Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen – Auszüge aus Beständen der Sammlung Frauennachlässe Nr. 66: Tagebuch von Augusta S., 12. Jänner 1916, Altlengbach

NL 97 Schanda 1916 01Augusta Carolina S. (geb. 1877) führte einen Laden in Altlengbach im Wienerwald. Ihr Ehemann Franz S. („Papi“) war nach einer Erkrankung während des Frontdienstes in „Russland“ und einem längerem Krankenhaus-Aufenthalt bei der Wasserleitungs-Bewachung in Ort eingesetzt worden. Nach den größeren zwei Buben war im Herbst 1915 auch Augusta S.s Tochter Guggi eingeschult worden. In einer Anekdote über die jüngste Fränzi (geb. 1915) kommt zum Ausdruck, wie auch kleine Kinder das Thema „Krieg“ mitgehört und rezipiert haben.

Am 12. Jänner 1916
besuchte ich [meinen] Vater in Enns. Er sieht nicht gut aus; sein Gesicht ist bleich, gelblich, fahl; Die Hände und Gesicht welk. Vater war in Linz im Krankenhaus, er sollte sich einer Operation unterziehen; […] Vater ist gedrückt er tut mir so leid. Wieder lamentierte er, daß er sich nicht wohl fühle in seiner Umgebung; er meinte auch wir sollten Altlengbach aufgeben u. nach Enns [wo die Herkunftsfamilie der Schreiberin ein Unternehmen führte] ziehen; ich konnte nicht gleich „ja“ sagen weil es mir unwahrscheinlich schien daß Franz [der Ehemann] zustimmen werde, hat er doch dort die ganze Wildnis in Ordnung gebracht im ganzen Haus, Garten u. Grundstücken. Ich gehe mit schweren Herzen von Vater, im Gefühl: „Wer weiß ob ich dich wiederfinde.“ u. „wie“ … blick‘ ich nochmal zurück .….

Papi Franz stimmt nicht zu! – es kämpft in mir. Die Kinder! ja die Kinder! Guggi  die ja nun auch schon in die Schule geht, erzählt mir: „Mami denk‘ dir, ich bin gestern im Unterrockerl in die Schule gelaufen.“ Geh‘ wie ist das möglich? ja ich hab‘ mich verschlafen wie du nicht da warst, u. mußte mich sehr tummeln, da hab‘ ich in Eile die Hängerschürze genommen u. ganz auf’s Kleiderl vergessen. – So schön! ist auch wieder gut wenn man nicht alle Tag‘ fort ist. – Geschehen ist geschehen es läßt sich nimmer ändern. Guggi macht mir oft heimlich Sorgen, weil sie ja wenig Appetit hat. –

1916 Fränzi hört natürlich viel über den Krieg sprechen nach Beendigung solcher Debatten sagte sie neulich in kindlicher Zusammensetzung: „Russen, gegen Deutschland müss’n alles in der Bratz’n ham!“ Wo sie das Wort aufgefangen hat weiß ich nicht.

Sammlung Frauennachlässe NL 97
Nächster Eintrag aus dem Nachlass von Augusta Carolina S. am 17. November 2018
Voriger Eintrag aus dem Nachlass von Augusta Carolina S. am 10. Oktober 2015

Die Verwendung der Namen der Schreiber/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachlässe mit den Übergeber/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgründen anonymisiert

Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen – Auszüge aus Beständen der Sammlung Frauennachlässe Nr. 66, Tagebuch Augusta S., 12. Jänner 1916, SFN NL 97, unter: https://salon21.univie.ac.at/?p=24274