{"id":35908,"date":"2018-11-10T01:16:30","date_gmt":"2018-11-09T23:16:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=35908"},"modified":"2022-07-06T12:25:22","modified_gmt":"2022-07-06T12:25:22","slug":"der-erste-weltkrieg-in-selbstzeugnissen-auszuege-aus-den-bestaenden-der-sammlung-frauennachlaesse-nr-141-tagebuch-von-bernhardine-alma-10-und-11-november-1918-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=35908","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus den Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 140: Tagebuch von Bernhardine Alma, 10. und 11. November 1918, Wien"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1918-11-10-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-35929 size-thumbnail\" title=\"Tagebuch von Bernhardine Alma, 11. November 1918, SFN NL 9 I\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-09-Alma-Bernhardine-1918-11-10-1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Die junge Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) schilderte in ihrem umfangreichen Tagebuch im Sp\u00e4therbst 1918 einerseits ihre Wege, Aufwendungen und Strategien, f\u00fcr den Familienhaushalt ausreichend Lebensmittel und Kohlen zu bekommen. Andererseits dokumentierte sie die rasanten politische Entwicklungen sowie die Unsicherheiten \u00fcber deren Ausgang. Gleichzeitig formulierte sie auch ihre Wunschvorstellungen von ihrer eigenen beruflichen Zukunft. Dabei wurden die Schilderungen der politischen Ereignisse von pers\u00f6nlichen \u00fcberlagert &#8211; und sie berichtete etwa am 11. November 1918 ausf\u00fchrlicher vom \u00fcberraschend m\u00f6glich gewordenen Wiedersehen mit dem als Soldat einger\u00fcckten Geliebten, als vom Ende der Habsburgermonarchie.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>10. November 1918. Sonntag, Nachmittag.<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span> Schreibend esse ich ein St\u00fcckel von dem Powidelbrot, das ich gestern gemacht habe. \u2013 Gestern Steg, Donau<span style=\"color: #333399;\"> [verschiedene Lebensmittell\u00e4den]<\/span>; Nachmittag ging ich in die Stefanskirche zu meinem ehemaligen Samstaggeistlichen. Er erkannte mich wieder, erinnerte sich noch an so viel und war wieder reizend! Sehr reizend. \u2013 Gott ist so unendlich gut; es ist am besten, Ihm alles zu \u00fcberlassen; Er wird ja auch das Schicksal unsres <span style=\"color: #333333;\">armen<\/span> Vaterlandes leisten. In Deutschland haben sie eine <span style=\"color: #333333;\">ordentliche <\/span>Revolution; der Wilhelm ist gegangen, die Republik ausgerufen u.s.w. Alles ruht in Gottes Hand. Und wenn Er jetzt auch schwere Zeiten \u00fcber uns schickt, so wird auch die Erl\u00f6sung kommen. Man mu\u00df nur hoffen wollen und dann kann man es auch!<br \/>\nAuf Nachricht vom Jaro<span style=\"color: #333399;\"> [Geliebter der Schreiberin im Fronteinsatz, von dem die Schreiberin schon l\u00e4ngere Zeit keien Nachricht hatte]<\/span> warte ich schon sehr, weil ich so gerne die Sicherheit haben m\u00f6chte, da\u00df ihm in den letzten Kriegstagen, bei der Meuterei unserer Truppen u.s.w. nichts geschehen ist, weil ich schon wissen will, was nun mit ihm geschieht. \u2013 Die Obstltin <span style=\"color: #333399;\">[Abk\u00fcrzung f\u00fcr &#8222;Frau Oberstleutnant&#8220;, eine Bekannte der Familie]<\/span> hat gesagt, wenn ich heirate, zieht sie mich an, vom Kopf bis Fu\u00df mu\u00df ich wie \u201eein Zuckerl\u201c aus schauen. Na ja! Sie war heute wieder sehr liebensw\u00fcrdig. <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span><br \/>\nHeute beichtete ich nochmals beim <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span>, der sehr lieb war, diesmal K\u00fc\u00dfte ich ihm die Hand, empfing vom Pfarrerl die heilige Communion. Gott ist unendlich gut! Mit der diesmaligen W\u00e4sche bin ich noch nicht ganz fertig, aber es fehlt nur noch ein kleines bisserl. Ich hab ein liebes erwartungsvolles Gef\u00fchl, wof\u00fcr ich Gott sehr, sehr danke!<br \/>\nWillst du dir ein h\u00fcbsch Leben zimmern \/ Mu\u00dft dich ums Vergangne nicht k\u00fcmmern \/ Das Wenigste mu\u00df dich verdrie\u00dfen \/ Mu\u00dft stets die Gegenwart genie\u00dfen \/ Besonders keinen Menschen hassen \/ Und die Zukunft Gott \u00fcberlassen!<br \/>\nIch will zum Theater <span style=\"color: #000080;\">[als Schauspielerin]<\/span>! Ich bin aber nicht mehr so dumm, da\u00df ichs beim blo\u00dfem Willen lasse, sondern werde mich eben pr\u00fcfen &amp; dann ausbilden lassen, eventuell ohne Wissen der Eltern! Dann werden ja doch stolz sein auf ihre ber\u00fchmte Tochter. Der Trieb, den Gott in Jedem schuf, ist sein nat\u00fcrlicher Beruf! D.W.g.! <span style=\"color: #333399;\">[Dein Wille geschehe]<\/span><\/p>\n<p>11.\/ XI. 18. abends<br \/>\nWas werde ich morgen hereinschreiben?<!--more--><br \/>\nGott ist so, so, so, so gut! \u2013 Heute Steg; O.F.T. <span style=\"color: #333399;\">[verschiedene Kaufl\u00e4den].<\/span> Mariuserl<span style=\"color: #333399;\"> [j\u00fcngerer Bruder der Schreiberin]<\/span> hat mir gesagt, da\u00df w\u00e4hrend ich <span style=\"color: #333399;\">[einkaufen war]<\/span>, mein \u2013 Jarerl <span style=\"color: #333399;\">[Jaro G.]<\/span> ein bisserl da war, er ist in Wien, verwundet, kommt morgen. <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;] <\/span>Ma <span style=\"color: #333399;\">[die Mutter der Schreiberin]<\/span> will mich damit \u00fcberraschen. Wenn, wenn er nur kommt! Ich hab ihn ja doch so gern! Nun merke ich wieder, wie gern ich ihn habe, wie ich mich noch nach ihm sehne! Ich wu\u00dfte nicht mehr, da\u00df ich ihn so gern habe. Nachmittag war ich am Nordbahnhof wegen Kohlen erfolglos. Mir ist die Kohlenwirtschaft so eklig. Am Nordbahnhof sind eine Menge Soldaten, auch viele Russen. Unser armer Kaiser Karl hat abgedankt. \u201eDer Not gehorchend, nicht dem eigener Trieb!\u201c Vielleicht setzt ihn die Entente wieder ein! Heut war die Tante Hedwig Nachmittag da \u2013 Die Obstlin kommt so ziemlich alle Tage. Ich m\u00f6chte die Kohlen erledigt haben. \u2013 Ich w\u00e4re so gl\u00fccklich, wenn mein Jarel morgen k\u00e4me. <span style=\"color: #333399;\">[&#8230;]<\/span> \u2013 Zum Theater will ich ja aber doch! D.W.g.! \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 09<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">N\u00e4chster Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=37351\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 12. Novembr 1918<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Voriger Eintrag aus dem Tagebuch von Bernhardine Alma <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=35902\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 24. Oktober 2018<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333399;\">Zum Tagebuch von Bernhardine Alma im Ersten Weltkrieg siehe auch: Ulrike Seiss, \u201c\u2026 ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!\u201d Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und M\u00e4nnlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg, Wien, Diplomarbeit, 2002 sowie weiters <a href=\"https:\/\/ww1.habsburger.net\/de\/erinnerungen\/tagebuch-aus-der-hinterlassenschaft-von-bernhardine-alma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ww1.habsburger.net\/de.<\/a><br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 140, Tagebuch von Bernhardine Alma, Datum, SFN NL 09, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die junge Wienerin Bernhardine Alma (geb. 1895) schilderte in ihrem umfangreichen Tagebuch im Sp\u00e4therbst 1918 einerseits ihre Wege, Aufwendungen und Strategien, f\u00fcr den Familienhaushalt ausreichend Lebensmittel und Kohlen zu bekommen. 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