{"id":37291,"date":"2019-02-21T01:37:05","date_gmt":"2019-02-20T23:37:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=37291"},"modified":"2022-05-24T08:52:24","modified_gmt":"2022-05-24T08:52:24","slug":"der-erste-weltkrieg-in-nachlaessen-von-frauen-nr-149-korrespondenz-von-maria-und-adolf-e-6-bis-8-februar-1919-steiermark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=37291","title":{"rendered":"Der Erste Weltkrieg in Nachl\u00e4ssen von Frauen Nr. 151: Korrespondenz von Maria und Adolf E., 21. und 23. Februar 1919, Steiermark"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-174-Handschrift-Maria-E-ohne-Datum-1915-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-34276 size-thumbnail\" title=\"Handschrift von Maria E. aus 1914, SFN NL 174\" src=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/NL-174-Handschrift-Maria-E-ohne-Datum-1915-2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Anfang 1919 plante Familie E. einen Umzug in eine steirische Bezirkshauptstadt, wo Adolf E. eine Rechtsanwaltskanzlei er\u00f6ffnet hat. Maria E. organisierte die Familie mit vier kleinen Kindern inzwischen alleine, unterst\u00fctzt wurde sie dabei von ihrer Mutter, ihrer Schwester und einem Dienstm\u00e4dchen &#8211; sowie von Lebensmittelsendungen des Ehemannes. In ihrer Korrespondenz sind die anhaltende Nahrungs<\/span><span style=\"color: #333399;\">knappheit ein st\u00e4ndiges Thema, daneben die Scharlach-Erkrankung ihrer Kinder und eine Operation des zweit\u00e4ltesten Buben. Im Februar 1919 wurden auch politische Demonstrationen in der Landeshauptstadt Graz angesprochen &#8211; und die Hoffnung auf eine ruhigere Umgebung am zuk\u00fcnftigen Wohnort.<\/span><\/p>\n<p>21. Februar 1919<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Liebe Maria!]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> F\u00fcr die Karte vom 18. und den Brief vom 19. danke ich. Schau, die Kinder werden schon wieder werden und wenn sogar Dr. S. mit Karli <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1917]<\/span> zufrieden ist, k\u00f6nnen wirs ja auch sein <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nDenk Dir, vorgestern habe ich die erste Bareinahme gehabt, ganze 5 K! Aber langsam wird\u2019s schon werden! Das eine ist sicher, langsam werde ich schon bekannt werden und dann wird es schon gehen, in einem Jahr werden wir wohl noch etwas Schulden aber auch, wie ich hoffe, die Aussichten haben, sie abzusto\u00dfen <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> Milch hoffe ich zu bekommen u. werde sie dann mitbringen, ein ganz kleines St\u00fcck Wei\u00dfbrot habe ich gestern oben am Weizberg erhalten, es wird halt bis Donnerstag etwas hart werden, Eier bekomm ich vielleicht heute ein paar; wenn ich Mehl bekomm, soll ich es da behalten oder mitbringen? <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Dein Adolf]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">[Stadt]<\/span>, am 23. Februar 1919.<br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Mein lieber Adolf!]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span> Gelt mein letztes Schreiben klang so unvollst\u00e4ndig und tr\u00e4ge. Aber wei\u00dft, es lag so ein starker Druck auf meiner Seele und den ganzen Tag war ein solches Bangen und Zittern in mir, das ich vor Dir verbergen wollte, damit Du Dich nicht unn\u00f6tig sorgst! \u2013 Wei\u00dft Karli\u2019s Erbrechen war nicht so einfach. Es w\u00e4hrte den ganzen Vormittag und sogar den Thee erbrach er. Auf einmal wurde er im Gesichte ganz grau, die Lippen blau \u2013 ein Anblick, wie er der Mutter noch von Greterls Sterben <span style=\"color: #333399;\">[?]<\/span> erinnerlich ist!! Ich und Mutter waren zu Tode erschrocken, <span style=\"color: #333399;\">Luise [Schwester der Schreiberin]<\/span> selbst dachte das \u00c4rgste. \u2013<br \/>\nGott hat mir aber diese Pr\u00fcfung geschenkt.\u2013 Aber noch heute machen sich bei mir die Nachwirkungen dieser schrecklichen Stunden f\u00fchlbar. \u2013 <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nHedwig <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1915]<\/span> ist noch immer heiser. Ich habe ihr die Haare kurz geschnitten und nun sieht sie noch mehr einem Trotzk\u00f6pfchen \u00e4hnlich. Da sie das Folgen im Spital scheinbar ganz verlernt hat, mu\u00dfte ich es ihr schon einigemale mit einigen \u201ePrackern\u201c beibringen. Bei der Gelegenheit erz\u00e4hlte sie mir, da\u00df sie im Spital auch nicht gefolgt und aber keine Schl\u00e4ge bekommen habe! Essen will sie gar nichts. Da gibt es immer Tr\u00e4nen. Doch Nusserl <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1914]<\/span> bekam ja auch erst nach 3 Wochen Hunger.<br \/>\nAdolfi <span style=\"color: #333399;\">[geb. 1913]<\/span> soll sich unten bei der Unmenge von Erziehern und Erzieherinnen \u2013 von denen er aber nur Gro\u00dfmutter und Tante Anna gelten l\u00e4\u00dft \u2013 ganz wohl f\u00fchlen <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nMein Nettogewicht betr\u00e4gt 44 \u00bc kg. Darum <!--more-->w\u00e4re ich ganz froh gewesen, wenn ich mich vor unserer \u00dcbersiedlung etwas erholen h\u00e4tte k\u00f6nnen! Doch glaube ich kaum, da\u00df ich f\u00fcr das Rosenberger-Erholungsheim in betracht komme. \u2013 <span style=\"color: #333399;\">[Maria E. war an TBC erkrankt.] [\u2026]<\/span><br \/>\nWie es in Graz zugeht, wei\u00dft Du ja aus der Zeitung! Da\u00df aber Mutter am Donnerstag ahnungslos in den Rummel gekommen ist, mu\u00df ich Dir erz\u00e4hlen. Sie wartete, nachdem sie bei Pepi gehamstert hatte, vergeblich auf die Stra\u00dfenbahn; folglich ging sie zu Fu\u00df, bis eine gro\u00dfe Menschenmenge, aus der Rufe: \u201eAufhalten\u201c u.\u00e4. ert\u00f6nten, ihr entgegenkam. \u2013 In ihrer Angst bat sie 2 Kommunisten um ihren Schutz, die ihr bis zur Glacisstra\u00dfe das Geleite gaben!<br \/>\nIn Schwei\u00df gebadet und zitternd am ganzen K\u00f6rper kam Mutter mit der schweren Einkaufstasche unversehrt nach Hause!<span style=\"color: #333399;\"> [\u2026]<\/span> Unter solchen Umst\u00e4nden ist meine Sehnsucht nach dem Frieden des Dorfes umso begreiflicher, wenn wir in der Vorstadt auch der Gefahr nicht so nahe sind! <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\nAn Dr. M. und seine Frau sandte ich Gl\u00fcckw\u00fcnsche. Doch aus dem Dank erfuhr ich, da\u00df sie noch gar nicht geheiratet haben! Wenn es die Herrn Bolschewiki zulassen, soll heute die Hochzeit stattfinden. \u2013 <span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">[Deine Maria]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sammlung Frauennachl\u00e4sse NL 174<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Kein weiterer Eintrag aus dem Nachlass der Familie E.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333399;\">Voriger Eintrag aus dem Nachlass von Maria E. <a href=\"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=37285\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">am 6. Februar 2019<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die Verwendung der Namen der Schreiber\/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachl\u00e4sse mit den \u00dcbergeber\/innen. In diesem Fall sind auch die Ortsangaben anonymisiert angegeben. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgr\u00fcnden anonymisiert. Die Briefe des Ehepaars E. liegen in der Sammlung Frauennachl\u00e4sse \u2013 in Ausz\u00fcgen \u2013 als Abschrift vor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen \u2013 Ausz\u00fcge aus Best\u00e4nden der Sammlung Frauennachl\u00e4sse Nr. 151, Korrespondenz von Maria und Adolf E., Datum, SFN NL 174, unter: URL<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang 1919 plante Familie E. einen Umzug in eine steirische Bezirkshauptstadt, wo Adolf E. eine Rechtsanwaltskanzlei er\u00f6ffnet hat. Maria E. organisierte die Familie mit vier kleinen Kindern inzwischen alleine, unterst\u00fctzt wurde sie dabei von ihrer Mutter, ihrer Schwester und einem Dienstm\u00e4dchen &#8211; sowie von Lebensmittelsendungen des Ehemannes. 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