{"id":34462,"date":"2018-09-16T02:59:56","date_gmt":"2018-09-16T02:59:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=34462"},"modified":"2022-07-06T14:45:01","modified_gmt":"2022-07-06T14:45:01","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-1xx-feldpostkarten-von-adolf-mueller-an-seine-ehefrau-16-september-bis-1918-aus-der-gegend-von-sbarasch-in-der-ukraine-nach-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=34462","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 135: Feldpostkarten von Adolf M\u00fcller an seine Ehefrau und den kleinen Sohn, 16. September bis 11. Oktober 1918 aus der Gegend von Lublin in Ostpolen nach Wien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1918-09-16.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-34463 size-thumbnail\" title=\"Adolf an Louise M\u00fcller, 16. September 1918, SFN NL 14 III [Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken]\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/1918-09-16-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"><\/a> <span style=\"color: #333399;\">Adolf M\u00fcller (geb. 1881) war in der Kriegsverwaltung t\u00e4tig. Im September 1918 war er aus der Gegend von Sbarasch in der Ukraine nach Ostpolen versetzt worden. Seine Familie war inzwischen aus der Sommerfrische in Slavonien (Kroatien) wieder nach Wien zur\u00fcckgekehrt. In den Schreiben aus dem Sp\u00e4tsommer und Herbst 1918 kommt zunehmend die Kriegsverdrossenheit und der Wunsch nach einem Ende des nun bereits mehrere Jahre dauernden Situation der Trennung zur Sprache. Gegen\u00fcber seiner Ehefrau skizzierte der Beamte auch Strategien, wie sie beide in der Zukunft das Familieneinkommen m\u00f6glicherweise gemeinsam bestreiten k\u00f6nnten. Dem kleinen Sohn malte er zu dessen Geburtstag das kulinarische Schlaraffenland aus, das Wien in Friedenszeiten war \u2013 und das es wieder werden w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p>16.\/IX.18<br \/>\nLiebe Louise!<br \/>\nDie \u00dcbersiedlung ist schneller von Statten gegangen, als ich gef\u00fcrchtet hatte. Gestern n.m. gegen 7 h fuhren wir von Lemberg weg u. waren heute 3 h morgens an Ort und Stelle um 5 h begann die Auswaggonierung \u2013 es lag dichter Nebel rings herum \u2013 gegen 9 h setzten sich die Fuhrwerke in Bewegung und nach vielleicht weiteren 20 Minuten waren wir an Ort &amp; Stelle. Wir sind in Kasernen untergebracht die \u2013 vielleicht 1\/2 Stunde au\u00dferhalb der Stadt gelegen \u2013 so in Pavillonform, \u00e4hnlich dem Wr. Versorgungsheim in Liesing <span style=\"color: #333399;\">[im S\u00fcden von Wien]<\/span> angelegt sind, jedes einzelne Geb\u00e4ude h\u00f6chstens f\u00fcr 1 Halbkomp. Ich war jedenfalls, wie ich das Ganze sah, sehr angenehm entt\u00e4uscht. Lebensmittel sollen auch in der Stadt zu kaufen sein, nur noch viel teurer, als in Galizien! H. R. ist, glaube ich, in Lublin, das ist nicht weit weg von hier, wenn ich auf Urlaub fahre mu\u00df ich \u00fcber Lublin &amp; auch \u00fcber Jedrzejow (1914\/15) fahren! Wenn ich nur schon wieder auf Urlaub fahren k\u00f6nnte! Na vielleicht in 5 Monaten! Bis dahin ade, ihr Lieben<br \/>\nAdolf <span style=\"color: #333399;\">[quer \u00fcber den Text geschrieben]<\/span><\/p>\n<p>17.\/IX.18<br \/>\nLiebe Louise!<br \/>\nWenn deine \u00dcbersiedlung so glatt abgelaufen ist, wie die unsere, kann ich dir nur gratulieren. Ich bin, nach den Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe, mit dem Tausche zufrieden, in dem Punkte d\u00fcrftest du mir wohl widersprechen, hoffentlich ists in Wien jetzt doch wenigstens besser, als im Sommer vor der Ernte<span style=\"color: #333399;\"> [vermutlich in Bezug auf die Lebensmittelsituation]<\/span>. R. schrieb mir, dass er in den n\u00e4chsten Tagen nach Wien kommen d\u00fcrfte &amp; dich besuchen wird, ich habe meine Antwort an seine Wr. Adresse gerichtet. Auch Tante Marta schrieb mir, dass sie meine bzw. deine Gl\u00fcckw\u00fcnsche erhalten habe &amp; dass sie dir an die Wr. Adresse Antwort schicken wird. Nur Familie Lang <span style=\"color: #333399;\">[die Eltern der Cousine <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=33541\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Christl Wolf<\/a>]<\/span> h\u00fcllt sich nach wie vor in Schweigen, das ich jedoch nicht mehr unterbrechen werde und wenn es bis zum n\u00e4chsten Urlaub dauern sollte!! Hast du viel Mehl &amp; Fett mit hineingenommen <span style=\"color: #333399;\">[aus Nasice in Kroatien nach Wien]<\/span>. Und hast du es heil \u00fcber die Grenze gebracht? Hast du nicht Frau A. ersucht dir, so wie Tante M. von Zeit zu Zeit 1 kg Packerln zu senden? Was ists mit Unterst\u00fctzung?<br \/>\nDas alles interessiert sehr euren Vater<\/p>\n<p>18.\/IX.18<br \/>\nLiebe Louise!<br \/>\nDeine Karte nebst Photographie habe ich heute erhalten und ersehe aus der letzteren, dass du sehr gut aussiehst, weniger gut sieht Otto aus <span style=\"color: #333399;\">[der \u00e4ltere Sohn im Volksschulalter]<\/span>, der so schwarze Ringe um die Augen hat. Dem h\u00e4tte es nicht geschadet, wenn er recht viel Milch getrunken h\u00e4tte, gelungen ist nur, dass Tante Gisela b\u00f6se ist, weil <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> wir bei ihr nicht Speichel lecken wollen, aber nur getrost, auf einen Brief von mir kann sie lange warten. Und wenn sie noch so b\u00f6se ist, das kr\u00e4nkt mich sehr wenig. Wer meine Korrespondenzen konstant keiner Antwort w\u00fcrdigt, der soll sich nicht beklagen, dass ich mich ihm mit meiner Korrespondenz l\u00e4stig falle. Wie ist das Leben jetzt in Wien. Im Vergleich zu N. <span style=\"color: #333399;\">[Nasice]<\/span> jedenfalls schlecht. Jetzt musst du halt von dem angesammelten Speck zehren.<br \/>\nGruss und Kuss dir und Kindern von eurem Vater.<!--more--><\/p>\n<p>22.\/IX.18<br \/>\nLiebe Louise!<br \/>\nIch warte gestern voll Ungeduld auf die versprochene Entscheidung in der U.B. Sache <span style=\"color: #333399;\">[das Ehepaar bem\u00fchte sich seit l\u00e4ngerer Zeit um eine Gehaltserh\u00f6hung bzw. Erh\u00f6hung der Unterst\u00fctzungszahlungen]<\/span>, jedoch vergeblich, das heiss ersehnte Schriftst\u00fcck kam nicht an. Nur glaubte ich aus deiner Mitteilung auch schon eine gewisse Resignation mitklingen zu h\u00f6ren, also meine Hoffnungen sind nicht allzu hoch gespannt. Schliesslich muss man Gott f\u00fcr alles danken, und wenn du nur so viel bekommst, dass du monatlich einmal den Ofen putzen lassen kannst, ist es auch nicht zu verachten. Das heisst, das Gasrohr ausblasen lassen, wollte ich schreiben. Warum bin ich kein kriegsuntauglicher Installateur, da k\u00f6nnte ich mir mehr verdienen, als ein H. K. Direktor. Die Friedenshoffnungen haben durch die Antworten der feindlichen Staatsm\u00e4nner wieder eine betr\u00e4chtliche \u2013 Watschen sagt der Wiener \u2013 bekommen.<br \/>\nNa, nur so fort. Gruss, Kuss Adolf<\/p>\n<p>30\/IX.18<br \/>\nLiebe Louise!<br \/>\nDeine Karte vom 27.\/IX habe ich heute erhalten &amp; entnehme aus derselben nur so viel, dass du dieselbe in sehr aufgeregter Stimmung geschrieben haben musst. Du schimpfst \u00fcber den Staat, schimpfst \u00fcber die Gemeinde, es fehlt nicht viel, so schimpfst du \u00fcber unseren Herrgott. Aber tr\u00f6st dich, solange, als er schon dauert, kann der Krieg nicht mehr dauern und wenn er erst vor\u00fcber ist, und wir haben das &#8222;letzte Kraut&#8220; verputzt, ist mir gar nicht bange, wir werden uns schon wieder erholen, ich nehme Stunden in der Handelsschule. Du putzt flei\u00dfig Mascherln auf <span style=\"color: #333399;\">[Arbeit als Modistin]<\/span> &amp; wir werden im Gelde schwimmen?! Aber nur aus sollte er schon sein der \u2013 Krieg. Na vielleicht haben wir Gl\u00fcck, dass er heuer zu Weihnachten hei\u00dfen wird: Frieden den Menschen auf Erden!<br \/>\nGru\u00df und Ku\u00df Adolf<\/p>\n<p>6.\/X.1918<br \/>\nLiebe Louise!<br \/>\nHeute erhielt ich deine Karte vom 4.\/X. (!) und die 50 K, auch eine Karte von Otto aus Langenlois. Aus der ersteren entnehme ich, dass ihr in Wien die Lage genau so optimistisch beurteilt, wie wir herau\u00dfen. Vielleicht bewahrheitet sich doch meine Hoffnung, die ich beim Eintritt des Jahres 18 (Silvesterspruch) ausdr\u00fcckte &#8222;das Christkind bracht&#8216; aus seiner Gnaden Brunnen des kommenden Friedens frohe Hoffnung dar, vollende, Neujahr du, was es begonnen und werde du ein frohes Friedensjahr!&#8220; Zeit w\u00e4r&#8217;s endlich einmal. Aber dann wollen wir das, was wir vers\u00e4umt haben in den 4 Jahren, nachholen. Denn gar sehr viel Zeit haben wir nimmer! Das oder die ersten Jahre wird&#8217;s ohnehin noch schlecht ausschauen \u2013 aber dann!!<br \/>\nEinstweilen schickt viele Bussi euer Vater<\/p>\n<p>8.\/X.18<br \/>\nLieber Friedl! <span style=\"color: #333399;\">[der j\u00fcngere Sohn]<\/span><br \/>\nIn einigen Tagen j\u00e4hrt sich zum 5.male der Tag, an dem Dich der Storch beim Fenster hereinschupfte. Aus diesem Anlasse w\u00fcnsche ich dir nur, da\u00df die kommenden Jahre in jeder Beziehung besser werden, als die verflossenen. Also du hast das noch nicht gesp\u00fcrt, denn dir ists noch nicht so gut gegangen, wie es uns fr\u00fcher allen und immer gegangen ist. Aber du wirst erst sehen, wie man in Wien lebt, wenn kein Krieg ist: In der Fr\u00fche Milchkaffee mit einer reschen Kaisersemmel, Vormittag ein Schuster Laberl mit Butter oder Liptauer <span style=\"color: #333399;\">[Topfenaufstrich]<\/span> aufgestrichen, da\u00df dirs Fett bei den Mundwinkeln herunterrinnt. Zu Mittag ein saftiger Kouschelspitz <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span>, als Mehlspeis ein Kaiserschmarrn oder ein paar km Topfenstrudel \u2013 u.s.fort mit Grazie! Na tr\u00f6st dich bis du in die Schule gehst, werden wir, hoffe ich, schon wieder so oder wenigstens \u00e4hnlich leben. Also la\u00df dirs zu deinem Geburts<span style=\"color: #333399;\">[tag]<\/span> so gut ergehen, als es jetzt bei der Zeit m\u00f6glich ist.<br \/>\nViele Bussi von deinem Vater<\/p>\n<p>11.\/X.<br \/>\nLiebe Louise!<br \/>\nWenn sich deine in der Karte vom 7.\/X. ausgesprochene Hoffnung verwirklicht hat, hast du heute zum 1. Male aus der K. K. <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span> gegessen. Na, wie hats geschmeckt? Die Antwort kannst du mir m\u00fcndlich geben, ich hoffe im Laufe der kommenden Woche hineinzukommen, zum Dolmetscherkurs beim A.O.K. <span style=\"color: #333399;\">[Adolf M\u00fcller verfolgte den Plan, vom Fronteinsatz abgezogen zu werden. Eine Idee dazu war, sich als Dolmetscher ausbilden und einsetzen zu lassen.] <\/span>Und wenn ich erst einmal <span style=\"color: #333399;\">[in Wien] <\/span>drinnen bin, will ich schon alle Anstrengungen machen, nicht so rasch wieder herausgeschickt zu werden. \u00dcbrigens kommt jetzt ohnehin der Friede (aber wann!), also sind die schlimmsten Zeiten vor\u00fcber. Da\u00df du f\u00fcr Friedel <span style=\"color: #333399;\">[den j\u00fcngeren Sohn]<\/span> den Unterhaltsbeitrag bekommst, ist jedenfalls auch nicht zu verachten, auf alle F\u00e4lle besser, als nichts! Gretel hat auch die spanische Grippe, offenbar von der Schule! Ist Ottos <span style=\"color: #333399;\">[der \u00e4ltere Sohn]<\/span> Schule auch geschlossen? Schmalz ist hier fast so teuer wie in Wien, 80 K der kg, aber ich werde trachten Speise\u00f6l mitbringen, hoffentlich ist das zu menschlichen Preisen zu bekommen.<br \/>\nGru\u00df Ku\u00df Adolf<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 14 III<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Kein weiterer Eintrag mehr aus der Korrespondenz von Adolf und Louise M\u00fcller: Die Karte von 11. Oktober 1918 ist das sp\u00e4teste im Nachlass erhaltene Schriftst\u00fcck<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Voriger Eintrag aus der Korrespondenz von Adolf und Louise M\u00fcller<a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=34512\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> am 27. August 1918<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zur Feldpost des Ehepaars M\u00fcller siehe weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/feldpostkarten-aus-der-hinterlassenschaft-von-adolf-mueller\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Das Ehepaar M\u00fcller war nahe verwandt mit der Familie von Leopold Wolf und Christl Lang, SFN NL 14 I.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 135, Briefe von Adolf an Louise M\u00fcller, Datum, SFN NL 14 III, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adolf M\u00fcller (geb. 1881) war in der Kriegsverwaltung t\u00e4tig. Im September 1918 war er aus der Gegend von Sbarasch in der Ukraine nach Ostpolen versetzt worden. Seine Familie war inzwischen aus der Sommerfrische in Slavonien (Kroatien) wieder nach Wien zur\u00fcckgekehrt. 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