Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen – Auszüge aus Beständen der Sammlung Frauennachlässe Nr. 135: Feldpostkarten von Adolf Müller an seine Ehefrau und den kleinen Sohn, 16. September bis 11. Oktober 1918 aus der Gegend von Lublin in Ostpolen nach Wien

Adolf Müller (geb. 1881) war in der Kriegsverwaltung tätig. Im September 1918 war er aus der Gegend von Sbarasch in der Ukraine nach Ostpolen versetzt worden. Seine Familie war inzwischen aus der Sommerfrische in Slavonien (Kroatien) wieder nach Wien zurückgekehrt. In den Schreiben aus dem Spätsommer und Herbst 1918 kommt zunehmend die Kriegsverdrossenheit und der Wunsch nach einem Ende des nun bereits mehrere Jahre dauernden Situation der Trennung zur Sprache. Gegenüber seiner Ehefrau skizzierte der Beamte auch Strategien, wie sie beide in der Zukunft das Familieneinkommen möglicherweise gemeinsam bestreiten könnten. Dem kleinen Sohn malte er zu dessen Geburtstag das kulinarische Schlaraffenland aus, das Wien in Friedenszeiten war – und das es wieder werden würde.

16./IX.18
Liebe Louise!
Die Übersiedlung ist schneller von Statten gegangen, als ich gefürchtet hatte. Gestern n.m. gegen 7 h fuhren wir von Lemberg weg u. waren heute 3 h morgens an Ort und Stelle um 5 h begann die Auswaggonierung – es lag dichter Nebel rings herum – gegen 9 h setzten sich die Fuhrwerke in Bewegung und nach vielleicht weiteren 20 Minuten waren wir an Ort & Stelle. Wir sind in Kasernen untergebracht die – vielleicht 1/2 Stunde außerhalb der Stadt gelegen – so in Pavillonform, ähnlich dem Wr. Versorgungsheim in Liesing [im Süden von Wien] angelegt sind, jedes einzelne Gebäude höchstens für 1 Halbkomp. Ich war jedenfalls, wie ich das Ganze sah, sehr angenehm enttäuscht. Lebensmittel sollen auch in der Stadt zu kaufen sein, nur noch viel teurer, als in Galizien! H. R. ist, glaube ich, in Lublin, das ist nicht weit weg von hier, wenn ich auf Urlaub fahre muß ich über Lublin & auch über Jedrzejow (1914/15) fahren! Wenn ich nur schon wieder auf Urlaub fahren könnte! Na vielleicht in 5 Monaten! Bis dahin ade, ihr Lieben
Adolf [quer über den Text geschrieben]

17./IX.18
Liebe Louise!
Wenn deine Übersiedlung so glatt abgelaufen ist, wie die unsere, kann ich dir nur gratulieren. Ich bin, nach den Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe, mit dem Tausche zufrieden, in dem Punkte dürftest du mir wohl widersprechen, hoffentlich ists in Wien jetzt doch wenigstens besser, als im Sommer vor der Ernte [vermutlich in Bezug auf die Lebensmittelsituation]. R. schrieb mir, dass er in den nächsten Tagen nach Wien kommen dürfte & dich besuchen wird, ich habe meine Antwort an seine Wr. Adresse gerichtet. Auch Tante Marta schrieb mir, dass sie meine bzw. deine Glückwünsche erhalten habe & dass sie dir an die Wr. Adresse Antwort schicken wird. Nur Familie Lang [die Eltern der Cousine Christl Wolf] hüllt sich nach wie vor in Schweigen, das ich jedoch nicht mehr unterbrechen werde und wenn es bis zum nächsten Urlaub dauern sollte!! Hast du viel Mehl & Fett mit hineingenommen [aus Nasice in Kroatien nach Wien]. Und hast du es heil über die Grenze gebracht? Hast du nicht Frau A. ersucht dir, so wie Tante M. von Zeit zu Zeit 1 kg Packerln zu senden? Was ists mit Unterstützung?
Das alles interessiert sehr euren Vater

18./IX.18
Liebe Louise!
Deine Karte nebst Photographie habe ich heute erhalten und ersehe aus der letzteren, dass du sehr gut aussiehst, weniger gut sieht Otto aus [der ältere Sohn im Volksschulalter], der so schwarze Ringe um die Augen hat. Dem hätte es nicht geschadet, wenn er recht viel Milch getrunken hätte, gelungen ist nur, dass Tante Gisela böse ist, weil […] wir bei ihr nicht Speichel lecken wollen, aber nur getrost, auf einen Brief von mir kann sie lange warten. Und wenn sie noch so böse ist, das kränkt mich sehr wenig. Wer meine Korrespondenzen konstant keiner Antwort würdigt, der soll sich nicht beklagen, dass ich mich ihm mit meiner Korrespondenz lästig falle. Wie ist das Leben jetzt in Wien. Im Vergleich zu N. [Nasice] jedenfalls schlecht. Jetzt musst du halt von dem angesammelten Speck zehren.
Gruss und Kuss dir und Kindern von eurem Vater.

22./IX.18
Liebe Louise!
Ich warte gestern voll Ungeduld auf die versprochene Entscheidung in der U.B. Sache [das Ehepaar bemühte sich seit längerer Zeit um eine Gehaltserhöhung bzw. Erhöhung der Unterstützungszahlungen], jedoch vergeblich, das heiss ersehnte Schriftstück kam nicht an. Nur glaubte ich aus deiner Mitteilung auch schon eine gewisse Resignation mitklingen zu hören, also meine Hoffnungen sind nicht allzu hoch gespannt. Schliesslich muss man Gott für alles danken, und wenn du nur so viel bekommst, dass du monatlich einmal den Ofen putzen lassen kannst, ist es auch nicht zu verachten. Das heisst, das Gasrohr ausblasen lassen, wollte ich schreiben. Warum bin ich kein kriegsuntauglicher Installateur, da könnte ich mir mehr verdienen, als ein H. K. Direktor. Die Friedenshoffnungen haben durch die Antworten der feindlichen Staatsmänner wieder eine beträchtliche – Watschen sagt der Wiener – bekommen.
Na, nur so fort. Gruss, Kuss Adolf

30/IX.18
Liebe Louise!
Deine Karte vom 27./IX habe ich heute erhalten & entnehme aus derselben nur so viel, dass du dieselbe in sehr aufgeregter Stimmung geschrieben haben musst. Du schimpfst über den Staat, schimpfst über die Gemeinde, es fehlt nicht viel, so schimpfst du über unseren Herrgott. Aber tröst dich, solange, als er schon dauert, kann der Krieg nicht mehr dauern und wenn er erst vorüber ist, und wir haben das „letzte Kraut“ verputzt, ist mir gar nicht bange, wir werden uns schon wieder erholen, ich nehme Stunden in der Handelsschule. Du putzt fleißig Mascherln auf [Arbeit als Modistin] & wir werden im Gelde schwimmen?! Aber nur aus sollte er schon sein der – Krieg. Na vielleicht haben wir Glück, dass er heuer zu Weihnachten heißen wird: Frieden den Menschen auf Erden!
Gruß und Kuß Adolf

6./X.1918
Liebe Louise!
Heute erhielt ich deine Karte vom 4./X. (!) und die 50 K, auch eine Karte von Otto aus Langenlois. Aus der ersteren entnehme ich, dass ihr in Wien die Lage genau so optimistisch beurteilt, wie wir heraußen. Vielleicht bewahrheitet sich doch meine Hoffnung, die ich beim Eintritt des Jahres 18 (Silvesterspruch) ausdrückte „das Christkind bracht‘ aus seiner Gnaden Brunnen des kommenden Friedens frohe Hoffnung dar, vollende, Neujahr du, was es begonnen und werde du ein frohes Friedensjahr!“ Zeit wär’s endlich einmal. Aber dann wollen wir das, was wir versäumt haben in den 4 Jahren, nachholen. Denn gar sehr viel Zeit haben wir nimmer! Das oder die ersten Jahre wird’s ohnehin noch schlecht ausschauen – aber dann!!
Einstweilen schickt viele Bussi euer Vater

8./X.18
Lieber Friedl! [der jüngere Sohn]
In einigen Tagen jährt sich zum 5.male der Tag, an dem Dich der Storch beim Fenster hereinschupfte. Aus diesem Anlasse wünsche ich dir nur, daß die kommenden Jahre in jeder Beziehung besser werden, als die verflossenen. Also du hast das noch nicht gespürt, denn dir ists noch nicht so gut gegangen, wie es uns früher allen und immer gegangen ist. Aber du wirst erst sehen, wie man in Wien lebt, wenn kein Krieg ist: In der Frühe Milchkaffee mit einer reschen Kaisersemmel, Vormittag ein Schuster Laberl mit Butter oder Liptauer [Topfenaufstrich] aufgestrichen, daß dirs Fett bei den Mundwinkeln herunterrinnt. Zu Mittag ein saftiger Kouschelspitz [?], als Mehlspeis ein Kaiserschmarrn oder ein paar km Topfenstrudel – u.s.fort mit Grazie! Na tröst dich bis du in die Schule gehst, werden wir, hoffe ich, schon wieder so oder wenigstens ähnlich leben. Also laß dirs zu deinem Geburts[tag] so gut ergehen, als es jetzt bei der Zeit möglich ist.
Viele Bussi von deinem Vater

11./X.
Liebe Louise!
Wenn sich deine in der Karte vom 7./X. ausgesprochene Hoffnung verwirklicht hat, hast du heute zum 1. Male aus der K. K. [?] gegessen. Na, wie hats geschmeckt? Die Antwort kannst du mir mündlich geben, ich hoffe im Laufe der kommenden Woche hineinzukommen, zum Dolmetscherkurs beim A.O.K. [Adolf Müller verfolgte den Plan, vom Fronteinsatz abgezogen zu werden. Eine Idee dazu war, sich als Dolmetscher ausbilden und einsetzen zu lassen.] Und wenn ich erst einmal [in Wien] drinnen bin, will ich schon alle Anstrengungen machen, nicht so rasch wieder herausgeschickt zu werden. Übrigens kommt jetzt ohnehin der Friede (aber wann!), also sind die schlimmsten Zeiten vorüber. Daß du für Friedel [den jüngeren Sohn] den Unterhaltsbeitrag bekommst, ist jedenfalls auch nicht zu verachten, auf alle Fälle besser, als nichts! Gretel hat auch die spanische Grippe, offenbar von der Schule! Ist Ottos [der ältere Sohn] Schule auch geschlossen? Schmalz ist hier fast so teuer wie in Wien, 80 K der kg, aber ich werde trachten Speiseöl mitbringen, hoffentlich ist das zu menschlichen Preisen zu bekommen.
Gruß Kuß Adolf

Sammlung Frauennachlässe NL 14 III
Kein weiterer Eintrag mehr aus der Korrespondenz von Adolf und Louise Müller: Die Karte von 11. Oktober 1918 ist das späteste im Nachlass erhaltene Schriftstück
Voriger Eintrag aus der Korrespondenz von Adolf und Louise Müller am 27. August 1918

Die Verwendung der Namen der Schreiber/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachlässe mit den Übergeber/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgründen anonymisiert.

Das Ehepaar Müller war nahe verwandt mit der Familie von Leopold Wolf und Christl Lang, SFN NL 14 I.

Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen – Auszüge aus Beständen der Sammlung Frauennachlässe Nr. 135, Briefe von Adolf an Louise Müller, Datum, SFN NL 14 III, unter: URL