Ringvorlesung: Terrorismus und Gender: Hat der Terrorismus ein Geschlecht?, WiSe 2007/08, Berlin

Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin, Berlin
Zeit: 29.10.2007-03.03.2008
Ort: Alt-Friedrichsfelde 60, 10315 Berlin, Haus 6B, Raum 055
Das Thema Terrorismus ist in der Politik wie in den Medien zurzeit allgegenwärtig. Auch in der Wissenschaft wird es zunehmend präsenter. Fragen nach den Gründen oder Zielen von Terrorismus, Fragen nach dessen Bekämpfung oder Prävention, Fragen nach den Tätern und Täterinnen oder – allerdings weniger – nach den Opfern und ihren Schicksalen stehen auf der Tagesordnung. Analysiert werden der Begriff des Terrorismus, die Ideologien oder Theorien, die hinter ihm stehen, das Verhältnis von Terrorismus und Staat, insbesondere Polizei und Justiz oder auch die Beziehung von Terrorismus und Politik oder Gesellschaft. Als Analysekategorien dienen Ethnizität oder Religion, Klasse oder Raum. Weniger bis kaum findet sich hingegen die Analysekategorie „Geschlecht“. Scheint doch die Frage „Hat der Terrorismus ein Geschlecht?“, die zugleich Untertitel der interdisziplinären Ringvorlesung „Terrorismus und Gender“ an der FHVR Berlin ist, ganz einfach beantwortbar zu sein: Der „moderne“ Terrorismus ist männlich und nicht etwa nur, weil es der Terrorismus heißt: So bestimmen heute zunächst Täter das Bild und nicht Täterinnen. Erst bei genauerem Hinschauen wird deutlich, dass hier zu differenzieren ist, dies gilt mit Blick auf die RAF (die interessanterweise quasi umgekehrt auch als scheinbar weibliche Gewaltform wahrgenommen wird) oder die IRA genauso wie mit Blick auf die italienischen roten Brigaden oder die Volksfront zur Befreiung Palästinas beziehungsweise für den Islamischen Dschihad oder die Hamas. Und dies gilt selbstverständlich auch mit Blick auf die Angehörigen der Täter und Täterinnen und erst recht mit Blick auf die Opfer und deren Familien. Das Forschungsdefizit ist groß. Nimmt man Gender als Analyse- und Strukturkategorie allerdings ernst, so muss darüber hinaus auch nach den Auswirkungen von terroristischer Gewalt auf lokale oder globale Geschlechterverhältnisse gefragt werden, nach der Konstruktion von Geschlechterdifferenzen in den politischen wie wissenschaftlichen Debatten rund um das Thema Terrorismus oder nach den Wechselwirkungen zwischen der Kategorie Geschlecht und den oben erwähnten Kategorien Ethnizität, Religion, Klasse oder Raum in eben diesen Debatten. Hier nun setzt die interdisziplinäre Ringvorlesung der FHVR Berlin „Terrorismus und Gender: Hat der Terrorismus ein Geschlecht“ an. Mit ihr will die FHVR Berlin eine nachhaltige Informationsgrundlage zum Thema liefern, aber auch eine weitergehende Diskussion anstoßen.
Zu den Vortragenden zählen national und international renommierte Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft wie aus der polizeilichen Praxis. Stets mit Blick auf die Kategorie „Geschlecht“ beginnt die Ringvorlesung mit einer kritischen Bestandaufnahme der bisher erfolgten Auseinandersetzung mit dem Thema Terrorismus und Terrorismusbekämpfung durch Prof. Dr. Sebastian Scherer (Hamburg), um sich dann dezidiert mit der Rolle von Geschlecht in den deutschen Debatten zum Terrorismus zu beschäftigen (Prof. Dr. Sylvia Schraut, München). Anschließend werden Gewalt und Widerstand in Tschetschenien zum Thema der Vorlesung, dabei insbesondere die Rolle der so genannten „Schwarzen Witwen“ (Dr. Uwe Halbach, Berlin), gefolgt von einer Veranstaltung zur Frage nach dem Verhältnis von „Sexuality and Terrorism“, die Prof. Dr. h.c. Mark Juergensmeyer, PhD (Santa Barbara, USA) beantworten will. Einen Überblick über den islamistischen Terrorismus und dessen Geschichte unter Genderaspekten bietet die anschließende Vorlesung (Dr. Christiane Nischler, München). Wurde das Thema bis zu diesem Zeitpunkt aus sozial-, politik-, geschichts- und kriminalwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet, so steht in der nächsten Veranstaltung eine juristische Auseinandersetzung mit ihm auf der Agenda: „Terrorismus, Frauen und Völkerrecht“, so lautet der Titel der Vorlesung von PD. Dr. Charlotte Gaitanides (Hamburg), während Prof. Dr. Ursula Birsl in der anschließenden Veranstaltung der Frage: „Rechtsextreme Gewalt: Nur ein Männerthema?“ nachgeht. Es folgt ein Einblick in die polizeiliche Auseinandersetzung mit dem Terrorismus – wobei nicht zuletzt die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die polizeiliche Praxis zu hinterfragen ist (Kriminaldirektor Wolfgang Barten, Meckenheim). Eine entsprechende Frage gilt es selbstverständlich ebenfalls mitzudenken bei dem abschließenden Überblick über die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Terrorismus, den Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke (Berlin) bietet.
Programm
29.10.07 Einführung in die Ringvorlesung
Dr. Ursula Fuhrich-Grubert, FHVR Berlin
Terrorismus und Terrorismusbekämpfung – eine kritische Bestandsaufnahme
Prof. Dr. Sebastian Scheerer, Universität Hamburg
Moderation: Dr. Ursula Fuhrich-Grubert
19.11.07 Die Rolle von Geschlecht in den Debatten um Terrorismus in Deutschland
Prof. Dr. Sylvia Schraut, Universität der Bundeswehr München
Moderation: Prof. Dr. Irmela Gorges
03.12.07 Gewalt und Widerstand in Tschetschenien: Historische und politische Hintergründe und die Rolle der „Schwarzen Witwen“
Dr. Uwe Halbach, Stiftung für Wissenschaft und Politik Berlin
Moderation: Prof. Dr. Oesten Baller
10.12.07 Sexuality and Terrorism
Prof. Dr. Dr. Mark Juergensmeyer, University of California Santa Barbara – USA
Moderation: Prof. Dr. Hans Paul Prümm
17.12.07 Der islamistische Terrorismus und seine Geschichte
Dr. Christiane Nischler, Strategisches Innovationszentrum der Bayerischen Polizei München
Moderation: Prof. Sigmar-Marcus Richter
14.01.08 Terrorismus, Frauen und Völkerrecht
P.D. Dr. Charlotte Gaitanides, Universität der Bundeswehr Hamburg
Moderation: Prof. Dr. Jutta Müller-Lukoschek
28.01.08 Rechtsextreme Gewalt: Nur ein Männerthema?
Prof. Dr. Ursula Birsl, Technische Universität Berlin
Moderation: Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke
25.02.08 Polizeiliche Auseinandersetzung mit dem Terrorismus
Kriminaldirektor Wolfgang Barten, Bundeskriminalamt Meckenheim
Moderation: Prof. Dr. Birgitta Sticher
03.03.08 Die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Terrorismus
Prof. Dr. Hans–Gerd Jaschke, Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Kühnel
Kontakt: Sabine Morian
Alt-Friedrichsfelde 60, 10315 Berlin
s.morian[at]fhvr-berlin.de
URL: http://www.fhvr-berlin.de
Beitrag aus HSozuKult

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