{"id":944,"date":"2008-03-31T10:45:27","date_gmt":"2008-03-31T08:45:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.univie.ac.at\/Geschichte\/salon21\/?p=944"},"modified":"2025-08-09T07:43:26","modified_gmt":"2025-08-09T07:43:26","slug":"vortrag-karin-s-wozonig-emanzipation-des-fleisches-und-diatetik-der-seele-burgerliche-selbstdisziplinierung-und-geschlechtscharaktere-im-neunzehnten-jahrhundert-010408-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/?p=944","title":{"rendered":"Vortrag Karin S. Wozonig: Emanzipation des Fleisches und Di\u00e4tetik der Seele. B\u00fcrgerliche Selbstdisziplinierung und Geschlechtscharaktere im neunzehnten Jahrhundert, 01.04.2008, Wien"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><strong>Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Gendered Subjects VI: K\u00f6rpermetaphern als Geschlechtermetaphern<\/strong> <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/gender.univie.ac.at\/bibliothek-und-publikationen\/publikationen\/gendered-subjects\/\" rel=\"noopener\">(Web)<\/a><\/p>\n<p>Zeit: Dienstag 01.04.08, 18:00-20:00 Uhr<br \/>\nOrt: HS B, AAKH Campus Hof 2 1090 Wien, Spitalg. 2<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em>\u201eWeg den egoistischen Blick von dem kleinlichen Zustande deiner Einzelheit! \u2013 hinaus, \u2013 mit Kopf, Herz und Hand, den gro\u00dfen, heiligen Angelegenheiten des Volkes, der Staaten, der Menschheit zugewendet! und die Kraft des Geistes \u00fcber die Misere des Stoffes wird siegreicher und segenreicher offenbar werden, als ich es in schwachen Worten verk\u00fcnden konnte.\u201c<\/em> (Ernst von Feuchtersleben: Zur Di\u00e4tetik der Seele, 5. Auflage, Wien 1848).<br \/>\nErnst von Feuchtersleben (Arzt und Dichter) reiht sich mit seinem \u00fcberaus erfolgreichen Buch Zur Di\u00e4tetik der Seele, erste Auflage 1837, in eine lange Tradition der di\u00e4tetischen Schriften ein, greift auf sie zur\u00fcck und spiegelt doch seine Gegenwart, das biedermeierliche Wien. Feuchterslebens Anweisungen f\u00fcr die \u201eKunst sich zu beherrschen\u201c verweisen auf die problematische R\u00fcckbindung von K\u00f6rperlichkeit und B\u00fcrgerlichkeit, die die Konstruktion des modernen B\u00fcrgers begleitet. Sie ist das Ergebnis eines komplexen B\u00fcndels an Faktoren<!--more-->, zu denen eine umfassende Rationalisierung der Lebenswelt und ein Vorrang der Empirie vor anderen Erkenntnisformen geh\u00f6ren. Dazu gegenl\u00e4ufig, aber ebenso konstitutiv f\u00fcr die Moderne, sind Prozesse der Individualisierung und Subjektivierung. Die Konstruktion der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit als Bereich des Rationalen und des Erwerbslebens f\u00fchrte nicht nur zum Ausschluss der Frauen, sondern es ergeben sich aus der Hierarchisierung der Sph\u00e4ren und der Ausbildung der \u201eGeschlechtscharaktere\u201c bis zur Zeit Feuchterslebens und dar\u00fcber hinaus weitere Komplexit\u00e4tssch\u00fcbe in der b\u00fcrgerlichen M\u00e4nnlichkeits-konstruktion, die die Entwicklung des B\u00fcrgers als diskursiv zu bew\u00e4ltigende St\u00f6rungen begleiten. Subjektivierung, Verunsicherung, die andere Seite von Rationalisierung und \u00d6konomisierung, werden aus der m\u00e4nnlichen, b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit in den privaten, weiblichen Bereich verschoben. Verk\u00f6rperte, b\u00fcrgerliche Affektkontrolle macht den B\u00fcrger nicht nur weiblich und damit f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sph\u00e4re untauglich (entb\u00fcrgert ihn), sondern der gez\u00e4hmte B\u00fcrgerk\u00f6rper \u00e4hnelt dar\u00fcber hinaus auch dem politischen Gegenspieler, dem Aristokraten. Zur Di\u00e4tetik der Seele reagiert auf diese vielgestaltigen Wechselwirkungen von B\u00fcrgerk\u00f6rper und politischer und sinnlicher Unterdr\u00fcckung. Stellt man den Text Feuchterslebens in den literarischen Kontext der Zeit und setzt man ihn zur Vorm\u00e4rz-Rede von der \u201eEmanzipation des Fleisches\u201c in Beziehung, zeigt sich gerade in seinen K\u00f6rpermetaphern deutlich die Hybridit\u00e4t des Subjekts, an das sich der Text wendet: der latent neurotische b\u00fcrgerliche Mann.<\/p>\n<p>Literatur (Auswahl):<br \/>\nFranz X. Eder: \u201eDurchtr\u00e4nktsein mit Geschlechtlichkeit\u201c. Zur Konstruktion der b\u00fcrgerlichen Geschlechterdifferenz im wissenschaftlichen Diskurs \u00fcber die \u201eSexualit\u00e4t\u201c (18.-19. Jahrhundert) In: Margret Friedrich und Peter Urbanitsch (Hg.): Von B\u00fcrgern und ihren Frauen. Wien u. a.: B\u00f6hlau 1996. 24-47.<br \/>\nKarin Hausen: Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbsarbeit und Familienleben. In: Sozialgeschichte der Neuzeit Europas. Werner Conze (Hg.): Stuttgart 1976, 363-393.<br \/>\nCornelia Klinger: 1800 &#8211; Eine Epochenschwelle im Geschlechterverh\u00e4ltnis. In: Katharina Rennhak und Virginia Richter (Hg.): Revolution und Emanzipation. Geschlechterordnung in Europa um 1800. K\u00f6ln u.a: B\u00f6hlau 2004. 17-32.<br \/>\nWolfgang Lukas: \u201eWeibliche\u201c B\u00fcrger vs. \u201em\u00e4nnliche\u201c Aristokratin. Der Konflikt der Geschlechter und der St\u00e4nde in der Erz\u00e4hlliteratur des Vor- und Nachm\u00e4rz. In: \u201eEmancipation des Fleisches\u201c. Erotik und Sexualit\u00e4t im Vorm\u00e4rz. Jahrbuch des ForumVorm\u00e4rzForschung 5. Jg. 1999. 223-260.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Gendered Subjects VI: K\u00f6rpermetaphern als Geschlechtermetaphern (Web) Zeit: Dienstag 01.04.08, 18:00-20:00 Uhr Ort: HS B, AAKH Campus Hof 2 1090 Wien, Spitalg. 2 \u201eWeg den egoistischen Blick von dem kleinlichen Zustande deiner Einzelheit! \u2013 hinaus, \u2013 mit Kopf, Herz und Hand, den gro\u00dfen, heiligen Angelegenheiten des Volkes, der Staaten, der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-944","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-events"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=944"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/944\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82057,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/944\/revisions\/82057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/salon21.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}