{"id":37264,"date":"2019-01-18T15:19:47","date_gmt":"2019-01-18T13:19:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=37264"},"modified":"2022-05-24T08:56:05","modified_gmt":"2022-05-24T08:56:05","slug":"37264","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=37264","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Nachl\u00e4ssen von Frauen Nr. 147: Korrespondenz von Maria und Adolf E., 18. bis 21. J\u00e4nner 1919, Steiermark"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-174-Handschrift-Maria-E-ohne-Datum-1915-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-34276 size-thumbnail\" title=\"Handschrift von Maria E. aus 1914, SFN NL 174\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-174-Handschrift-Maria-E-ohne-Datum-1915-2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><span style=\"color: #333399;\">Maria und Adolf E. waren seit 1913 verheiratet und Eltern von vier kleinen Kindern. Anfang 1919 \u00fcbersiedelte Adolf E. in eine steirische Bezirkshauptstadt, um hier eine Rechtsanwaltskanzlei zu er\u00f6ffnen. Maria E. blieb mit den Kindern vorerst am bisherigen Wohnort, wo auch ihre Herkunftsfamilie lebte, mit der sie im engen Kontakt war. In der Korrespondenz des Paares aus diesen Wochen geht es um die Organisation der neuen Situation, aber auch um die Versorgung mit Lebensmittel, die st\u00e4ndigen Krankheiten der Kinder \u2013 sowie auch um die bevorstehenden ersten Wahlen zur konstituierende Nationalversammlung f\u00fcr Deutsch\u00f6sterreich im Februar 1919. Diskutiert wurde dabei die Kandidatur einer &#8222;Frauenpartei&#8220;, Adolf E. selbst engagierte sich f\u00fcr die christlich-soziale Partei. Die Briefe liegen in der Sammlung Frauennachl\u00e4sse &#8211; in Ausz\u00fcgen &#8211; als Abschriften vor.<\/span><\/p>\n<p>18. J\u00e4nner 1919<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Meine liebe Maria!]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> Am Abend meines ersten Tages hier will ich Dir kurz berichten; vorher aber Dir sagen, da\u00df ich voll gesundem Optimismus den heutigen Tag als den Beginn der aufw\u00e4rtsgehenden Linie betrachte: sobald eine Wohnung aufgetrieben u. die Verpflegung sichergestellt, kommst Du u. wirst hier gesund und die Kinder pausbackig. Beruflich, so hoffe ich fest, wird es uns wenigstens so gehen, da\u00df die Hungerzeiten zu Ende sind. In diesem Sinne, gelt meine Maria!<br \/>\nNun zu dem, was alles vorgekommen. Ich kam allein nach <span style=\"color: #333399;\">[Stadt]<\/span>, mein Fr\u00e4ulein hat den Zug vers\u00e4umt u. kam erst nachmittags. Ich habe inzwischen in der Kanzlei einger\u00e4umt. Der Wagen kam erst nach 2 Uhr, durch den Schnee hat der Kasten etwas gelitten, doch nicht besonders, sonst war alles in Ordnung <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Dein Adolf]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">[Stadt]<\/span>, am 20. J\u00e4nner 1919<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Mein lieber Adolf!]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> Hast Du schon Klienten? <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> \u00dcbrigens sagte unl\u00e4ngst ein <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> Bauer <span style=\"color: #333399;\">[in der neuen Umgebung]<\/span> zum S. Kramer \u201eIch mu\u00df schon zum Dr. E. gehen, der soll recht t\u00fcchtig sein!\u201c Mutter l\u00e4\u00dft daher fragen, ob sich die Klienten schon \u201eangestellt\u201c haben? \u2013 <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nDoch nun was anderes. Mutter hatte mit dem Geburtstagsgeschenk gro\u00dfe Freude. Die 2 Buben sagten schnell ein Gedicht auf und bekamen daf\u00fcr den ganzen Festtag Lebzelt. Nur etwas tr\u00fcbte den Tag, da\u00df die Kinder im Spital schlechter geworden sind. Sonntag schon erhielten wir telephonisch die Auskunft, da\u00df beide fiebern, Karlis Gesicht angeschwollen ist. Gestern ging Mutter selber fragen in Begleitung Adolfi\u2019s <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1913]<\/span> und Nussis <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1914]<\/span>. Hedwig <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1915]<\/span> ist schon besser.<br \/>\nDoch Karli <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1917]<\/span> hatte bereits in der Fr\u00fche 38.7\u00b0. Die Geschwulst, von der der Arzt nicht wei\u00df, woher sie kommt, ist zwar abgelaufen. Doch kann er die Ursache des Fiebers nicht finden! Gottlob, da\u00df es nicht Nierenentz\u00fcndung ist \u2026 <span style=\"color: #333399;\">[Die zwei j\u00fcngeren Kinder waren derzeit an Scharlach erkrankt und daher im Krankenhaus.]<\/span><br \/>\nPetroleum habe ich noch immer nicht. Frl. F. telephonierte, sie bek\u00e4me es nur, wenn sie 1 kg T\u00fcrkenmehl <span style=\"color: #333399;\">[Polenta]<\/span> daf\u00fcr gibt [\u2026]<!--more--><br \/>\nHeute hat Nusserl eine gro\u00dfe Freude. \u201eMama, Mama\u201c, schrie er von unten kommend, \u201edie Gro\u00dfmama hat eine Kuh!\u201c Immer will er sie sehen! Es soll ein sch\u00f6nes Tier sein, die jetzt halt nur \u00bc l t\u00e4glich gibt. Die gro\u00dfe Ziege und der kleine Bock sind schon verkauft [\u2026]<br \/>\nMein Lieb! Der erste Brief in Deinem neuen Wirkungskreise, der erste Brief im neuen Lebensabschnitte! Und er klingt so gesch\u00e4ftlich, da\u00df ich selber ganz b\u00f6se dar\u00fcber bin! Aber er ist nur deswegen so, damit Du nicht glaubst, ich bin wieder \u201eso \u00e4ngstlich\u201c wegen Karli! Und das t\u00e4te Dich doch \u00e4rgern!! Nein, mein lieber, lieber Adolf! Ich bin bestimmt stark und hoffe, da\u00df es wieder besser wird. Schon, hat das \u201eZarterl\u201c doch schon soviel ausgehalten! Und Gott wird sicher helfen!<br \/>\nIch hoffe ja auch, da\u00df mein Fieber bald aufh\u00f6rt <span style=\"color: #333399;\">[Maria E. war an TBC erkrankt]<\/span>. Es wird doch nicht schlechter, folglich mu\u00df es ja besser werden! Gelt? Die Kinder beten immer lieb f\u00fcrs j\u00fcngste Br\u00fcderchen, besonders das \u201eNusserl\u201c.\u2013 <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nHast Du schon ein Telephon? Da kannst Du Dich ja selber nach den Kindern erkundigen. F\u00fcr alle F\u00e4lle gebe ich Dir vorderhand halt t\u00e4glich kurz Nachricht. Ist es recht?<br \/>\nUnd nun gr\u00fc\u00dfe ich Dich an Deinem Wirkungsort! Hoffentlich k\u00f6nnen wir Dir recht, recht bald folgen, damit wir gemeinsam Freud und Leid erleben, Zusammenhelfen, -wirken &#8211; und arbeiten, wie wir ja zusammengeh\u00f6ren! Ich will ja so gern gesund werden, damit ich wieder ein wenig n\u00fctze, damit ich es Dir und den Kindern behaglich machen kann! \u2013 <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Deine Maria]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">[Stadt]<\/span>, am 21. J\u00e4nner 1919.<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Mein lieber Adolf!]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> Eben ist Luise <span style=\"color: #333399;\">[die Schwester der Schreiberin]<\/span> mit der Nachricht aus dem Spital gekommen: Karli hat 38.1\u00b0 und die Geschwulst ist etwas abgelaufen. Aber er ist munterer als gestern und der Arzt meint, da\u00df es sich um eine Mandelentz\u00fcndung handelt. Hedi hat 37.3\u00b0 und sie ist ganz brav. Ich bin ganz zufrieden und hoffe das Beste <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nDa ich glaube, da\u00df Dich die beiliegende Propagandaschrift interessiert und da Du sicher viel freie Zeit in der Kanzlei hast, schicke ich sie Dir zum Lesen <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nLisl B. fragte mich, was ich dazu sage, da\u00df sie eine eigene politische Frauenpartei zustande bringen wollen mit einer eigenen Frauenliste, wof\u00fcr sich in den verschiedensten Kreisen bereits gro\u00dfe Zustimmung zeige, da der Gedanke sicher gut und aller Unterst\u00fctzung wert sei. Was sagst Du dazu?<br \/>\nWu\u00dftest Du schon davon? <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nIch habe noch immer 37.6\u00b0, aber f\u00fchle mich dabei ganz wohl. Adolfi ist noch immer im Bett, hat heute 37.8\u00b0, ist trotzdem das reinste Gangerl. Da ihm gar nichts weh tut, d\u00fcrfte es sich um eine kleine Verdauungsst\u00f6rung handeln. Die Buben fragen oft nach Dir. Nusserl wird alle Tage gescheiter. Mutter, die vielgeplagte, schickt Dir viele herzliche Gr\u00fc\u00dfe \u2026<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Deine Maria]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 174<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">N\u00e4chster Eintrag aus dem Nachlass von Maria E. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=37273\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 23. J\u00e4nner 2019<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Voriger Eintrag aus dem Nachlass von Maria E. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=34282\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 5. Juni 2018<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In diesem Fall sind auch die Ortsangaben anonymisiert angegeben. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert. Die Briefe des Ehepaars E. liegen in der Sammlung Frauennachl\u00e4sse \u2013 in Ausz\u00fcgen \u2013 als Abschrift vor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 147, Korrespondenz von Maria und Adolf E., Datum, SFN NL 174, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maria und Adolf E. waren seit 1913 verheiratet und Eltern von vier kleinen Kindern. Anfang 1919 \u00fcbersiedelte Adolf E. in eine steirische Bezirkshauptstadt, um hier eine Rechtsanwaltskanzlei zu er\u00f6ffnen. Maria E. blieb mit den Kindern vorerst am bisherigen Wohnort, wo auch ihre Herkunftsfamilie lebte, mit der sie im engen Kontakt war. 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