{"id":37253,"date":"2018-12-29T02:32:19","date_gmt":"2018-12-29T00:32:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=37253"},"modified":"2022-05-24T08:57:11","modified_gmt":"2022-05-24T08:57:11","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-xx-briefe-von-clara-ducraux-an-ihre-schwaegerin-29-dezember-1918-aus-gilamont-ch-nach-chemnitz-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=37253","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Nachl\u00e4ssen von Frauen Nr. 145: Briefe von Clara Ducraux an ihre Schw\u00e4gerin, 29. Dezember 1918 aus Gilamont\/CH nach Chemnitz\/DE"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-177-Lili-Stephani-1914-Handschrift-von-Lili-Stephani-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-37255 size-thumbnail\" title=\"Handschrift von Lilli Stephani, 1914, SFN NL 177\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-177-Lili-Stephani-1914-Handschrift-von-Lili-Stephani-2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Clara Ducraux (geb. 1860) war in Sachsen aufgewachsen, lebte mit ihrer Familie aber in Gilamont (Vevey) am Genfersee in der Schweiz. Im Brief zum Jahreswechsel 1918\/19 an ihre j\u00fcngere Schw\u00e4gerin Lili Stephani (geb. 1869) in Sachsen dr\u00fcckt sie ihre Empfindungen als \u201eDeutsche\u201c nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und in den v\u00f6llig ver\u00e4nderten politischen Verh\u00e4ltnissen aus. Aus dem umfangreichen Nachlass der Familie Stephani liegen mehrere hundert Korrespondenzst\u00fccke vor, die eine Nachfahrin als Abschrift der Sammlung Frauennachl\u00e4sse zur Verf\u00fcgung gestellt hat.<\/span><\/p>\n<p>29. Dezember 1918<br \/>\nMeine liebe Lili!<br \/>\nWie schwer es mir f\u00e4llt Euch zu schreiben, kannst Du Dir vorstellen. Noch nie erlebte ich ein so trauriges Weihnachten; gl\u00fccklicherweise waren wir unter uns, denn ich k\u00e4mpfte best\u00e4ndig mit den Tr\u00e4nen. Meine Gedanken eilten wohl zu Ren\u00e9 <span style=\"color: #333399;\">[Sohn der Schreiberin, 1898-1918]<\/span>, der ein Jahr vorher auf einer Bahre unter den Christbaum getragen wurde und auf ein Doppelfest im Jahre 1918 hoffte, aber ich wei\u00df ihn wohl geborgen bei seinem Heilande, den er so kindlich geliebt hat. Mein Schmerz bezog sich auf mein zertr\u00fcmmertes Vaterland; ich sah im Geiste all die Tr\u00e4nen, die unter jedem Weihnachtsbaum des gro\u00dfen Deutschen Reiches vergossen wurden; f\u00fchlte die Entbehrungen der Kinder, die mir lieb und teuer sind, ohne ihnen helfen zu k\u00f6nnen. Ich mu\u00dfte aufh\u00f6ren die sp\u00f6ttelnden, schadenfrohen Zeitungen zu lesen, ich w\u00e4re wahnsinnig dar\u00fcber geworden. Was ich seit dem 11. November unter dem Siegesjubel der Hiesigen, die mit den Internierten wetteiferten; unter der Feigheit der hier ans\u00e4ssigen Deutschen gelitten habe, kann ich nicht beschreiben. Das Milit\u00e4r mu\u00df eben doch entsetzlich in Belgien gew\u00fctet haben, dortige Heilsarmeeoffiziere erz\u00e4hlen sogar davon und f\u00fcr einige grausame F\u00fchrer mu\u00df nun ein ganzes, unschuldiges Volk leiden. Mit ist noch so vieles unklar und was w\u00fcrde ich daf\u00fcr geben, einen Deutschen ausfragen zu k\u00f6nnen. Stellst Du Dir vor, welches Leid f\u00fcr die Heimgekehrten, die w\u00e4hrend vier Jahren umsonst rangen; g\u00f6nnst Du nicht auch Hermann und Curt <span style=\"color: #333399;\">[Ehemann und Sohn der Adressatin, Bruder und Neffe der Schreiberin, beide get\u00f6tet 1914]<\/span> die Ruhe, diesem Schmerz nicht erleben zu m\u00fcssen? Nun werden wir wohl ihre Grabst\u00e4tten nicht mehr aufsuchen k\u00f6nnen. Auf wem ruht alle Schuld? Gl\u00fccklich die, welche sich mit dem lebendigen Gott tr\u00f6sten k\u00f6nnen und das ist auch mein Wunsch f\u00fcrs kommende Jahr, da\u00df der Herr durch die Pr\u00fcfung viele zum Glauben f\u00fchre; bei ihm allein ist Gnade und Freude.<br \/>\nDu hast vielleicht von unserem Generalstreik gelesen, der durch die Grippe \u00fcber 1000 Soldaten kostete und die Lazarette sind \u00fcberf\u00fcllt mit Kranken. Die Grippe hat auch unter der Zivilbev\u00f6lkerung gro\u00dfe Verheerungen angerichtet. Die Kirchen waren <!--more-->lange geschlossen und s\u00e4mtliche Schulen sind es noch. Gott sei Dank blieben wir bis jetzt verschont, wir h\u00e4tten auch keine Zeit zum Kranksein! Die A. feierten Weihnachten unter sich mit Edith R., die vom Roten Kreuz einige Tage Urlaub erhielt. Marguerite <span style=\"color: #333399;\">[vermutlich die Tochter der Schreiberin]<\/span> ist recht herunter vor lauter Verpimpelei ihrer Spr\u00f6\u00dflinge; sie hat so ganz die R.\u2019sche Treibhauserziehung angenommen, was ihr und den Kindern schadet. An Sylvester kommen alle vier auf ein paar Tage, dann soll sie sich ausruhen. El\u00e9onore <span style=\"color: #333399;\">[vermutlich eine zweite Tochter der Schreiberin]<\/span> ist immer vergn\u00fcgt und singt den ganzen Tag, trotz vieler Arbeit ohne M\u00e4dchen \u2013 wir f\u00fchlen uns so wohl nur unter uns. Wir w\u00fcnschen uns aber sehnlichst passende Frauen f\u00fcr unsere alten Junggesellen; wir k\u00f6nnen doch nicht ewig ihre Str\u00fcmpfe und Hosen flicken! \u2013<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 177<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Kein weiterer Eintrag aus diesem Nachlass der Familie Stephani.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Voriger Eintrag aus dem Nachlass von Familie Stephani <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=35114\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 23. September 2018<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 145, Brief von Clara Ducraux an Lili Stephani, 29. Dezember1918, SFN NL 177, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clara Ducraux (geb. 1860) war in Sachsen aufgewachsen, lebte mit ihrer Familie aber in Gilamont (Vevey) am Genfersee in der Schweiz. Im Brief zum Jahreswechsel 1918\/19 an ihre j\u00fcngere Schw\u00e4gerin Lili Stephani (geb. 1869) in Sachsen dr\u00fcckt sie ihre Empfindungen als \u201eDeutsche\u201c nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und in den v\u00f6llig ver\u00e4nderten politischen Verh\u00e4ltnissen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-37253","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-edition-wk1-in-selbstzeugnissen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37253","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37253"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37253\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63684,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37253\/revisions\/63684"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=37253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=37253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}