{"id":390,"date":"2007-08-31T09:00:11","date_gmt":"2007-08-31T07:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=390"},"modified":"2025-01-06T09:37:39","modified_gmt":"2025-01-06T09:37:39","slug":"diskussionsbeitrag-von-michael-mitterauer-nicht-der-raum-das-problem-ist-der-ausgangspunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=390","title":{"rendered":"Michael Mitterauer: Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? (Kommentar)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? Kommentar<\/strong><br \/>\nMichael Mitterauer<\/p>\n<p><strong>Nicht der Raum, das Problem ist der Ausgangspunkt<\/strong><\/p>\n<p>\u201eE possibile una storia europea delle donne?\u201c lautet die Frage, von der die hier gef\u00fchrte Diskussion ihren Ausgang genommen hat. Ich m\u00f6chte mich ihrer Beantwortung vor allem aus der Perspektive der Geschlechtergeschichte bzw. der Familiengeschichte ann\u00e4hern. Mit beiden habe ich Erfahrung. Parallelen zur Frauengeschichte scheinen mir durchaus gegeben. Mein Versuch einer Antwort bedeutet eine Modifikation der Fragestellung. Sicher ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte, Familiengeschichte m\u00f6glich. Aber ist es sinnvoll, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte, Familiengeschichte auf den r\u00e4umlichen Rahmen Europa bezogen zu betreiben?<\/p>\n<p>Drei Bespiele aus eigener Arbeitserfahrung. Ich habe mich viel mit der Bedeutung patrilinearer Verwandtschaftssysteme f\u00fcr die Stellung von Frauen und M\u00e4nnern in historischen Gesellschaften und deren Fortwirken bis in die Gegenwart besch\u00e4ftigt. Solche Studien erfordern den Vergleich. Sicher kann man Kontrastbeispiele zu den im Kulturraum Europa seit alters vorherrschenden bilateralen Strukturen auch im Rahmen des Kontinents Europa finden \u2013 etwa im westlichen Balkanraum, vor allem im n\u00f6rdlichen Albanien oder in Montenegro. Geht man aber \u00fcber den Kontinent Europa hinaus, so er\u00f6ffnet sich ein viel weiteres Feld an Vergleichsm\u00f6glichkeiten. Das Bild patrilinearer Kulturmuster wird differenzierter. In den Ahnenkultgesellschaften Ostasiens etwa hat Patrilinearit\u00e4t eine ganz andere Funktion als in Stammesgesellschaften des Vorderen Orients. Beide hier exemplarisch genannten Typen helfen, aus dem Kontrast verschiedene europ\u00e4ische Entwicklungen des Verwandtschaftssystems besser zu verstehen. Nat\u00fcrlich gilt das auch vice versa. Wenn wir das Ph\u00e4nomen der bint amm-Ehe \u2013 der verpflichtenden Heirat mit der Vatersbruderstochter &#8211; unter Zuwanderern in europ\u00e4ischen Gro\u00dfst\u00e4dten der Gegenwart begreifen wollen, so hilft uns die europ\u00e4ische Frauen-, Geschlechter- und Familiengeschichte gar nichts. Das heutige Problem \u2013 und die Beeintr\u00e4chtigung der freien Partnerwahl bedeutet wohl ein solches \u2013 f\u00fchrt \u2013 historisch-genetisch betrachtet \u2013 weit \u00fcber Europa hinaus.<\/p>\n<p>Ein zweiter Themenkreis, der mich viel besch\u00e4ftigt hat, betrifft die Geschichte der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. In Hinblick auf realisierte und postulierte Formen der Neuverteilung von Arbeit zwischen Frauen und M\u00e4nnern hat dieser Problemkreis sicher Aktualit\u00e4t. Eine Historische Anthropologie der Arbeitsteilung muss mit der Ethnologie kooperieren. Die Ethnologia Europaea bietet wohl viel an aufschlussreichem Vergleichsmaterial. Erkl\u00e4rungsmodelle f\u00fcr historisch gewachsene Formen der Arbeitsteilung gewinnen aber sicher an Validit\u00e4t, wenn <!--more-->ihr nicht nur europaweit, sondern weltweit komparatives Material zugrunde liegt. So sind mir Sonderformen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in europ\u00e4ischen Fischergesellschaften oder unter Hirten auf der Basis von Transhumanz erst in einer \u00fcber Europa hinausgehenden Sicht bewusst geworden.<\/p>\n<p>Bei einem dritten Arbeitsbereich meiner Studien, der zum hier debattierten Fragenkomplex passt, geht es um die Geschichte unehelicher Geburten. Unehelichkeit war und ist zum Teil heute noch mit gesellschaftlicher Diskriminierung verbunden. Eine Geschichtswissenschaft mit emanzipatorischer Absicht wird sich diesem Themengebiet stellen m\u00fcssen. Auch hier gilt: Europa bietet vielf\u00e4ltige Muster von Unehelichkeit, deren Vergleich historisch interessante und f\u00fcr die Gegenwart relevante Ergebnisse erbringt. Aber sieht man \u00fcber Europa hinaus, so wird das Bild weitaus vielf\u00e4ltiger. Diskussionen auf einer derart weit ausholenden Basis waren f\u00fcr mich vor 25 Jahre am Institut f\u00fcr Historische Anthropologie der Universit\u00e4t Freiburg der entscheidende Ansto\u00df, Historische Familienforschung, Geschlechtergeschichte, zum Teil auch Frauengeschichte in einem \u00fcber Europa hinausgehenden r\u00e4umlichen Kontext zu betreiben.<br \/>\nAufgrund meiner pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit Geschlechtergeschichte, Familiengeschichte, auch Frauengeschichte m\u00f6chte ich die These formulieren: Nicht ein bestimmter Raum, sondern ein bestimmtes aktuelles Problem sollte der Ausgangspunkt f\u00fcr unsere historische Forschungsarbeit sein. Unterschiedliche Probleme bed\u00fcrfen unterschiedlicher Untersuchungsgebiete. Diese Untersuchungsgebiete k\u00f6nnen sich auf Europa bzw. dessen Teilregionen beschr\u00e4nken, sie k\u00f6nnen aber auch \u00fcber Europa hinausgehen. Um realistisch zu sein: Mehr Wissen um Geschlechtergeschichte, Frauengeschichte, Familiengeschichte innerhalb verschiedener europ\u00e4ischer Regionen ist schon ein gro\u00dfer Fortschritt. Gerade gegen\u00fcber Ost- und S\u00fcdosteuropa sehe ich diesbez\u00fcglich viel Nachholbedarf und habe mich in meinen Arbeiten sehr um eine Erweiterung des Blickfelds bem\u00fcht. Aber warum sollte dieses Blickfeld an den Grenzen Europas enden, wo immer man diese zieht? Die Frage nach den M\u00f6glichkeiten einer europ\u00e4ischen Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte,<\/p>\n<p>Familiengeschichte kommt aus ganz anderen Zusammenh\u00e4ngen als den wirklich brennenden Problemen dieser aspektorientierten historischen Teildisziplinen. Ludolf Kuchenbuch hat sehr treffend von \u201eEurose\u201c bzw. \u201eEurotik\u201c in der Geschichtswissenschaft gesprochen. Sicher \u2013 alle reden \u00fcber Europa. Aber es gibt wichtigere Probleme.<\/p>\n<p>Zitation: Michael Mitterauer: Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? Kommentar, auf: Salon 21 (31.08.2007), https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=390<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist eine europ\u00e4ische Frauengeschichte m\u00f6glich? Kommentar Michael Mitterauer Nicht der Raum, das Problem ist der Ausgangspunkt \u201eE possibile una storia europea delle donne?\u201c lautet die Frage, von der die hier gef\u00fchrte Diskussion ihren Ausgang genommen hat. Ich m\u00f6chte mich ihrer Beantwortung vor allem aus der Perspektive der Geschlechtergeschichte bzw. der Familiengeschichte ann\u00e4hern. 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