung, was sie Leopold Wolf im Brief vom 3. M\u00e4rz 1918 schilderte.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Wien, 5. III. 1918.<br \/>\nLiebster Poldi!<br \/>\nAlso recht sch\u00f6n sitzen wir diesmal in der Patsche drinnen! Heute ist bereits der 5. und von Dir noch keine Spur, wie soll ich mir das erkl\u00e4ren.<br \/>\nIch glaube ich vermute leider nur zu richtig. Ich h\u00f6rte jetzt schon von mehreren Seiten, da\u00df Urlaubsperre ist, das hat noch gefehlt. Du glaubtest schlechtesten Falles mit einem 14t\u00e4tigen Urlaub rechnen zu m\u00fcssen, und nun ist mir scheint kaum das m\u00f6glich. Ich beschw\u00f6r Dich liebster Poldi um meiner Gesundheit willen, la\u00df kein Mittel unversucht, von dort wegzukommen, sag wegen dringender Familienangelegenheiten, oder wegen Krankheit Deiner Frau etc., schwatz das Blaue vom Himmel herunter, nur komm. Vielleicht gelingt es Dir dienstlich irgendwie. Erkl\u00e4r das Deinem Hptm. der wird doch hoffentlich kein Barbar sein.<br \/>\nWenn er Dich dienstlich nach Wien schickt kannst Du kommen. \u00dcbrigens hat mir die Oberst B. <span style=\"color: #333399;\">[vermutlich die Ehefrau eines Oberst namens B.]<\/span> der ich heute mein Leid geklagt hab, gesagt, wenn Du sagst Deine Frau bedarf Deiner Anwesenenheit wegen dem u. dem m\u00fcssen sie Dich fortlassen, auch wenn der Pabst nein sagt, Du mu\u00dft nur recht energisch sein und nicht nachgeben. Es ist ja nicht einmal eine L\u00fcge, von Deiner Anwesenheit h\u00e4ngt bestimmt sehr viel ab. Ich bin jetzt schon von einer solchen Unruhe u. Unrast erf\u00fcllt, da\u00df ich nichts ordentliches zusammen bring. Es regt mich alles derart auf, da\u00df ich mich kaum beherrschen kann. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es gewesen, wenn Du gestern gekommen w\u00e4rest, wie es Deine Absicht war und nun bin ich trostloser als je. Mein Gott wann wird denn der Jammer ein Ende nehmen?<br \/>\nVerzeih wenn ich Dir wieder soviel lamentiert hab, liebster Poldi, Dir wird\u2019s zwar auch nicht viel besser gehen gelt, aber in meiner Einsamkeit ist mir gar manchmal so schrecklich zu Mute. Gebe Gott, da\u00df wieder gl\u00fccklichere Zeiten kommen f\u00fcr uns beide.<br \/>\nIch wei\u00df nicht schrieb ich Dir schon, da\u00df der Oblt. P. in Wien ist? Er ist vorige Woche gekommen 14 Tage Urlaub, und dann <span style=\"color: #333399;\">[wird er]<\/span> Lehrer in der Art.-Auto Schule in Simmering. Seine Frau hat irgendeine Protektion im K. M. <span style=\"color: #333399;\">[Kriegsministerium]<\/span> die das durch gestzt hat, u. zwar auch mit der Begr\u00fcndung, da\u00df seine Frau leidend ist (was garnicht wahr ist). Nun, ich g\u00f6nne es ihnen wirklich, nur frage ich mich warum das auch bei uns nicht m\u00f6glich ist? Siehst Du, Du darfst Dich nicht so unbedingt drauf steifen, da\u00df bei uns alles anders sein mu\u00df, wie bei andern, \u00fcberhaupt wenns uns zum Guten w\u00e4re. Glaubst Du nicht auch? Ich glaub ja! <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nWei\u00dft Du da\u00df ich schon entschlossen war heute ins K. M. zum H. zu gehen? Du staunst \u00fcber Dein freches Weibi, es tut mir aber nur leid, da\u00df ich mich abhalten hab lassen. N\u00e4mlich, <!--more-->Onkel Franz sagte mir doch vorige Woche, da\u00df H. u. div. andere Herren f\u00fcr einige Tage nach Udine gefahren sind um dort eine gro\u00dfe Auto Werkst\u00e4tte einzurichten und als ich ihn, Onkel Franz, am Samstag bei der Mama drau\u00dfen traf, fragte ich ihn ob H. schon zur\u00fcck ist, ich m\u00f6chte gerne wissen ob er Besuche empf\u00e4ngt. Onkel Franz sagte mir, schwerlich, weil auf der T\u00fcr ein Zettel h\u00e4ngt, wo darauf steht, da\u00df Besuche verboten sind. Nun diese Logik sieht einem Traumichnicht wie der Onkel Franz einer ist, \u00e4hnlich, da\u00df er wegen einem Fetzen Papier gleich gehorsamst die Flinte ins Korn wirft. Darauf hin sagte ich, der H. kennt mich ja, zwar nur fl\u00fcchtig, aber wenn ich ihm melde die Frau vom Kameraden Leop. Wolf w\u00fcnscht ihn einige Minuten zu sprechen, h\u00e4tte er sicher nicht nein gesagt. Ich wei\u00df doch da\u00df so u. so viele andere Frauen auch hinein gehen. Onkel Franz sagte nun Du kannst es ja jedenfalls versuchen, was ich mir denn auch vornahm, wenn ich bis Dienstag, also heute nichts wei\u00df gehe ich hinein.<br \/>\nEinstweilen fand ich, als ich am Sonntag zur Mama kam einen Brief vom Onkel Franz vor, worin er mir mitteilt, da\u00df er zuf\u00e4llig Gelegenheit hatte mit H. zu sprechen und ihm meine Absicht mitteilte. H. l\u00e4\u00dft sich mir ergebenst empfehlen und mir sagen, da\u00df ich mich nicht erst bem\u00fchen soll, er ist ganz genau orientiert, kennt alle Deine W\u00fcnsche und verspricht auch mir sein m\u00f6glichstes zu machen. Einberufen kann er Dich leider <span style=\"color: #333399;\">[nicht]<\/span>, aber sobald Du nur da bist, wird alles gemacht.<br \/>\nEigentlich befriedigt mich das garnicht, denn gerade das wollte ich ja, da\u00df er Dich einberuft, damit Du her kommen kannst, und nicht erst auf die Gnade eines Urlaubes angewiesen bist, was zuweilen recht unangenehm ist, wie z. B. jetzt, wenn die Urlaube gesperrt sind. Nun kann ich aber doch nicht gut mehr zum H. gehen, wenn er es mir schon sagen l\u00e4\u00dft, er wird sein m\u00f6glichstes machen, nur einberufen kann er Dich nicht. Wenn ich halt selber gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte ich ihm vielleicht \u2013 doch von der Dringlichkeit der Sache besser \u00fcberzeugt, und ihm gesagt, da\u00df mir jetzt haupts\u00e4chlich darum zu tun ist, da\u00df Du jetzt kommst. Aber leider der Onkel Franz hat keine gute Hand f\u00fcr so was, ich h\u00e4tte ihm garnicht davon reden sollen.<br \/>\nAber schlie\u00dflich wenn diese Unentschiedenheit noch ein paar Tage dauert gehe ich vielleicht doch noch hinein Ich versteh nur nicht, warum er Dich nicht einberufen kann, nachdem er Dir so schon einen Ersatz geschickt hat. Du bist dadurch \u00fcberfl\u00fc\u00dfig geworden<span style=\"color: #333399;\"> [\u2026]<\/span>, also mu\u00df er Dir doch eine andere Bestimmung zuweisen, Du kannst doch nicht ewig u. 3 Tage dort sitzen bleiben. Gott ich zerbrich mir schon seit Sonntag wieder den Kopf, wie das alles werden wird.<br \/>\nNun mu\u00df ich aber schnell Schlu\u00df machen, damit meine neue Donna <span style=\"color: #333399;\">[ein neues Dienstm\u00e4dchen]<\/span> (die sich \u00fcbrigens sehr gut einf\u00fchrt)* mir den Brief noch heute auf die Post bringt. Also liebster liebster Poldi, erl\u00f6s mich bald von aller Qual und sei 1000mal umarmt u. gek\u00fcsst von Deinem trostlosen Weibi.<br \/>\n* Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht viel denn alle neuen Besen kehren gut.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 14 I<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> N\u00e4chster Eintrag aus der Korrespondenz von Christine und Leopold Wolf <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=33541\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 19. April 2018<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\"> Voriger Eintrag aus der Korrespondenz von Christine und Leopold Wolf <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=33503\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 16. Februar 2018<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zur Feldpostkorrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf siehe auch: Christa H\u00e4mmerle: Schau, da\u00df Du fort kommst! Feldpostbriefe eines Ehepaares. In: Christa H\u00e4mmerle: Heimat\/Front. Geschlechtergeschichte\/n des Ersten Weltkriegs in \u00d6sterreich-Ungarn, Wien\/K\u00f6ln\/Weimar 2013, S 55-83.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Kriegsfotoalbum von Leopold Wolf siehe <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/kriegsfotoalbum-aus-der-hinterlassenschaft-von-leopold-wolf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Das Ehepaar Wolf war verwandt mit der Familie von Louise und Adolf M\u00fcller, SFN NL 14 III, die<\/span> <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=33642\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in ihrer Feldpost auch Bezug auf sie nahmen (Link).<\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 127, Brief von Christine an Leopold Wolf, Datum, SFN NL 14 I, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christine Wolf (geb. Lang, geb. 1891) aus Wien war verheiratet mit dem Architekten Leopold Wolf (geb. 1891). Als Soldat hatte der 27-J\u00e4hrige inzwischen den Rang eines Oberleutnants bei der Artillerie inne, wo er im Fr\u00fchling 1918 als \u201eAutooffizier\u201c an Kriegsschaupl\u00e4tzen im Osten eingesetzt war. 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